Dreizehnhundertneunundsiebzig

Carsten hat jetzt mit Norbert vereinbart, das geplante Projekt weitgehend zu unterstützen.
Dazu stellt er aber einige Bedingungen, unter anderem, dass ich die technische Koordination übernehme. Das hört sich jetzt hochtrabender an, als es ist. Es geht im Wesentlichen darum, das Projekt angemessen im Internet darzustellen, und noch einige Punkte, die ich aber teilweise an unsere IT-ler delegieren kann. Wenn ich mich nicht darum kümmern würde, gingen wieder ein paar Tausender nach draußen, und das muss ja nicht sein.

Problematisch ist allerdings, dass ich dazu mit Ärzten kommunizieren muss. Ich kann nicht mit Ärzten. Die sprechen eine andere Sprache. Ein Bekannter hat dafür mal die Bezeichnung „Klinisch“ kreiert – im Gegensatz zu „Technisch“.
Ich erzählte Carsten von jenem Arzt, der schwer beleidigt war und völlig die Contenance verlor, nachdem ich ihn nach einem Messfehler gefragt hatte.
Carsten meinte, dass Ärzte schon eine eigene Spezies seien, und ich solle bei der Kommunikation bezüglich des Projektes ruhig mein technisches Know-how raushängen lassen, um die Ärzte in ihre Schranken zu verweisen. Und wenn sie sich zu arrogant oder unverschämt benehmen, würde er ihnen den Geldhahn zudrehen.

„Schade, dass deine Promotion noch nicht abgeschlossen ist“, fügte er hinzu, „so ein Titel macht bei den Medizinern Eindruck.“
Ich sagte gar nichts dazu. Erstens habe ich nicht die Absicht, den Titel tatsächlich zu führen, zweitens finde ich den Vergleich ziemlich hinkend. Während meines Studiums kannte ich eine Medizinstudentin. Die hat als Doktorarbeit lediglich ein halbes Jahr lang irgendeine statistische Auswertung gemacht, und das war’s auch schon.
Ich fragte Carsten nach Norbert’s Dissertation, und er antwortete, dass das – soweit er es mitgekriegt habe – keine größere Sache gewesen sei, sondern eher nur eine Formalität.

Nun ja, allzuviel werde ich nicht mit den Ärzten besprechen müssen.
Bei typischen Ärzten (so wie ich bisher mit ihnen zu tun hatte) kommt halt fast immer nur ein substanzloses Wischiwaschi. Ihr Wissen ist rein auswendig gelernt, ohne daraus auch weitergehende abstrakte Schlüsse ziehen, oder darüber hinaus anwenden zu können. In ihrem – eng begrenzten – Fachgebiet haben sie zwar (falls sie in ihrem Metier gut sind) praktische Erfahrung, aber sobald man konkretere, detailliertere Fragen stellt, sind sie auch schon am Ende ihres Lateins, würden das aber niemals zugeben, sondern versuchen weiterhin, mit medizinischen Termini als Buzzwords ihr Wunschimage als Halbgötter in Weiß aufrecht zu erhalten. Dabei steckt kaum etwas dahinter.
Dann gibt es noch Ärzte, die sich ihren Patienten gegenüber betont kumpelhaft benehmen. Dieses vertraulich-schleimige Verhalten ist mir zuwider. Ich ziehe eine professionelle Distanz vor.
Wenn die Ärzte meine Vorgaben nicht akzeptieren, müssen sie sich halt eine andere Geldquelle suchen. Entweder sie sind damit einverstanden, oder das ganze Projekt platzt. Ich habe zumindest keine Lust, länger mit ihnen herumzudiskutieren, zumal sie eh keine Ahnung von den technischen Belangen haben.

Nach diesen recht düsteren Vorahnungen konzentrierte ich mich lieber wieder auf Carsten, der mit der Digitalisierung schon weit vorangeschritten war, und im Begriff war tiefergehende Sondierungen durchzuführen.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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35 Antworten zu Dreizehnhundertneunundsiebzig

  1. idgie13 schreibt:

    Warum bist Du denn so grantig?
    OK – dass ein Medizin-Dr-Titel bei weitem weniger anspruchsvoll ist als ein naturwissenschaftlicher / technischer ist ja hinlänglich bekannt.

    Bislang hatte ich immer gute Ärzte und Ärztinnen (bis auf die eine Deutsche, die mir unbedingt eine Therapie aufdrängen wollte) sämtlicher Nationalitäten. Ein Arzt muss erst mal den Patienten helfen können und nicht irgendwelche Messmethoden nachprüfen. Das können die Mediziner machen, die in der Forschung sind. Die Bandbreite der möglichen Tätigkeiten ist ja recht gross.

    Meine persönliche Stärke ist, dass ich mich in die fachlichen Sprachen anderer Gebiete sehr gut einarbeiten kann. Die meisten Software-Entwickler können oder wollen das nicht und daher ist die Kommunikation mit den Kunden meist schwierig.

    Ich hoffe, das Projekt verläuft positiver als erwartet.

    Gefällt 1 Person

    • Ach, ich habe halt Bedenken, dass ich mit den Ärzten nicht gut auskommen werde.
      Da gab es bisher häufig Kommunikationsprobleme.

      Beispielsweise mit dem Messfehler:
      Ich war wegen einer Erkrankung bei einem Arzt, fühlte mich nicht wohl.
      Er machte verschiedene Untersuchungen und eine Messung mit einem speziellen Gerät, dessen Ergebnis er mir dann mitteilte.
      Um abzuschätzen, wie zuverlässig und aussagekräftig die Messung ist, fragte ich ganz höflich nach dem Messfehler, also wie genau das Gerät arbeitet.
      Schnauzt der mich an, wie ich dazu komme, ihm einen Fehler zu unterstellen, das müsse er sich nicht bieten lassen, blablabla.
      Und das gegenüber einer leidenden Patientin, die nur eine legitime Frage gestellt hat, und sich gerade nicht wehren kann.

      Andere Beispiele – wenn auch nicht so krass – hatte ich oben verlinkt.

      Den Medizinerjargon verstehe ich durchaus großteils. Bloß umgekehrt verstehen die meine Aussagen oft nicht richtig, und die Aussicht darauf bereitet mir Unbehagen.

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  2. aliasnimue schreibt:

    Die meisten Ärzte dürften genug Empathie besitzen um mit Dir umgehen zu können.

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  3. quasimodo4884 schreibt:

    *Lach
    Dir ist aber schon bewusst, dass ITler und Ärzte irgendwie „artverwandt“ in ihrer Sprache sind?
    Beide drücken sich gerne im Konjunktiv aus – somit wäre da schon mal eine erste Gemeinsamkeit und außerdem kochen Beide (Alle) mit Wasser. 😉

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  4. Molly L. schreibt:

    😀 Jaja, die Ärzte … Ich habe mir meine hier in Groß-Bummelsdorf zurechterzogen, dass klappt aber nicht immer, 😉
    Wobei es bei vielen Ärzten, die ich kenne, einen hohen Nerdy-Faktor gibt: hohe Fachkompetenz, schlechte Sozialkompetenz. 😀
    Davon abgesehen sind sie von mir sehr hoch geschätzt, unrühmliche Einzelexemplare ausgeschlossen.

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  5. Plietsche Jung schreibt:

    Klare Ansage.
    Sei froh, dass es keine Lehrer sind.

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  6. Patrick Albrecht schreibt:

    Also ich glaube, ich würde einen Titel mit Stolz herumtragen und ihn nicht unerwähnt lasseen in Signaturen etc.
    Aber das ist jeder anders 🙂

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    • So ähnlich hatte ich früher auch mal gedacht, bis mir auffiel, dass gerade die Leute, die viel Wert auf ihren Titel legen, es eher nicht so drauf haben.
      Und was ist so ein Titel denn nach den ganzen Plagiatsaffären überhaupt noch wert?

      Der Stolz auf die erbrachte geistige Leistung ist mir wichtiger, als meinen Namen damit aufzupeppen.

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    • idgie13 schreibt:

      Ich finde das überraschte Gesicht, dass die vermeintliche Sekretärin die Chef-Entwicklerin mit Doktortitel ist, viel besser … 🙂
      Mein Titel hat in der Signatur nichts verloren – den führe ich nur auf der Visitenkarte.

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