Dreizehnhundertsechs

Wenn man eine Reise tut, hat man unterwegs viel Zeit, die man nicht nur mit dem Lösen von Differentialgleichungen verbringen kann, zumal man sich dadurch leicht bei ungebildeten Mitreisenden verdächtig macht.
Da mir gerade wieder eine andere Sache im Kopf herumschwirrte (einige von euch wissen, warum, für die anderen ist es unerheblich), fragte ich Carsten (der in der aktuellen Situation keine Chance hatte abzulenken) über seine erste Ehe mit Ingrid aus.
Er war aber zu diesem Zeitpunkt einigermaßen entspannt, und saß bequem neben mir auf seinem Sitz.

„Du hast mir mal gesagt, dass nach Verena’a Geburt sexuell nichts mehr mit Ingrid lief“, begann ich unvermittelt.
„Naja, kaum noch. Und irgendwann gar nichts mehr. Aber wir hatten ja von Anfang an da Schwierigkeiten gehabt.“
„Warum hast du dich nicht von ihr getrennt?“
„Nur wegen Sex? Dafür habe ich – zumindest gelegentlich – Alternativen gefunden“, erklärte er, „und es gab die Firma, die Kinder, das Haus .. das hätte alles große Probleme verursacht.“
„Wie ist es Ingrid damit ergangen?“, fragte ich nach.
„Sie war, denke ich, zufrieden. Sie hatte ja alles, was sie wollte: eine Familie, ein großes Haus, hohes Ansehen bei der Dorfbevölkerung, und einen Ehemann mit Prestige, der sie ansonsten in Ruhe ließ. All das wäre für sie auch auf dem Spiel gestanden.“
„Und für dich teuer“, warf ich ein.
„Ja, sicherlich“, gab er zu, „und hätte die Existenz der Firma gefährdet. Ich sah also überhaupt keine Veranlassung, mich von ihr zu trennen.“
„Eventuell, um frei für eine neue Beziehung zu sein? Vielleicht mit einer deiner Gespielinnen?“
Er schüttelte kategorisch den Kopf: „Keinesfalls, mit denen wollte ich nie eine Beziehung.“ Er sprach weiter: „Vielleicht, wenn ich dich damals schon gekannt hätte. Du wärst es mir wert gewesen.“
„Danke. Aber ich glaube kaum, dass wir uns damals besser kennengelernt hätten, wenn du noch verheiratet gewesen wärest. Selbst wenn du mich damals nicht sofort losgeworden wärest, hätte es keine Arbeitswochenenden bei dir und keine gemeinsamen Abende in meiner Wohnung gegeben. Und du wärest zum Beispiel auch mit ihr zur Preisverleihung gegangen.“
„Das stimmt wohl. Aber vielleicht hätte ich dich zu meiner Geliebten gemacht – ohne diese Umwege wie Arbeitswochenenden. Ich glaube schon, dass ich das versucht hätte. Und dann hätten wir uns dabei auch näher kennenlernen können.“ Seine Hand, die auf meinem Oberschenkel lag, wanderte ein wenig höher.
„Tja, das ist alles Spekulation. In dieser Situation hätte ich mich aber bestimmt nicht auf ein exklusives Verhältnis eingelassen“, gab ich zu bedenken, „und ich glaube dir nicht, dass du wegen irgendjemandem deine Firma gefährdet hättest. Auch nicht meinetwegen. Das passt nicht zu dir. Das bist nicht du, das ist nicht der Mann, mit dem ich zusammenleben will.“
„Du hast bestimmt recht, Anny. Also ist es gut, dass es so gelaufen ist, wie es eben ist.“
Wortlos schmiegte ich mich zur Bestätigung so gut an ihn, wie es diese Sitze zuließen.

Ein paar Tage später griff ich – aufgrund neuester Entwicklungen – ein ähnliches Thema noch einmal auf (ja, ich weiß, dass solche Gespräche ihn nerven, aber ich revanchiere mich dafür auch hin und wieder), als wir zurück zum Hotel liefen.
„Was würdest du machen, Chéri, wenn ich irgendwann keine Lust mehr auf Sex hätte?“
„Keine Lust? Du meinst, aus gesundheitlichen Gründen?“
„Nein, nein. Geh davon aus, dass gesundheitlich alles passt, ich nur überhaupt nicht mehr mag.“
„Warum solltest du das? Erscheint mir völlig unplausibel.“
„Nimm einfach mal den hypothetischen Fall an, dass doch. Also, wie würdest du damit umgehen?“
„Wie kommst du nur auf so einen Unsinn, Samtpfötchen. Ich würde mich natürlich darüber hinwegsetzen.“
„Danke, Liebster“, strahlte ich ihn an, gab ihm schnell einen Kuss auf die Wange, und fügte hinzu: „Genau das hatte ich erhofft, von dir zu hören.“

Ich war sehr erleichtert, denn eine meiner Sorgen ist, dass ich irgendwann mal vorübergehend vergessen könnte, wie toll und wunderschön Sex ist. Wenn er dies dann einfach so hinnehmen würde und tatenlos auf sich beruhen ließe, wäre dies der Anfang vom Ende.
Es tut wirklich gut, die Gewissheit zu haben, dass wir einander beistehen, unseren Bedürfnissen gegenüber nicht gleichgültig werden, unsere Beziehung nicht auf platonische Aspekte reduzieren oder mit sentimentalen Gespinsten argumentieren, und ein grundloses „Nein“ in beiderseitigem Interesse ignorieren.
Wir sind einander viel zu wichtig, um unser Bindung durch irgendwelches Liebesgefasel abzuwerten. Schließlich nehmen wir einander ernst. Und uns beiden liegt außerordentlich viel daran, unsere ursprüngliche Vereinbarung, dass ich seine Geliebte bleibe, einzuhalten.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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13 Antworten zu Dreizehnhundertsechs

  1. verbalkanone schreibt:

    Wieso solltest du „vergessen wie toll Sex ist“?
    Das erscheint nun wiederum mir völlig unplausibel.

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    • Tja, ich kann mir das ja auch nicht vorstellen, aber niemand kann in die Zukunft schauen, und wissen, was das Leben noch alles bringt.
      Und was man so alles hört, liest, erfährt .. da deutet doch einiges darauf hin, dass viele Menschen irgendwann das Interesse an Sex verlieren.

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      • verbalkanone schreibt:

        Ich verstehe nicht, dass eine ansonsten mathematisch-logisch denkende Person wie du so eine irrationale Angst hat …

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        • „Angst“ ist da schon sehr übertrieben.
          Ich kann eine gewisse Wahrscheinlichkeit nicht ausschließen. Wer ehrlich mit sich selbst ist, muss einräumen, dass sich Dinge manchmal anders entwickeln können, als man es im Status Quo annimmt.
          Hätte ich diesbezüglich wirklich „Angst“ gehabt, hätte ich dies schon viel früher thematisiert, statt es erst jetzt und auch nur beiläufig zu erwähnen.

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      • claudius2016 schreibt:

        Also das kann ich mir schon vorstellen: Eine Studienfreundin war sexuell total aktiv und hatte in kurzer Zeit x Männer im Bett. Irgendwann hat sie „ihren“ Mann kennengelernt und war plötzlich monogam. Als ihr Mann ziemlich früh gestorben ist, ist ihr sexuelles Interesse (an Männern) erloschen („kein Mann nach xyz“).
        Ich kann mir also durchaus Umstände vorstellen bzw. habe sie erfahren, die sexuelles Interesse beseitigen.

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      • Leser schreibt:

        Den einzigen Grund, den ich dazu bisher gelesen habe, wäre eine Schangerschaft bzw. anschließende Geburt. Da das bei Carsten ja nun praktisch so gut wie ausgeschlossen ist, würde ich nicht davon ausgehen, dass da eine nennenswerte Wahrscheinlichkeit besteht. Der einzige weitere Grund, der mir noch einfiele, wäre eine vollendete Vergewaltigung (d.h. wo es der Täter schafft, gewaltsam in das Opfer einzudringen und seine Befriedigung zu erlangen). Das wünsche ich niemandem, aber zugleich denke ich auch, dass, wenn das Opfer vor so einer Tat Spaß am einvernehmlichen Sex hatte, dies nicht unbedingt dazu führt, am einvernehmlichen Sex später keinen Spaß mehr zu haben, evtl. nach einer gewissen Zeit, die es braucht um so ein traumatisches Erlebnis zu verarbeiten.

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        • Na, mir fiele noch ein die Hormonumstellung während der Wechseljahre. Die kann AFAIK auch einiges verändern.
          Voraussichtlich habe ich ja noch einige Jahre Zeit bis dahin, aber sicher kann man das nicht wissen.

          Ich hatte so viele positive Erlebnisse mit Sex, dass ich bezweifle, dass ein einziges negatives Erlebnis meine Einstellung wesentlich beeinflussen könnte.

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  2. Pingback: No Sweets, but Tweets //1502 | breakpoint

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