Zwölfhundertdreißig

Wer eine christliche Erziehung durchlebt hat, kennt das Gleichnis vom Weinberg (hat nichts mit dem Weinbergwinkel zu tun). Wem es kein Begriff ist, kann ja in der Wikipedia nachlesen.
Gefühlt alle vier Wochen in der Predigt und zweimal pro Jahr im Religionsunterricht war dieses Gleichnis das Thema.

Zwar kann der Weinbergbesitzer mit seinem Geld natürlich machen, was er will, aber die Arbeiter der ersten Stunde müssen sich dennoch ziemlich verar*t vorgekommen sein. Rackern sich da den ganzen Tag ab, und es springt doch nicht mehr dabei heraus, als bei denen die noch kurz vor Feierabend dazugekommen sind.
Wenn das das christliche Gerechtigkeitsempfinden ist, so will ich damit nichts zu tun haben.
Es ist auch sehr kurzsichtig von dem Weinbergbesitzer gewesen, so zu handeln. Das nächste Mal wird er sicher keine Dummen finden, die in aller Früh bei ihm anfangen, da sich so etwas herumspricht. Wenn überhaupt, dann treten die Arbeiter eben erst am Spätnachmittag an, denn das reicht für sie ja auch.
Loyalität erkauft man sich so jedenfalls nicht.
Die Willkür des Weinbergbesitzers ist alles andere als vertrauenserweckend. In guten Zeiten mag er noch großzügig sein. Aber was ist in schlechten? Mit solchen Leuten sollte man sich besser nicht abgeben. Die verhalten sich unkalkulierbar und irrational.

Diese Art Gleichstellung – alle kriegen das gleiche, unabhängig von den Voraussetzungen und ihren Vorleistungen – ist mir äußerst suspekt.
Das liefert überhaupt keinen Anreiz, eine Leistung erbringen zu wollen, weil die erwartete Belohnung wegfällt. Die Message ist: Du kannst dich noch so sehr anstrengen, du kriegst trotzdem nicht mehr, als die, die gerade so das Minimum (was auch 0 sein kann) schaffen.
Wenn das Ergebnis unabhängig vom Aufwand ist, lohnt es sich doch gar nicht mehr, sich Mühe zu geben.
Eine Gesellschaft, die solch eine Einstellung verinnerlicht, macht keine Fortschritte mehr, Alles friert ein. Die Motivation ist am Boden. Alles egal. Alles gleich. Alles geerdet.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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32 Antworten zu Zwölfhundertdreißig

  1. Gr3if schreibt:

    Klingt ja fast so als wärst du eine glühende Verfechterin des bedingungslosen Grundein kommen. :-p

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    • Äh .. nein .. ganz bestimmt nicht.
      Das liefe doch nur auf das Ausnutzen der Leistungswilligen hinaus, die alle anderen bedingungslos mitfinanzieren müssten.

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      • Irenicus schreibt:

        Das liefe doch nur auf das Ausnutzen der Leistungswilligen hinaus, die alle anderen bedingungslos mitfinanzieren müssten.

        Müssen sie doch jetzt auch schon.
        Das bedingungslose Grundeinkommen, bevorzugt außerdem nicht die Leute die nicht arbeiten. Denn jede Arbeit zahlt sich im Gegensatz zu jetzt, wo es anteilig auf HartzIV angerechnet wird, voll aus.

        Und prinzipiell ist ja die andere Seite des Weinberg-Gleichnisses, das alle Arbeiter genug Geld bekommen um davon zu leben (quasi Mindestlohn) und nicht verhungern.
        Ich denke der Grundgedanke, dass alle genug zum Leben haben, ist sehr sinnnvoll. Das man heutzutage Arbeitern die die gleiche Arbeit machen, den gleichen Stundenlohn zahlen sollte, ist aber sicherlich auch klar.

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        • Für die gleiche Arbeit gleicher Stundenlohn – so ist das in Ordnung.
          In diesem Gleichnis haben aber de facto die letzten Arbeiter den 12-fachen Stundenlohn der ersten Arbeiter bekommen – ein krasses Missverhältnis.

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        • Leser schreibt:

          Hier stimme ich vollkommen zu, vorausgesetzt natürlich, dass das Grundeinkommen ausreicht, um zu leben, so dass „Leben können“ nicht mehr unabdingbar mit „arbeiten müssen“ verknüpft ist.

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          • Welchen Beitrag willst du denn dann der Gesellschaft, die dich aushält, leisten, wenn du nicht arbeiten musst?

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          • Blublubla schreibt:

            Und warum sollte das (abgesehen von Krankheit/Behinderung/andere Ausnahme) so sein sollen? Und was heißt „Leben können“? Was ist hier der Maßstab?

            Davon abgesehen: Entweder JEDER bekommt es, dann ist es nur ein konstanter Offset, der wenig ausmacht (und es wird wieder Neid geben, wenn der Millionär es auch bekommt), oder es gibt irgendwo eine Grenze, dann „lohnt“ sich Mehrarbeit wieder nicht.

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            • Irenicus schreibt:

              Davon abgesehen: Entweder JEDER bekommt es, dann ist es nur ein konstanter Offset, der wenig ausmacht

              Ja ein bedingungsloses Grundeinkommen bekommt ausnahmslos JEDER (auch Kinder – evtl. aber etwas weniger), der offiziell in Deutschland lebt. Der Neid auf die Millionäre ist sowieso da, aber ich wüsste nicht warum ich neidisch auf jemanden sein soll, der das gleiche bekommt wie ich.
              Natürlich ist man prinzipiell „neidisch“ auf jeden der mehr Geld als man selber hat 😉

              Und was heißt “Leben können”? Was ist hier der Maßstab?

              Das Grundeinkommen müsste derzeit so ungefähr bei 800-1000 Euro liegen (Das sit ungefähr das was ein Hartz IV-Empfänger normalerweise mit allen Zusatzleistungen bekommt). Dafür entfällt dann auch Sozialhilfe/Hartz IV, Aufstockung, Wohnungsgeld, Auszubildendenhilfe, Bafög,…

              Natürlich müsste man das Steuerrecht und die Arbeitslosenversicherung entsprechend mit anpassen.

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  2. aliasnimue schreibt:

    Kommst Du aus der fundamentalistischen Glaubensrichtung?

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  3. Ochmonek schreibt:

    Fairerweise muss man sagen, dass dem Gleichnis nicht die Worte „Wenn du ein Unternehmen führen willst, dann handle wie…“ sondern die Worte „Mit dem Reich Gottes verhält es sich wie…“ vorangestellt sind. Ich kenne mich im Hinduismus nicht auf, vermute aber sehr stark, dass es in einer Religion, die an Wiedergeburt glaubt, keine vergleichbaren Geschichten gibt.

    Wenn du eine betriebswirtschaftliche Interpretation haben möchtest, wie wäre es mit „Mit Innovationen verhält es sich wie…“ Der wirtschaftliche Erfolg hängt nicht immer vom Zeitpunkt des Einstiegs ab, ob jemand selbst entwickelt oder später die Idee anderer aufgreift.

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    • Reich Gottes, Unternehmen, Innovationen .. hinter diesem Gleichnis steht eine bestimmte Geisteshaltung, die ich für mich nicht übernehmen möchte.

      Wenn der Endzustand unabhängig vom Anfangszustand gleich ist, ist etwas faul.
      Ich empfinde es als fairer, nur den Anfangszustand möglichst anzugleichen, und von dieser Initialisierung ausgehend jeden Einzelthread frei weiterlaufen zu lassen.

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  4. Blublubla schreibt:

    Das Gleichnis kann man (in der heutigen Zeit) aber auch andersrum sehen:
    1a. Verhandel für Dich und sei nicht ständig neidisch
    1b. Vlt sind die anderen effizienter/besser qualifiziert?
    2. Vlt. hat sich der Markt geändert. Gerade bei Mietwohnungen/Darlehen sieht man das doch auch: (Vermeintlich) gleiche Ausgangslage (Wohnraum/Kreditumfang), aber unterschiedliche Konditionen (Miete/Zins), nur weil der eine früher/später abgeschlossen wurde.

    Im konkreten Fall käme ich mir aber in der Tat auch verarscht vor.

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    • Man kann viele Situationen finden, in denen sich Parallelen ziehen lassen.
      Die haben aber alle die Gemeinsamkeit, dass jemand, der sich von vornherein korrekt verhalten hat, das Nachsehen hat, weil andere ohne sonderlichen Aufwand auf das gleiche Niveau gehoben werden.
      Hinterlässt alles einen fahl-säuerlichen Nachgeschmack.

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      • Blublubla schreibt:

        „jemand, der sich von vornherein korrekt verhalten hat, das Nachsehen hat, weil andere ohne sonderlichen Aufwand auf das gleiche Niveau gehoben werden.
        Hinterlässt alles einen fahl-säuerlichen Nachgeschmack.“

        Ja, da hast Du recht. „Der Ehrliche ist der Dumme!“ wem ist das noch nicht passiert.
        und wenn ich die Wahl hab, mach ich mit so jemanden dann auch keine Geschäfte (mehr)

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  5. yang4yin schreibt:

    Tschuldigung ……… Aber das Gleichnis erzählt, dass Arbeitnehmer (hier: Tagelöhner) morgens einen Arbeitsvertrag abschliessen und am Abend den vereinbarten Lohn erhalten. Andere schliessen nachmittags einen Arbeitsvertrag und bekommen dafür den vereinbarten Lohn. ….usw.
    Wieso demotiviert es Arbeitnehmer, wenn sie den abgemachten Lohn erhalten?
    Muss ein Arbeitgeber auf einen Teil seines Ertrags (hier: Ernte) verzichten, weil er Arbeitnehmer auf Grund der Umstände unterschiedlich bezahlt?
    Wärs besser, wenn er den tagsüber arbeitslos gebliebenen abends ne Spende gibt?

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    • Es stimmt, dass der Lohn so vereinbart war, weshalb die Arbeiter, die schon seit dem Morgen gearbeitet hatten, dies auch so akzeptieren mussten.

      Dennoch halte ich den Weinbergbesitzer weder für fair noch klug.
      Er hat gerade die Arbeiter, die den meisten Einsatz zeigten, demotiviert, enttäuscht und frustriert.
      Wenn er den späteren Arbeitern trotz geringerer Arbeitsleistung schon genauso viel zahlte (was sein Recht ist), hätte er den früheren Arbeitern zumindest eine besondere Anerkennung oder einen Bonus zukommen lassen können.

      Muss ein Arbeitgeber auf einen Teil seines Ertrags (hier: Ernte) verzichten, weil er Arbeitnehmer auf Grund der Umstände unterschiedlich bezahlt?

      Warum zahlt er ihnen nicht einfach anteilmäßig aufgrund der aufgewendeten Zeit oder aufgrund der Menge der geernteten Trauben? Damit könnten dann alle zufrieden sein.

      Wärs besser, wenn er den tagsüber arbeitslos gebliebenen abends ne Spende gibt?

      M.E. wäre es das. Durch die Deklaration als Almosen oder soziale Unterstützung besteht eine Entkopplung vom Lohn.
      Für die fleißigen und engagierten Arbeiter wäre die Abrechnung so nachvollziehbarer.

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  6. Leser schreibt:

    „Eine Gesellschaft, die solch eine Einstellung verinnerlicht, macht keine Fortschritte mehr, Alles friert ein. Die Motivation ist am Boden. Alles egal. Alles gleich. Alles geerdet.“ – genau das wollen doch die Kirchen! 🙂

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  7. Olga schreibt:

    Nach meinem Verständtnis soll das Gleichnis von der Großzügigkeit des Gutsherren sprechen, er hat mit den ersten Arbeitern einen fairen Lohn ausgehandelt, sie brauchen sich nicht mißbraucht fühlen, weil auch denen die erst spät Arbeit gefunden haben der gleiche Lohn bezahlt wird. Die ersten wurden gerecht behandelt, die anderen gütig.

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    • Seine Großzügigkeit und Güte kommt aber nur denen zu Gute, die nur wenig für ihn getan haben.
      Gegenüber denen, von deren Einsatz er am meisten profitiert hat, zeigt er sich nicht großzügig.
      Dieses Verhalten kann man zwar OK finden. Ich halte es dennoch für falsch.

      Er hätte IMHO viel eher Veranlassung gehabt, seine Dankbarkeit besonders gegenüber den produktivsten Arbeitern zu zeigen.
      Das wäre dann auch gleich Ansporn für die nächste Lese gewesen.

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  8. Jezek1 schreibt:

    Wenn man sich nur lang genug mit religiösen Schriften beschäftigt wird man immer eine Stelle finden, die jedes reales menschliche Verhalten rechtfertigt und quasi göttlich legitimiert.

    Was also bringt uns Religion im täglichen Leben? Nüscht.
    Aber vielleicht sollte uns Religion eine Grundhaltung beibringen? Kann sein; aber alle diese Bücher sind mehrere hundert Jahre alt und von Menschen geschrieben zu einer völlig anderen Zeit. Was also sollen uns diese Schriftstücke beibringen? Dies muss jeder mit sich selber ausmachen…

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    • In der Bibel findet sich tatsächlich vieles, und etliches davon ist inkonsistent und längst nicht mehr zeitgemäß.

      Aber gerade dieses Gleichnis hat doch einiges an Aktualität.
      Hinter vielen modernen Entscheidungen (ich erspare mir konkrete Beispiele) steckt genau diese Mentalität, die eine völlige Entkopplung von Ursache und Wirkung wünscht, damit nur ja alle letztendlich das Gleiche haben.
      Dass einige das wirklich verdient haben, andere dagegen überhaupt nicht, wird dabei regelmäßig ignoriert.

      Die Arbeiter der letzten Stunde haben inzwischen eine starke Lobby.

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