Zwölfhundertsechs

Ich nehme euch mit auf eine Zeitreise in meine Kindheit ..

Als Baby war ich ziemlich groß, und .. ja .. auch fett (was sich später alles wieder verwachsen hat). Lange Zeit wuchsen mir keine Haare. Ich war ein Glatzkopf – haarlos am ganzen Körper. Wohl deshalb wurde ich oft für einen Jungen gehalten.
Warum mir meine Mutter nicht einfach öfter rosa Strampler angezogen hat, erschließt sich mir nicht. Dafür sind sie doch da.

Die Zeit verging. Ich wuchs zu einem recht niedlichen Mädchen (wenn ich mir die alten Kinderfotos so betrachte) heran.
Nach meiner Kommunion ließ ich mir – ich weiß nicht mehr, warum – die Haare, die ich vorher meist zu Zöpfen gebunden getragen hatte, kurz schneiden. Vermutlich nahm ich an, das sei pflegeleichter.

Ich muss so 8 oder 9 Jahre alt gewesen sein, als ich mit meinen Eltern zusammen eine frühere Nachbarin in der Kreisstadt eines benachbarten Landkreises besuchte.
Diese Nachbarin war einige Zeit vorher dorthin in ein – recht nobles – Seniorenwohnheim (da sie nur eine sehr schmale Rente bezog, hatte sie zur Finanzierung ihr Haus verkauft. Mehr Einzelheiten weiß ich nicht mehr, erinnere mich aber noch daran, dass sie immer sehr viel Wert darauf legte, als „Fräulein“ angesprochen zu werden, was ich schon damals als Kind nicht nachvollziehen konnte) gezogen. Da es in dieser Stadt sonst einige Attraktionen gab, die wir später noch aufsuchen wollten, begleitete ich meine Eltern. Ob meine Schwester Sabine ebenfalls dabei war, daran kann ich mich nicht mehr erinnern.

Der Besuch zog sich hin, und wurde mir schon bald zu langweilig, so dass ich das Appartement der früheren Nachbarin verließ. Neben dem Treppenhaus gab es einen Aufzug. Mit Aufzügen hatte ich sonst nie etwas zu tun. Aber hier hatte ich einmal die Gelegenheit. Also fuhr ich ein paar Mal auf und ab. Ganz ruhig. Ich störte niemanden dabei.

Irgendwann öffnete sich die Tür ohne mein Zutun, und eine Gruppe alter Menschen wollte den Aufzug betreten. Schnell sah ich zu, dass ich hinauskam, und hörte gerade noch eine Seniorin fragen: „Wo will denn dieser Junge hin?“
Das hat mich getroffen. Zwar hatte ich kurze Haare und trug eine Hose, aber dennoch hätte ich erwartet, als Mädchen gelesen zu werden. Und außerdem hielt ich damals Jungen noch für doof.
OK – das waren alte Leute, die vermutlich nicht mehr gut sehen konnten. Trotzdem fühlte ich mich in meinem Anspruch verletzt, als das Geschlecht erkannt zu werden, das ich körperlich bin.

Nach diesem unangenehmen Erlebnis ließ ich meine Haare wieder länger wachsen, und wählte verstärkt Rottöne für meine Kleidung.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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18 Antworten zu Zwölfhundertsechs

  1. Jezek1 schreibt:

    Schöne Geschichte aus einer längst vergangenen Zeit…

    ich wurde (und werde immer noch) phänotypisch viel jünger eingeschätzt als es die nackte Numerik in meinen Ausweis vorgibt. Mit Ende 20 musste ich manchmal meine Volljährigkeit per Ausweis nachweisen. Damals extrem ärgerlich; ich kam mir dabei nicht wirklich vollwertig vor.

    Heute aber ist dies aber sehr angenehm; wenn ich manchmal um 8 – 10 Jahre jünger gemacht werde. So ändern sich die Zeiten und die Wahrnehmung; es bleibt nichts wie es war; und alles rinnt uns durch die Hände ohne es festhalten zu können.

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  2. idgie13 schreibt:

    Nachdem ich als Kind auch kurze Haare hatte und noch dazu alles an Gwand (heute würd man Klamotten sagen) von meinem älteren Bruder geerbt hatte, dachten auch die meisten, ich wär ein Bub. So richtig konnte man das eh nicht erkennen, weil ich auch ein richtiger Schmutzfink war :). Gestört hat mich das nicht.

    Röcke mochte ich ganz lang nicht, weil ich als Kind einen kunterbunten Häkelrock hatte, an dem immer wieder unten ein neuer Ringel dran kam, wenn ich endlich rausgewachsen war. Was hab ich das Ding gehasst. Erst mit Anfang 20 hab ich Röcke getragen. Heute bin ich da pragmatisch: Hosen im Winter, Röcke im Sommer. Überwiegend. Ich hab schon auch Winterröcke und Sommerhosen.

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    • So, so, ein Schmutzfink warst du also ..
      Nee, ich hab‘ mich (fast) nie dreckig gemacht (höchstens beim Essen versehentlich vollgekleckert).

      Ich hatte ein paar Strickröcke, die wurden auch immer wieder unten angestrickt. Fand ich äußerst praktisch – bis es keine passende Wolle mehr gab.

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      • idgie13 schreibt:

        Jo. Sandkasten mit Wasser aufgefüllt und mit Anlauf reingesprungen zum Beispiel. Und die Brüder zum Mitmachen angestiftet. Grins.

        Mein Rock hatte ja alle Farben und die haben sich in meinen Augen gebissen. Einen Sinn für Farben hatte ich früh – im Gegensatz zu Mama.

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        • Einmal bin ich (mit vielleicht drei Jahren?) auf einer Baustelle (da wollten Verwandte ein Haus bauen) in einen Wassergraben gefallen.
          Der war vielleicht einen halben Meter breit. Ich wollte rüber. Die Erwachsenen stiegen auch einfach drüber. Meine Beine schienen mir lang genug. Mit Spagat wäre das auch gegangen. Naja .. wohl zuviel verlangt, in dem Alter den Spreizwinkel mitzuberücksichtigen. 🙄

          Jedenfalls war ich klatschnass, und das noch im Winter. Meine Mutter hatte ein Riesenproblem, mir auf die Schnelle trockene Kleider zu besorgen.

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  3. ednong schreibt:

    Schmutzfinken und Wasserratten – soso 😉
    Und du bist nicht nur belesen, du willst also auch gelesen werden … „… als Mädchen gelesen zu werden …“ 😉

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  4. Pingback: Vorösterliche Tweets //1410 | breakpoint

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