Elfhundertdreiundsiebzig

Da mich schon häufig unangemessen pauschalisierende oder generalisierende Behauptungen gestört haben, gebe ich im Folgenden – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – einige Anregungen und Formulierungshilfen, wie man unzulässige Verallgemeinerungen vermeiden kann.

Statt „alle“ oder „jedes“ zu sagen, lässt sich dies relativieren durch „viele“, „die meisten“, „ein Großteil“, .. Oder man schränkt die Gültigkeitsmenge durch Relativsätze, andere Nebensätze, oder auch Exklusionen wie „außer“ ein.
„Immer“, „stets“ und „ständig“ implizieren eine Allgemeingültigkeit, die nicht „immer“ gegeben ist. Hier sind Alternativen wie „oft“, „meistens“, „häufig“ manchmal treffender.
Bei Aussagen, die von vornherein als Meinungsäußerung gedacht sich, kann man diese durch „ich denke“, „ich glaube“, „ich schätze“, „ich vermute“, „IMHO“, „meines Erachtens“, oder ähnlichem als persönliche Meinung kennzeichnen.
Oft ist es auch sinnvoll, den Konjunktiv zu benutzen, oder durch Formulierungen mit „wohl“, „vermutlich“, „vielleicht“, „möglicherweise“, eventuell“, „teilweise“, „zeitweise“, „im statistischen Mittel“, „tendenziell“, etc. auszudrücken, dass hier nicht unbedingt die objektive Wahrheit dargestellt werden soll.
Mit „es existieren“, „es soll geben“ oder „es lässt sich nicht ausschließen“ kann man ebenfalls Behauptungen differenzierter aufstellen.

Ich bemühe mich im Allgemeinen um solche Formulierungen, auch wenn ich es gelegentlich im Eifer des Gefechts unterlasse. Aber es ist manchmal einfach nervig, in jedem Nebensatz zu betonen, dass selbstverständlich Ausnahmen möglich sind, und die dann evtll. auch noch im einzelnen auszuführen. Dadurch kommt man vom Hundertsten ins Tausendste, aber diese Nebensächlichkeiten kosten nur Zeit, und bringen die Diskussion nicht voran.
Im Hinterkopf habe ich jedoch schon, dass der mehr oder weniger Gültigkeitsbereich begrenzt sein kann.

Selbst wenn eine Aussage innerhalb des 3-Sigma-Intervalls gültig ist, gilt sie nicht „immer“ oder für „alle“ Fälle. Nur falls eine Aussage tatsächlich #ausnahmslos stimmt, kann man sie nicht widerlegen.
Wenn ich beispielsweise sage: „Für alle reellen Zahlen gilt, dass sich eine beliebige andere reelle Zahl durch sie teilen lässt“, so ist diese Aussage falsch, obwohl sie für fast alle reellen Zahlen gilt. Aber für die 0 eben nicht. Da ich hier also eine einzige (!) Ausnahme gefunden habe, habe ich die Beispielaussage bereits falsifizieren können. Mehr Gegenbeispiele sind gar nicht nötig.

Es gibt das Sprichwort: „Die Ausnahme bestätigt die Regel.“ Das ist natürlich Unsinn. Die Ausnahme widerlegt die Regel. Sobald es eine Ausnahme gibt, ist die Regel in dieser Form nicht mehr gültig, und muss umformuliert werden, um auch die Berechtigung der Ausnahme mitzuberücksichtigen.
In den exakten Wissenschaften halten sich Ausnahmen in Grenzen. Diese zu kennen, macht das Handwerkszeug aus, und es ist für jeden Wissenschaftler essentiell wichtig, Ausnahmen und Gültigkeitsbereiche korrekt einordnen zu können.
Aber es gibt – beispielsweise in lebenden Sprachen – Ausnahmen von Ausnahmen von Ausnahmen (ich denke hier insbesondere an den Subjonctif) .. Das ist lästig.
Ein anderes Beispiel ist der Algorithmus, um festzustellen, ob ein Jahr ein Schaltjahr ist. Normalerweise gilt, dass der Vierermodulo der Jahreszahl gleich 0 sein muss, um ein Schaltjahr zu sein. Dies gilt jedoch nicht, wenn der Einhundertermodulo ebenfalls 0 ist. Und letzteres wird wieder überschrieben, wenn der Vierhundertermodulo gleich 0 ist.
In der Praxis ist mir das eigentlich ziemlich egal, denn die einzige Jahrhundertwende zu meinen Lebzeiten war 2000, das eigentlich nach der Regel ein Schaltjahr wäre, nach der Ausnahmeregel aber nicht, entsprechend der Ausnahme von der Ausnahme aber doch wieder. Das Wissen um Ausnahme und Ausnahmenausnahme nützt mir eigentlich gar nichts, so dass es übertrieben wäre, sie immer wieder zu nennen. Trotzdem sind sie da (wenngleich das nur Näherungslösungen sind, die astronomische Bewegungen beschreiben sollen).

Auch wenn es nicht ganz zum Thema passt, und ich das irgendwo in ähnlicher Form schon mal gebloggt habe:
Stereotype, Vorurteile und Klischees enthalten einen wahren Kern. Wenn sie nicht auf Erfahrungswerten beruhen würden, wären sie gar nicht erst entstanden, bzw. hätten sich nicht länger halten können.
Jemanden aufgrund eines Vorurteils in eine pauschale Schublade zu stecken, sehe ich als nullte Näherung. Sobald man mehr Informationen über denjenigen hat, sollte man natürlich sein Urteil mit Näherungen höherer Ordnung verfeinern, so dass eine individuelle Person letzendlich weitab vom ursprünglichen Bild landen kann.

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Über breakpoint AKA Anne Nühm

Die Programmierschlampe.
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30 Antworten zu Elfhundertdreiundsiebzig

  1. Ochmonek schreibt:

    „Die Ausnahme bestätigt die Regel.“ bzw. „Ausnahmen bestätigen die Regel.“ wird umgangssprachlich oft verwendet für „Ich habe eine Korrelation (oder sogar eine Kausalität) behauptet, für die sich Gegenbeispiele finden lassen, möchte aber nicht begründen, warum ich sie in den meisten Fällen trotzdem für gültig halte.“

    Ich bin kein Jurist (*), habe aber von Juristen gelesen, dass die ursprüngliche Bedeutung davon ist, dass wenn in einem Gesetzestext Ausnahmen formuliert sind, es eine allgemeine gegenteilige Regel geben muss. Das gilt selbst dann, wenn diese Regel nicht explizit im Gesetz zu finden ist. Somit wird durch die Existenz von Ausnahmen eine Regel bestätigt.

    (*) Auch eine beliebte Floskel, um etwas zu relativieren.

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  2. Molly L. schreibt:

    Ad „Die Ausnahme bestätigt die Regel“)
    Ist schon richtig. Denn: Wenn die Regel nicht die Regel aka der Regelfall wäre, wäre die Ausnahme ja keine Ausnahme! 🙂

    Ad „Ich bemühe mich im Allgemeinen um solche Formulierungen, auch wenn ich es gelegentlich im Eifer des Gefechts unterlasse“)
    Da finde ich es sehr hilfreich, wenn man sich einfach bemüht, nur vom JETZT und nur von der Streitsache an sich zu reden. Kein „Immer machst Du dies …“ im Angriff, kein „Na und? Dafür machst Du …“ in der Abwehr. So kommt man auch besser zum Punkt und kann den klären, hat sich bei uns in der Praxis schon oft bewährt.

    Ad „Aber es ist manchmal einfach nervig, in jedem Nebensatz zu betonen, dass selbstverständlich Ausnahmen möglich sind“) Jaaa, das ewige Leid mit der politischen Korrektheit.

    Ad falsifizierte Aussagen) Na, dann mach doch einfach „Für alle reellen Zahlen außer 0 gilt, dass sich eine beliebige andere reelle Zahl durch sie teilen lässt” draus 😉

    Ad tolle Sprüche) Aus „Gilmore Girls“: „Klischees sind Wahrheiten, die man nicht wahrhaben will!“ 😉

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    • wäre die Ausnahme ja keine Ausnahme

      So kann man es natürlich auch sehen.
      Als Naturwissenschaftlerin sage ich aber, dass dann die Regel anders formuliert werden muss, bzw. der Gültigkeitsbereich eingeschränkt.

      hilfreich, wenn man sich einfach bemüht

      Kann trotzdem schon mal daneben gehen. Ausnahmsweise. :mrgreen:

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  3. Plietsche Jung schreibt:

    Ich konnte dir folgen.
    Recht hast du.

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  4. ednong schreibt:

    Naja, so allgemeingültig kann man das gar nicht sagen – da gibt es bestimmt Ausnahmen von.

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  5. Jezek1 schreibt:

    Sprachgefühl und MINT-ler…ein heißes Eisen! Ich gehöre ja auch zu diese Sippe; sitze also im Glashaus und darf nur mit Wattebäuschen werfen. Aber eine ganze Reihe meiner (durchaus sehr geschätzten Kollegen) haben arge Schwierigkeiten ihr Anliegen verständlich zu formulieren. Solange es noch fachlich auf gleichem Level stattfindet geht’s meistens gut; aber wehe, wehe wenn das Management oder gar der technisch nicht so versierte Kunde dabei ist. Meine Güte, ich schwitze Blut und Wasser, wenn dann der eine oder andere mit seinem (durchaus) engagierten Nerd-Talk loslegt. Oft muss ich dann als Vermittler einschreiten; oder das Gesagte mit gaaaanz einfachen Sätzen aus Subjekt-Prädikat-Objekt wiederholen.

    Warum lernen die „Techniker“ nicht mehr auf diese Dinge zu achten? Das würde dem einen oder anderen sein Berufsleben deutlich vereinfachen und so manches Fettnäpfchen umgehen helfen.

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    • idgie13 schreibt:

      Ich habe eher das Problem, dass heutzutage kaum mehr jemand fachlich streiten kann, ohne fachliche Diskussionen und Kritik persönlich zu nehmen und eingeschnappt zu sein.

      Als Bayer in der Schweiz nehme ich da gern Anlauf auf sämtliche rumstehende Fettnäpfchen und bade darin 🙂

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      • ednong schreibt:

        Wah – sind die da immer so persönlich nehmend in der Schweiz? Ich dachte, die seien eher gemütlicher Natur dort.
        Und warum nimmst du immer Anlauf? Weil du von droben aus den Bergen kommst? 😉

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      • Oh ja, das stimmt.
        Erinnert mich jetzt an meine Konflikte mit Herrn Grau. 🙄

        Verhalten sich Schweizer diesbezüglich anders als Bayern?

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      • Jezek1 schreibt:

        Tja, dass ist ein permanentes Problem…“ich will ja nur sachlich kritisieren, nicht aber die Person“. Leider klappt dies nur selten; da sich im beruflichen Umfeld die Menschen logischerweise und richtigerweise mit dem identifizieren was sie mit Hingabe tun. Aus diesem Grund triff fachliche Kritik auch oft die Person.

        Was kann man da machen? Schwierig, wenn dann auch noch interkulturelle Aspekte mit hineinspielen wird’s oft kompliziert. Ich denke, dass wichtigste ist immer dem Gegenüber sein Gesicht nicht zu nehmen; und vielleicht durch subtiles Vorgehen auf längere Sicht die fachliche Blockade zu durchbrechen.

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        • idgie13 schreibt:

          Das seh ich anders.
          Unter Technikern funktioniert das wunderbar und wenn jemand technisch arbeiten will, dann muss er sich halt anpassen. Ich bin schliesslich Ingenieur, kein Psychologe.

          Subtiles Vorgehen ist in der Entwicklung nicht gerade hilfreich – da kann man nicht effizient arbeiten. Da muss man IMHO mit Klartext zurecht kommen.

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    • Ja, wenn man sich den ganzen Tag immer mit ähnlichen Themem beschäftigt, und das meist mit den gleichen Gesprächspartnern, kriegt man allmählich einen Jargon, den Außenstehende nicht mehr verstehen.
      Das ist auch viel Gewohnheit .. manche Floskeln und Formulierungen nutzt man mehrfach am Tag. 🙄

      Für mich ist das Blog dann auch ein wenig Ausgleich, weil etliche Nicht-Nerds mitlesen, die nicht (immer) verständnislos bleiben sollen.

      Warum lernen die „Techniker“ nicht mehr auf diese Dinge zu achten?

      Gute Frage. Sie setzen die Prioritäten wohl anders. Da geht die Layer-8-Kommunikation schon mal unter.

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  6. Piag schreibt:

    Schöner Artikel hat mir echt gut gefallen, man sagt ja auch der Tom mach die Musik;-)

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