Elfhundertvierzehn

Am Wochenende hatte ich mich dazu hinreißen lassen, mich bereitzuerklären, mit der Gattin eines von Carsten’s Geschäftsfreunden eine Stadtführung zu machen, während unsere Männer Geschäfte aushandelten.

Ich bereute es spätestens, als ich Jacqueline (was gar kein unpassender Alias ist) sah.
Sie war Anfang Dreißig (ihr Mann BTW Ende Fünfzig), auf eine ordinäre Weise durchaus hübsch, aber stark geschminkt und aufgebrezelt in Pailletten-Leggings, und wirkte irgendwie verblüht und künstlich.
Ich wusste sofort, dass ich mit ihr kaum gemeinsame Interessen finden würde.

Normalerweise wäre ich zu Fuß gegangen oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Stadt gefahren, aber zusammen mit Jacqueline erschien mir das unbequem. Ich erwog kurz, Carsten’s Auto auszuleihen, aber entschied mich aufgrund der Parkplatzsituation dagegen, und ließ stattdessen ein Taxi kommen.
Unterwegs fragte ich sie, wofür sie sich interessieren würde: Ausstellungen, der botanische Garten, .. So richtige Sehenswürdigkeiten haben wir hier in der Stadt kaum, halt Industrie, Universität, und jede Menge Krankenhäuser. Sie meinte, sie würde sich am liebsten das neue Shopping-Center (das inzwischen auch schon einige Jahre alt ist) ansehen.

Also stiegen wir beim Einkaufszentrum aus. Ich weiß, wo da die Post, eine Apotheke, ein Geldautomat, Schreibwaren- und Bücherläden sind, oder wo eine Chance besteht, passende Kleider oder Schuhe zu finden, aber Jacqueline wollte unbedingt zu einem Juwelier, und davon habe ich keine Ahnung.
Nach einigem Herumlaufen fanden wir einen. Jacqueline ließ sich in aller Ruhe etliche Schmuckstücke vorführen, und erzählte, dass ihr Mann ihr extra dafür eine neue Kreditkarte (es gab dafür offenbar einen konkreten Anlass) gegeben hätte. Ich stand gelangweilt daneben.
Nach einiger Zeit entschied sie sich für ein Collier samt passender Brosche, Ohrringen und Armbändern (ein vollbehängter Weihnachtsbaum ist nichts dagegen!).
Zwischendurch fiel ihr ein, dass sie mir etwas schenken wolle. Ich lehnte natürlich ab, aber sie meinte, dass es sie beleidigen würde, wenn ich kein Geschenk von ihr akzeptierte.
Notgedrungen (obwohl es mir sehr unbehaglich dabei war) fragte ich nach einer Uhr (da ich eh in absehbarer Zeit eine neue brauche). Der Juwelier brachte einige analoge Scheußlichkeiten, worauf ich ihn fragte, ob er nicht so etwas ähnliches hätte wie meine Binäruhr, oder zumindest eine Digitaluhr ohne irgendwelchen Zierrat. Er schaute mich entsetzt und ungläubig an, und verneinte daraufhin.
Inzwischen hatte Jacqueline es eilig weiterzukommen, und schien völlig vergessen zu haben, dass sie mir ein Geschenk machen wollte (worüber ich nur zu erleichtert bin).
Sie bezahlte also, ließ alles in ein Köfferchen packen, und stolzierte dann hinaus.

Ich überlegte inzwischen fieberhaft, wohin ich sie mit zum Essen nehmen könnte, wie mir Carsten aufgetragen hatte. Aber da, wo ich sonst gerne esse, ist ganz bestimmt nicht Jacquelinens Stil. Das nächste Schickimicki-Restaurant ist außerhalb. Dorthin zu fahren, hatte ich nicht die geringste Lust, und meines Wissens haben die nur abends geöffnet und man muss vorher reservieren.
Jacqueline meinte, sie würde gerne irgendwo essen, wo es „so richtig bayrisch“ ist. Hm. Da es nicht allzu weit war, ging ich mit ihr zu einer Gastwirtschaft, die an eine Brauerei angeschlossen ist. Ist zwar nicht so sehr mein Geschmack, aber Besucher sind meist davon angetan, und wenn irgendwo der regionale Flair (der aber ungleich „bayrisch“ ist) eingefangen wird, dann dort.
Jacqueline brabbelte unterdessen ständig vor sich hin, wie entzückend und hinreißend sie hier alles finden würde, und schwenkte ihr Schmuckköfferlein hin und her. Irgendwie hatte sie trotz allem etwas harmlos-anrührendes an sich.

Wir aßen dann dort. Ich hatte Carsten davon telefonisch informiert, und er kam etwas später zusammen mit Jacqueline’s Mann nach, wo wir uns allgemein noch ein wenig unterhielten. Carsten zahlte nach dem Essen für alle, und endlich trennten sich dann wieder unsere Wege.
Carsten und ich liefen gemeinsam zur Firma zurück (ich hätte ja gerne einen Zwischenstopp in der Wohnung eingelegt, aber er hatte natürlich keine Zeit dafür und vertröstete mich bis zum Abend auf den Einhornritt). Er war recht zufrieden mit dem Geschäftsverlauf, und ich fürchte, es ist nur eine Frage der Zeit, bis ich wieder mal als Unterhalterin für den Anhang seiner Geschäftskontakte eingespannt werde.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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29 Antworten zu Elfhundertvierzehn

  1. verbalkanone schreibt:

    Während ich deinen Eintrag las, sah ich sowohl dich mit bemüht versteckt genervtem Gesichtsausdruck vor mir und auch Jaqueline aufgeregt, leicht hysterisch angehaucht durch das Einkaufszentrum trippeln. Tja, das sind wohl die Leiden der Geschäftsehefrau, durch die du ab und zu mal durch musst. Mein Beileid. Da hätte ich weder die Lust noch die Geduld zu.

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  2. Plietsche Jung schreibt:

    Du machst das schon ,)
    Nächstes Mal Word es schon leichter.

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    • Ich teile deinen Optimismus nicht.
      Jacqueline war zwar recht tussig, hatte aber ein freundliches Naturell.
      Es gibt aber auch Geschäftsführersgattinnen, die so richtige Schreckschrauben sind.

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      • Plietsche Jung schreibt:

        Mach dir doch eine Liste mit Restaurants, mit Shopping Möglichkeiten und Sehenswürdigkeiten für verschiedene Frauentypen. So bist du zielgruppenorientiert präpariert.

        Tussig und freundlich klingt nicht so schlecht, aber beim Juwelier auf Shoppingtour zu gehen, ist schon etwas dekadent.

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        • Wir sind hier nicht in Hamburg mit hunderten oder tausenden Restaurants.
          Über die hier überhaupt in Frage kommenden Restaurants habe ich schon einen ungefähren Überblick, und da ändert sich auch manchmal was (z.B. hat vor einigen Wochen unser favorisiertes asiatische Restaurant geschlossen 😦 ).

          Das Shoppen beim Juwelier war – wenn ich sie richtig verstanden habe – für sie auch kein alltägliches Procedere. Sie hat wohl mit ihrem Mann eine Abmachung, dass sie sich „Souvenirs“ kaufen darf, wenn sie ihn zum ersten Mal in eine für sie neue Stadt begleitet. Ich will darüber jetzt kein Urteil fällen. Geht mich nichts an.

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          • Plietsche Jung schreibt:

            Ich liebe Kleinstädte !
            Gemütlich und voller schöner Architektur. Also meistens…

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            • Nee, ist per definitionem schon eine Großstadt (wenn auch nur gerade eben so), aber halt bei weitem keine Metropole wie Hamburg.

              Gemütlich .. hm .. kommt darauf an, mit was man vergleicht.
              Für Architektur fehlt mir der Blick, aber besonders bekannte architektonische Werke haben wir hier nicht. Das hätte ich wohl doch mitgekriegt.

              Was ich hier schätze, ist, dass die Stadt überschaubar ist, alle wichtigen Punkte zu Fuß erreichbar (auch wenn der Weg ggf. länger dauert), und eigentlich alles, was man braucht, hier vorhanden ist.

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        • Engywuck schreibt:

          besser: lass das machen. Zum Beispiel vom Marketing. Die können dann auch gleich die Ausführung übernehmen…

          Gefällt 2 Personen

  3. floh_wien schreibt:

    Das nächste Mal findest Du vielleicht dann wirklich Deine Uhr!
    Ich finde es wirklich sehr anständig von Dir, solche Aufgaben wahrzunehmen.

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  4. aliasnimue schreibt:

    Ich fühle mit Dir. 😉

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  5. ednong schreibt:

    Hm,
    gibt es denn da nicht auch ein paar SEhenswürdigkeiten in der Großstadt, die man ansteuern könnte?

    Und ja, macht sicher allergrößten Spaß, mit jemanden loszuziehen, der total anders drauf ist als man selbst 😉

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    • Unsere Stadt hat eigentlich keine Touristenattraktionen.
      Der botanische Garten ist ganz nett, wenn man Pflanzenzeugs mag.
      Es gibt auch über das Jahr verteilt Ausstellungen und Veranstaltungen, die für bestimmte Zielgruppen interessant sind.
      Aber so richtige permanente Sehenswürdigkeiten (die darüber hinausgehen, ein Schild an der Hauswand „Hier wurde [..] geboren“ zu bewundern) sind mir nicht bekannt.

      Insgesamt lebt es sich aber angenehm hier, und Scharen von Touristen vermisse ich nicht.

      Vielleicht haben wir unterschiedliche Definitionen von „Spaß“.

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  6. Molly L. schreibt:

    Ich schätze, dieses Opfer müssen wir alle mal bringen.

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  7. Pingback: Dreizehnhundertzwölf | breakpoint

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