Tausendsechsundsiebzig

Ein Überraschungsbesuch hat es an sich, dass niemand einen erwartet.

„Haben Sie einen Termin?“, fragte mich der Pförtner, als ich nach mehrstündiger Anreise endlich vor dem Betriebsgelände stand.
„Nein“, erwiderte ich, „ich komme unangekündigt. Ich bin die verantwortliche technische Direktorin, und möchte hier mit meinen Mitarbeitern sprechen.“ Dabei verwies ich auf meine Visitenkarte, aber das schien ihm nicht zu genügen.
„Haben Sie einen Firmenausweis?“
Ich erinnerte mich daran, dass es genau sein Job war, hier aufzupassen, dass keine unauthorisierten Personen das Firmengelände betraten. Auf meine Beziehung zu seinem Arbeitgeber hinzuweisen, hätte wohl auch keinen Sinn gehabt, da ich das hier und jetzt nicht nachweisen konnte.
Ich überlegte kurz, den hiesigen Standortleiter einzubeziehen, verwarf das aber wieder, da dieser mich auch noch nicht persönlich kannte. Das tat nur Herr Grau.
Notgedrungen sagte ich zum Pförtner, er möge Herrn Grau doch herbitten.
Mehrere Minuten später kam Herr Grau. Diesmal war ich auf den intensiven Rauchgeruch gefasst, den er verströmte. Willkommensfreude sieht anders aus.
Ich begrüßte ihn dennoch freundlich, und erklärte, dass ich beabsichtige, meine Mitarbeiter hier kennenzulernen.
Bevor mich Herr Grau widerwillig Richtung Softwareschmiede führte, bedankte ich mich noch beim Pförtner dafür, dass er sich nicht hatte beirren lassen. Schließlich konnte er ja nicht wissen, dass meine Anwesenheit hier mehr als berechtigt ist.

Die Software-Entwickler waren auf zwei kleine Büros verteilt. Ich wies Herrn Grau an, einen geeigneten Besprechungsraum zu organisieren, wo ich mich den Entwicklern vorstellen könne. In der Zwischenzeit würde ich mich hier alleine etwas umschauen.
Glücklicherweise fand ich schon schnell die Kaffeeküche, wo ich mich bediente. Einen Kaffee hatte ich dringend nötig. Ich glaube, die Mitarbeiter hier organisieren den Kaffeenachschub selbst. Ich fand aber keine Kaffeekasse, der ich etwas hätte beisteuern können. Stattdessen machte ich ein Memo an mich selbst, hier zum Zwecke der Mitarbeiterbindung die Kosten für Kaffee und Mineralwasser in Zukunft über die Firma laufen zu lassen.

Etwa eine halbe Stunde später fand ich mich einem Besprechungsraum den hiesigen Software-Entwicklern gegenüber. Ich überlegte, wie ich sie am besten begrüßen könnte.
„Guten Morgen“ wäre ideal gewesen, aber leider war der Nachmittag schon deutlich fortgeschritten. „Grüß Gott“ wirkt in diesem kulturellen Umfeld wohl eher ungewohnt, und „Guten Tag“ sage ich nicht, weil sich das einfach abartig anhört. Ein simples „Hallo“ schien mir zu kumpelhaft. Schließlich will ich doch eine gewisse Distanz wahren. „Sehr geehrte Herren“ dagegen wirkte zu formal. Denn ich möchte schon ein gewisses Vertrauen aufbauen. „Meine Herren“ letztendlich hört sich zu possessiv an. Diesen Eindruck will ich auch nicht vermitteln. Und „nuqneH“ finde ich noch unangemessener als „Hi“.
Da mir also nichts sinnvolleres einfiel, nutzte ich „Good afternoon“ als Grußformel, und ging dann gleich in medias res, nachdem ich noch einmal tief durchgeatmet hatte, und mir klargemacht hatte, dass das Publikum im wesentlichen aus Nerds bestand.
„Ich bin Anne Nühm, und leite die Software-Entwicklung bei Novosyx – also auch an diesem Standort. Sie sollten bereits per Mail von mir gehört haben. Persönlich haben wir uns aber bisher noch nicht kennengelernt. Darum bin ich jetzt hier, um dies nachzuholen.
Ich werde mich später noch mit jedem einzelnen von Ihnen unterhalten. Gibt es Fragen vorweg?“

So, das muss für heute genügen.
Ich fühle mich immer noch etwas wackelig, und bleibe zumindest den Vormittag über noch daheim.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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43 Antworten zu Tausendsechsundsiebzig

  1. tom174 schreibt:

    1. nuqneH ist nie falsch.
    2. „Ich glaube, die Mitarbeiter hier organisieren den Kaffeenachschub selbst. “
    THE HORROR. ITler Koffein selbst organisiert. Habt ihr da keine Angst, dass irgenwer vergisst, Kaffee zu kaufen? Ohne Koffein hören Herzen auf zu schlagen! Man kann ja diskutieren, ob das Feierabendbier wirklich von der Firma kommen muss, aber der Kaffee??
    Der Ansatz „Meine Herren, ab sofort zahlt die Firma den Kaffee“ wäre fair gewesen (dann hättest sie ja bezahlt und nicht einfach so in Besitz genommen).

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    • 1. Bestimmt finde ich noch mal Gelegenheit, „nuqneH“ einzusetzen.
      2. Die Kaffeeversorgung übernimmt in Zukunft die Firma. Ich muss nur noch sehen, wie ich das organisiere.
      Und erst wenn alles geklärt ist, werde ich das bekanntgeben.

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    • Engywuck schreibt:

      „Hierzulande“ zuahlen wir zwar für unseren Kaffee, aber das doch stark subventioniert – bei 25ct pro Tasse bleibt genug übrig, um etwa halbjährlich einen guten Beitrag zu einem „Kaffeekassenessen“ wieder herausgezahlt zu bekommen. Zudem ist selbstverständlich selbstverständlich der Kaffee für externe Gäste kostenlos (was vermutlich auch der steuerrechtliche Hintergrund für die „Subventionen“ ist).

      Btw: Bei Seminarveranstaltungen für Lehrer wollen die Veranstalter – laut Zeugenberichten – teilweise zwei Euro pro Tasse für Kaffee aus Thermoskannen…

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      • tom174 schreibt:

        und bei uns wird gejammert, dass wir bei der Massage 5 Euro zuzahlen müssen…

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      • Wegen 25 Cent ist der Aufwand, jede Tasse abzurechnen, aber IMHO übertrieben.

        Gerade bei Seminaren oder ähnlichen Veranstaltungen habe ich noch nie für Kaffee bezahlen müssen.

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        • Engywuck schreibt:

          Die werden mit Strichliste gesammelt abgerechnet. Aber ja, auch ich finde den Aufwand zu hoch. Andererseits bin ich ja auch Teetrinker und haue nur mal gelegentlich nen Strich in die Strichliste, um die Milch auszugleichen 🙂 Hier reicht m.E. in solch kleinen Gruppen ein Schild „werft gelegentlich was rein“ und ein Pappkarton mit Einwurfschlitz. Nuja, egal.

          Bei Lehrern scheint sowas üblich zu sein – „den muss ja jemand machen“. Und „außerdem zahlt das Land ja dafür nichts“ bzw. „dafür gibts kein Budget“…
          Neulich mitbekommen: da das Land immer spät zahlt wollte die Stadt der die Räume gehören die Mietkosten vorher haben. Also sollte – so die Ausrichter vom (Ober?-)Schulamt (IIRC) – jeder Anwesende dreißig Euro berappen „das können Sie ja dann zusammen mit den Reisekosten abrechnen“. Wohlgemerkt: Bekanntgegeben am Einlass und bei einer Veranstaltung für Schulleiter…

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  2. verbalkanone schreibt:

    Hm, … ist so ein Tagesbeginn bei dir der Normalfall, meine Liebe? Ich farge das aus einem wirklich Interesse heraus, das soll jetzt keine Provokation sein. 😉

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  3. Molly L. schreibt:

    Hey: Gratulation für den tollen Pförtner! Traurig, aber selbstverständlich ist sein Verhalten nicht …
    Bin gespannt, wie es weiterging. Aber erst einmal natürlich auch von mir herzliche Genesungswünsche! 🙂

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  4. Leser schreibt:

    Achja, die Genesungswünsche. Denk Dir mal, dass ich mich da im Geiste seit Anfang angeschlossen habe, ich fand es nur doof, als drölfundsiebzigster „Gute Besserung“ zu schreiben.
    Und ansonsten frage ich mich, was sich die Leute bei „good afternoon“ wohl gedacht haben? Ich meine, wenn in dem Unternehmen für gewöhnlich auch englisch gesprochen wird, ist das ja noch verständlich, aber einfach so mittenrein ein englisches Wort streuen, da könnte ich mir schon vorstellen, dass sich der ein oder andere gedacht haben könnte, dass Du eine Hipsterine bist, die bloß fancy klingen will, und deshalb zwischendrein englische Begriffe einstreut. Ein verhasstes „Guten Tag“ kann man übrigens dadurch aufhübschen, dass man „Einen Wunderschönen“ voranstellt. Wobei, vielleicht habe ich auch weder von den Bayerischen Gepflogenheiten (englische Worte einstreuseln? Hier in Berlin biste dann absolut unten durch – außer, Du sprichst sowieso englisch mit jemandem, weil der kein deutsch spricht), noch von dem, was „Professionalität“ bedeutet (Ironie durch überspitzte Begrüßungen durchblinzeln lassen) auch nur den geringsten Hauch eines Schimmers von einer Ahnung 😉

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    • Bassd scho!

      Das „Good afternoon“ .. tja ich war selbst nicht so recht glücklich darüber, und bin ziemlich schnell drüber hinweggegangen. Als Entwickler muss man halt auch Englisch verstehen, und ich hätte die Ansprache auch ganz in Englisch halten können.

      Den „Guten Tag“ bringe ich einfach nicht über die Lippen, und wenn ich es höre, zucke ich unwillkürlich zusammen.
      „Wunderschönen“ als Zusatz .. naja, halte ich für einen beruflichen Anlass für übertrieben, und so euphorisch war mir da eh nicht zumute.

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  5. CoffeeGrinder schreibt:

    Find ich klasse vom Pförtner da hart zu bleiben und auch super von dir das Anzuerkennen 🙂

    Was mich aber jetzt interessiert, warum hast du eigentlich keinen Firmenausweis? Hängt das noch mit der Übernahme zusammen oder hast du generell keinen?

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    • Da ich externe Dienstleisterin (also keine Angestellte) bin, habe ich keinen Firmenausweis.
      Wir sollten uns vielleicht mal was überlegen, wie ich trotzdem meine Berechtigung nachweisen kann. 🙄

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      • Claudius schreibt:

        Das ist kein Argument. Ich hatte bisher bei jedem Kunden einen Firmenausweis, bei den meisten als Externer gekennzeichnet (bei IBM z.B. gibt es grüne, gelbe und rote Streifen für Intern, Extern, Besucher)… Bei den größeren Kunden sind viele Türen, auch zu verschiedenen Fluren oder Gebäudeteilen, nur mit dem Ausweis zu öffnen (abgestuft, ob Büro, Kantine oder Sicherheitsbereiche wie RZ), teilweise Karte plus PIN…

        Einen Ausweis auch den Externen zu geben, halte ich in unserer Branche für unverzichtbar.

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  6. Plietsche Jung schreibt:

    Viel Erfolg, der Mann am Empfang war schon mal gut.

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