Tausendachtundfünfzig

Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, war ich ein außergewöhnlich braves und ruhiges Kind (was meine Eltern sicher bestätigen würden).
Am liebsten spielte ich alleine und ungestört vor mich hin. Ich machte nichts kaputt (zumindest nicht mit Absicht – ein Teller oder ein Glas fällt ja jedem mal versehentlich herunter), und auch sonst keinen Ärger.
Ich war also sehr pflegeleicht. Auch in der Schule war ich gut bis sehr gut, ohne dass das für meine Eltern irgendeinen Zusatzaufwand bedeutet hätte.

Der größte (und AFAIR) einzige ernsthafte Zoff, den ich mit meinen Eltern hatte, war, als ich mich mit 14 oder 15 weigerte, zum Beichten zu gehen.
Aber einerseits glaubte ich schon längst nicht mehr an das ganze Religionszeugs, andererseits hatte ich gar nichts zu beichten, und das war mir peinlich.

Ja, ich weiß – das hört sich nach selbstgerechter Unschuld vom Lande an. Aber Ich hatte weder Interesse noch Gelegenheit, irgendwelche Übeltaten auszuführen, und auch keinerlei Veranlassung, irgendeinen Schaden zu verursachen. Ich wollte niemandem Böses tun, und die unkeuschen Gedanken hielten sich damals noch in Grenzen (die hätte ich auch ganz bestimmt nicht dem Pfarrer auf die Nase gebunden).
Es ist schlicht keine Kunst, frei von Sünde zu sein, wenn Anreiz und Gelegenheit fehlen. Also was hätte ich beichten sollen?

Insofern weigerte ich mich. Meinen Vater ließ dies einigermaßen gleichgültig, aber meine Mutter weinte, denn das bedeutete mit Sicherheit ewige Verdammnis für mich, und vermutlich auch für sie selbst, da sie mich ja so erzogen hatte, dass ich vom rechten Weg abwich.

Ich blieb trotzdem konsequent, denn die Alternative hätte gelautet, mir irgendwelche Sünden aus den Fingern zu ziehen, nur damit ich etwas zu beichten habe.
Natürlich hätte ich nachgeben können, und hätte dann gebeichtet, dass ich mich meinen Eltern widersetzt und meine Mutter traurig gemacht hätte. Aber dadurch wäre ich alle paar Monate wieder in eine Rekursion hineingeraten – ohne eine sinnvolle Abbruchbedingung.

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Über breakpoint AKA Anne Nühm

Die Programmierschlampe.
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28 Antworten zu Tausendachtundfünfzig

  1. verbalkanone schreibt:

    Gut, dass du in dieser Sache konsequent geblieben bist. Auch wenn du noch ein Kind warst, sollte man niemals etwas tun, von dem man nicht überzeugt ist. Deine Mutter ist anscheinend eine sehr religiöse Frau, oder?

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  2. aliasnimue schreibt:

    Ich war bis 14 auch ganz lieb und brav.
    Gut, dass meine Eltern danach nur 20% mitbekommen haben…

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  3. idgie13 schreibt:

    So war ich als Kind auch. Bis 18. Mehr oder weniger gezwungenermassen – meine Mama war sehr streng. Direkt nach dem Abi bin ich ausgezogen und dann war ich nimmer so brav 🙂

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  4. Suchender schreibt:

    Das kommt mir bekannt vor. In dem Alter hab ich auch schon angefangen mir meine eigene Gedanken zur Religion zu machen und Beichten fand ich schon immer bescheuert. Von daher gut das Du das so durchgezogen hast.

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  5. Geeforce schreibt:

    Also wir mussten damals ja noch mit der Schule zur Messe und zur Beichte…also haben wir uns alle miteinander meistens irgendwas nichtssagendes aus den Fingern gesogen, damit die Religionslehrerin und der Pfarrer (die vermutlich eh was miteinander hatten) ruhe geben. Und selbst damit hab ich dann irgendwann aufgehört. Ich bin einfach nicht mehr hingegangen und aus… Gottseidank waren meine Eltern auch keine Knierutscher.;)

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  6. Blublubla schreibt:

    „Es ist schlicht keine Kunst, frei von Sünde zu sein, wenn Anreiz und Gelegenheit fehlen“
    Alles eine Frage der Definition. Kommt mir aber bekannt vor. Hab da auch noch nie den Sinn erkannt, aber damals den Weg des geringsten Widerstands gewählt. Irgendwelche (wahren) Belanglosigkeiten erzählt und gut. Und heute als nicht religiöser, aber doch gläubiger (vermutlich würden das viele eher als menschlich/vernünftig/rational/aufrichtig bezeichnen) seh ich das ähnlich. Wenn man einen Fehler macht, dann ist es völlig egal, ob man das wem erzählt oder nicht, viel wichtiger ist, dass man sich selbst damit auseinandersetzt und überlegt wie man damit umgeht und warum. Freikaufen durch Beichten ist nicht die alleinige Lösung, kann aber (wie vieles in den verschiedenen Religionen) eine Hilfe zur Selbsthilfe sein.

    P.S. Den Generalablass zu Ostern/Weihnachten vom Papst hol ich mir trotzdem 😛

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    • Wichtig ist ja, dass man mit sich selbst im Reinen ist.

      Sicherlich gibt es die eine oder andere „Verfehlung“, bei der man im Nachhinein meint, es wäre besser gewesen, man hätte anders gehandelt.
      Aber i.A. hatte man ja zu diesem Zeitpunkt durchaus Gründe, genau so zu handlen, wie man es eben tat.
      Insofern kann ich mit dem Konzept der „Reue“ (die Voraussetzung für die Absolution ist) nicht allzuviel anfangen.

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      • Leser schreibt:

        „Reue“ im Sinne von „remorse“ oder im Sinne von „repetance“?

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      • Blublubla schreibt:

        Naja meistens hat man (solange man nicht absichtlich jemand ärgern will) immer Gründe und sein’s nur biochemische Reaktionen. Trotzdem kann man die Reaktion bereuen. Jeder hat sicher schonmal überreagiert und vlt. im Zorn jemand emotional verletzt. Im besten Fall redet man darüber irgendwann und alles ist wieder gut. Ab und an geht das aber nicht. Sei’s weil der andere nun gar nimmer will, oder er unbekannt ist, etc.

        Nun kann man sich hinter den Gründen verstecken: „Der hat mich aber geärgert“ oder es tut einem leid, man kanns aber vlt. nicht mehr ändern.
        Im ersten Fall ist keine Absolution möglich (möglicherweise braucht man das aber auch net, weil es vermeintlich oder tatsächlich richtig war), im zweiten Fall bereut man es und die Absolution kann ein Trost sein. Für mich wär sie es aber nicht. Man kann nur damit leben, dass man halt als Mensch einen Fehler gemacht hat. (Was sich ja mit „wir sind alle Sünder“ deckt.)

        Insofern ist Religion eine prima Sache. Sie kann aber auch gefährlich sein, weil man einerseits Dinge auf die Religion abwälzen kann, anderseits Religion (oder besser deren Führer) Leute zwingen kann Sachen zu tun, die sie nicht möchten.

        Ich sehe ich drifte ab… ich wende ich mal wieder meinen Nullen und Einsen zu

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  7. Leser schreibt:

    Boah, wieder so ein Thema, was mich die Wände hoch gehen lässt! Diese scheinheiligen, verlogenen Religionen machen so viel in den Menschen kaputt, indem sie ihnen eine Lüge einer Erbsünde einimpfen!
    Ich muss mir jetzt erst mal wieder den hier reinziehen:
    https://www.youtube.com/watch?v=6RT6rL2UroE – George Carlin ist einfach ein genialer Comedian, inzwischen leider auch schon bei seinem Schöpfer, aber *diesen* Ausschnitt sollte man jedem Religioten mal vorspielen!

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  8. ednong schreibt:

    Jaja, die Religion. Da bin ich ja froh, dass ich nicht beichten mußte. Ich glaub, viel wäre mir da auch nicht eingefallen.

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  9. Pingback: Zwölfhundertzweiunddreißig | breakpoint

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