Neunhundertachtundneunzig

Wir waren von Eugen, einem von Carsten’s Geschäftsfreunden, zum Essen eingeladen worden, und fuhren deshalb gestern nachmittag in eine etwas entferntere Stadt, wo wir uns in einem Restaurant verabredet hatten.

Eugen sprang leutselig auf, als wir vom Kellner zum Tisch geführt wurden, während seine Frau Monika sitzen blieb. Beide waren deutlich unterdurchschnittlich groß, und .. naja .. recht korpulent.
Als Eugen mir zur Begrüßung die Hand reichte, meinte er: „Da muss ich ja hochschauen!“ Das müssen viele Männer, die meisten Frauen, und fast alle, wenn ich High Heels trage. Ich sagte nichts, sondern lächelte nur bemüht huldvoll.

Selten habe ich ein Paar erlebt, das derart albern miteinander umging. Sie müssen so um die Fünfzig herum gewesen sein. Ständig kicherten sie, belegten sich gegenseitig mit Kosenamen, fassten einander an. Ein Verhalten, das man Teenagern gerade noch zugestehen kann, aber doch keinem gesetzten Paar, insbesondere, wenn es um geschäftliche Belange geht.

Monika versuchte, vertraulich mit mir zu sprechen, und drängte mich immer wieder, doch richtig zuzulangen. Das Essen war zwar sehr gut, aber ich hatte bereits genug.
„Doch, doch!“, stimmte Eugen laut ein, „so schlank wie Sie sind, können Sie doch noch was vertragen!“, und an Carsten gewandt: „Wir Männer lieben doch Kurven!“ Dabei zeichnete er mit beiden Händen gegenphasige arcuscosinusartige Graphen in die Luft, um eindeutig klarzumachen, was er meinte. Dabei wären bezüglich seiner Frau eher in sämtliche Richtungen konvexe Formen angebracht gewesen, und über ihre WHR spekuliere ich noch nicht einmal.
Wer meine wohlgeschwungenen, sanften Rundungen nicht zu würdigen weiß, disqualifiziert sich durch seinen miesen Geschmack selbst. Ich erinnerte mich an die drei Siebe, zählte im Geiste mit den Fingern binär bis 4, und sagte gar nichts.

\Rant{
Aber das nervt mich schon. Seit meiner Jugend muss ich mir immer wieder solche Sprüche anhören. Wieso dürfen Dicke über schlanke Leute ständig so herziehen? Aber wenn man umgekehrt sagen würde, sie sollen einfach etwas disziplinierter sein, und weniger essen, ist das gleich Fatshaming oder Lipophobie, und sie sind tödlich beleidigt. (Hey – schon mal was vom Energieerhaltungssatz gehört? Von nichts kommt nichts. Dauerhaft übermäßige Energiezufuhr ist eine notwendige – aber nicht hinreichende (schließlich kann in einem nicht-abgeschlossenen System auch ein Teil ungenutzt ausgeschieden werden) – Bedingung für Fettleibigkeit.) Immer geht’s nur um die Empfindlichkeiten der Dicken (und BTW stört es mich auch, dass bei Konfektionskleidung die „großen Größen“ für die Dicken sind, während große, hochgewachsene Personen mit „langen Größen“ – falls überhaupt im Handel erhältlich – abgespeist werden), während über schlanke Personen beliebig abgelästert werden darf, ohne dass das überhaupt jemandem aufzufallen, geschweige denn zu stören, scheint. Aber nachdem ich jetzt weit über zwei Jahrzehnte lang nie etwas dazu gesagt habe, und meinen Ärger darüber immer kommentarlos runtergeschluckt habe, ist inzwischen das Fass übergelaufen, und es ist mir egal, ob sich in Zukunft auch mal Dicke und Fresssüchtige von mir beschämt fühlen. Und diejenigen, die noch nicht mal Kalorien und Kilokalorien auseinanderhalten können, haben’s ganz besonders verdient.
}

Zum Abschied wollte mich Monika dann umarmen. Widerlich. Das hätte ich mir lieber verbeten. Ich konnte dem trotzdem nicht entgehen, an ihre wabbernden Schwabbereien gedrückt zu werden.

Wenigstens saßen wir kurz darauf wieder im Auto und fuhren heim. Wie üblich hatte ich ein Tuch über meine Beine gelegt, um die Ablenkung des Fahrers zu minimieren.
„Wenn du dich noch mal mit denen treffen willst, dann bitte ohne mich“, erklärte ich Carsten.
„War’s so schlimm, Anny?“
„Stört dich dieses Gehabe denn nicht? Sie tun so als würden wir uns schon ewig kennen, und hätten miteinander Schweine gehütet.“
„Ach, Süße, Eugen ist halt ziemlich spontan. Er denkt nicht viel nach, bevor er etwas sagt. Ich würde meine Geschäftskontakte gerne mit ihm ausweiten. Dieses Treffen war die Voraussetzung.“
„Na, hoffentlich war’s das wert“, meinte ich finster, und schwieg erst mal.

Nach einigen Minuten fragte ich aber doch: „Siehst du das genauso?“
„Was?“
„Dass ich nicht dick genug sei.“
„Unsinn, Samtpfötchen, das weißt du doch. Dein Körper ist fantastisch. Wärst du nur halb so dick wie Monika, hätte ich dich längst rausgeschmissen.“
„Warum hast du mich dann nicht verteidigt?“
Er seufzte. „Hätte ich ihnen erklären sollen, dass du die schönsten Beine hast, die ich je gesehen habe, dass dein Hintern wunderbar grifffest, aber dennoch weich ist, und dass deine Brüste absolut bezaubernd sind? Ich glaube, dann hätte ich das Geschäft vergessen können.“
„Ich sehe, wie du die Prioritäten setzt.“

Er bremste stark ab, um die Autobahnausfahrt noch zu nehmen, an der wir gerade schon fast vorüber waren.
„Was ist los? Was hast du vor?“, fragte ich ihn.
„Ich zeige dir, wie ich die Prioritäten setze. Du kannst nicht erwarten, dass ich in meinem aktuellen Zustand noch 150 Kilometer fahre.“
„Und wo fährst du hin? Kennst du dich hier aus?“
„Ich werde schon irgendwo einen Waldweg oder Feldweg finden.“

Die Dämmerung war bereits fortgeschritten. Immerhin war es noch nicht ganz dunkel, als Carsten auf eine kleine Nebenstraße abbog, und kurz darauf an der Seite anhielt.
Wir stiegen aus, ich beugte mich über die warme Motorhaube, zog meinen Rock hoch, ..

Die folgende Szene ist nicht für Leser unter 18 Jahren geeignet. Deshalb überspringe ich sie.

Das hat meine Welt wieder in Ordnung gebracht.
Wir fuhren danach jedenfalls wieder weiter nach Hause, wo wir spätabends dann ankamen.

So, und jetzt her mit den Muffins und Donuts!

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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23 Antworten zu Neunhundertachtundneunzig

  1. aliasnimue schreibt:

    Natürlich ist jede Diskriminierung nicht schön.
    Bei jungen Frauen wird sehr schlank auch noch mehr toleriert, denke ich. Aber ab einem gewissen Alter entspricht es einfach nicht mehr dem allgemeinen Schönheitsideal.
    Dabei kommt es natürlich auch auf die Proportionen an.
    Zu dünn assozziert man bei älteren Menschen einfach mit krank.
    Und reife Frauen „sollen“ Weib sein und nicht Mädchen.

    Aber im Grunde genommen ist das doch alles Quatsch. Das wichtige ist doch, dass man sich in seinem Körper wohlfühlt. Ein paar Pfunde zuviel oder zuwenig…wen scherts, solange das alles noch gesund ist.

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    • breakpoint schreibt:

      Es geht darum, dass deutlich übergewichtige (sprich fettleibige) Personen (also nicht nur ein paar Pfund zu viel, sondern viele) wiederholt schlanken Personen die Attrraktivität absprechen, wohl um sich selbst besser zu fühlen.
      Ich erlebe das immer wieder seit meiner Jugend (damals war ich auch noch deutlich dünner als jetzt, weil ich einfach schneller gewachsen bin, als ich Masse zulegen konnte), und habe es inzwischen satt, denn wenn man sich mal erlaubt, analoge Äußerungen zu machen, sind sie sofort eingeschnappt, weil das ja eine unverschämte Beleidigung wäre.
      Umgekehrt dürfen sie das, und haben da überhaupt keine Hemmungen.
      Das wird dann noch getarnt als Wohlwollen oder Scherz. Pah! Aber selbst nichts einstecken können!

      Und ich brauche mich wirklich nicht dafür zu schämen, dass ich mir mit Mitte Dreißig noch eine jugendlich wirkende Figur mit Modelmaßen erhalten habe.

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      • aliasnimue schreibt:

        Das kann ich allerdings nur so erklären, dass sich bei vielen wohl sowas wie Trotz entwickelt.
        Stark übergewichtige Menschen müssen viel einstecken. Die Blicke, das Starren, das Getuschel bis zu Pöbeleien und sogar Handgreiflichkeiten.
        Irgendwann kam mal im Fernsehen eine Reportage, wo eine Frau sich mit Pfunden hat ausstatten lassen um das an sich selber zu testen.
        Das hat einem sehr bewusst gemacht, wie so Menschen leiden müssen.
        Ich denke, deswegen legen sie sich einen Schutzpanzer zu und teilen dann halt aus, um dem allen zuvor zu kommen.

        Wenn Du keinerlei Selbstwertprobleme hast, dann lächel das doch einfach weg. 🙂

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        • breakpoint schreibt:

          Trotzdem müssen sie nicht versuchen, anderen Komplexe einzureden, und ihre eigenen Defizite (ha!) auf andere abzuwälzen.
          Bis auf sehr wenige Ausnahmen (angeblich gibt es angeborene Stoffwechselerkrankungen, die Adipositas verursachen – ich habe aber noch keine getroffen) sind diese Übergewichtsprobleme alle selbstverschuldet.

          Wer von anderen Zurückhaltung und Feingefühl erwartet, für den sollte das erst recht gelten.

          Inzwischen bin ich zwar nicht mehr so leicht zu verunsichern wie vor 20 Jahren, trotzdem ist das ein wunder Punkt geblieben.

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  2. Molly schreibt:

    Ha, solche Sprüche bekomme ich auch von manchen Teilen der Verwandtschaft zu hören. UNd das, obwohl ich ja gar nicht mal so schlank bin. 😀
    Nur in der Relation bin ich es eben, denn solche Sprüche kommen halt nur von denjenigen, die 2-3 mal so breit sind wie ich.
    Hm, vielleicht ist das das selbe, wie wenn 2 Leute Alkohol trinken und der Eine den Anderen immer zum Mithalten auffordert: Damit man selsbt nicht versoffen wirkt, denn wenn beide gleich viel trinken, ist ja alles OK! 😀
    Und vielleicht will Dich besagte Monika fettmästen, damit sie neben Dir nicht mehr so dick aussieht? Macht tiefenpsychologischer sicher irgendwie Sinn, 😉

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    • breakpoint schreibt:

      Du sagst es.
      Wobei ich es bei Verwandtschaft noch eher toleriere als bei wildfremden Personen.

      Aber ich hab mir fest vorgenommen, das nächste Mal nicht nur einzustecken, sondern wirklich mal ein quid pro quo zu erwidern.

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  3. idgie13 schreibt:

    Nimms nicht so schwer – im Grunde wird sie neidisch auf Dich sein.

    Ich musste mir als Kind mit normaler Figur immer anhören, ich wär zu dick, bis ich es selbst geglaubt habe. Schaue ich mir heute die Bilder von mir früher an, weiss ich ehrlich nicht, warum alle immer auf mir rumgehackt haben.

    Deswegen sag ich nie was über die Figur von jemand anderem. Jede und jeder muss sich selbst in seinem Körper wohl fühlen und wenn nicht, es akzeptieren oder was dagegen tun.

    Leider muss ich ja sehr mit Energiezufuhr haushalten, weil mein Körper ein sehr guter Verwerter zu sein scheint – diesbezüglich bin ich schon etwas neidisch auf Dich. Aber mei – so isses halt 😉

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  4. ednong schreibt:

    Joule, es heißt Joule! Oder eben Kilojoule. Seit gut 40 Jahren …

    Und hab ich da schon wieder Muffins gehört? Gibt irgendwie momentan recht viele davon …

    out of sorts meint das Captcha. Bei dem Leibesumfang mag das ja zutreffen für die Dame …

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    • breakpoint schreibt:

      Zwischen Joule und Kalorien ist aber immerhin nur Faktor 4.2, und nicht 1000.

      Für Energieberechnungen darf man ruhig eine passende Energieeinheit wählen. Kalorien sind noch zulässig.
      Joule (bzw. Wattsekunden oder Newtonmeter) ist zwar die offizielle SI-Einheit, aber ich bevorzuge z.B. Elektronenvolt (1 eV = 1.6E-19 J), und rechne gerne in natürlichen Einheiten.

      Sag bloß, du bist übersättigt an Muffins? Und Schmalzkringel lehnst du als Vegetarier eh ab.
      Mahlzeit!

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      • ednong schreibt:

        Natürliche Einheiten, tsts. Der REchnung dürfte das egal sein. Und der Faktor ist ein wenig größer als 4,2.

        Und ja, dieses kcal meinen und cal sagen geht mir auch gehörig auf den Senkel. Müßte man mal bei denen mit Geld machen – dann zwar nur mit Faktor 100 einfachst möglich, aber immerhin.

        Übersättigung von Muffins? Ich? Neeee. Zur nOt könnte ich die noch einfrieren …

        Haha,das Captcha wieder: Which Chinese native animal makes 99% (oha, mit Schreibfehler) of its diet bamboo? giant panda 😀
        Aber gut, dann frißt er wenigstens nicht meine Muffins weg …

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        • breakpoint schreibt:

          Strenggenommen ist der Faktor 4.1868. Aber ein Zehntel der Antwort ist i.A. genau genug.

          Ich versteh‘ auch nicht, wie man so doof sein kann, den Präfix k einfach zu ignorieren. Aber die Leute, die das nicht kapieren, sind genau diejenigen, die sich einbilden, sonst den vollen Durchblick zu haben.

          Leider habe ich jetzt schon alle Muffins von heute aufgegessen. Morgen gibt es wieder Nachschub.

          Hab übrigens gerade einen Käfer in DWSW entdeckt. Falls du da irgendwann mal wieder vorbeischaust, wenn du nicht gerade anderswo mit Neuakquise beschäftigt bist, kannst du dich ja um ihn kümmern (er ist aber nicht aus Schokolade).

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          • ednong schreibt:

            Oh, noch einen?
            Und natürlich kleiner – hatte oben anders herum gerechnet. Aber steht ja auch in meinem Umrechnungs-Post.

            Das Captcha ist heut lustig – fragt, wer in 1984 mich beobachtet. Ja, ich weiß, die NSA hatte da noch einen Kosenamen …

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            • breakpoint schreibt:

              Dafür ist der Marienkäfer verschwunden.

              „Und schließlich sage ich nicht „Meter“, wenn ich „Kilometer“ meine, nur weil es kürzer ist. Dumpfbacken.“
              :yes: Sollen die doch mal ihre Stromrechnung in Wattstunden statt Kilowattstunden bezahlen.

              1984 war’s der Große Bruder, jetzt Google und Konsorten.

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  5. engywuck schreibt:

    Übergewichtige klagen dafür darüber, dass sie von den Dünnen diskriminiert würden – „bewegst du dich eigentlich nie?“ „wie kann man nur so viel essen?“ (hab ich mal mitbekommen wie das einer gefragt hat, der dann auf der Feier mehr aß als der von ihm angegriffene Dicke…) etc. Von eleganter Kleidung ganz zu schweigen („Size Zero“ in Massen und allen Farben, 5XL nur in schwarz und weiß)

    Könnte natürlich auch selektive Wahrnehmung sein – wer dünn ist wird nunmal eher selten wegen Dünnsein von anderen Dünnen angegriffen, Dicke greifen dafür andere Dicke auch eher selten an.

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    • breakpoint schreibt:

      Sobald Dicke von Dünnen auf ihr Übergewicht angesprochen werden (nicht dass ich das bisher selbst gemacht hätte, aber einige Male als Beobachter miterlebt), reagieren sie meiner Erfahrung nach extrem beleidigt.
      Umgekehrt machen die Dünnen halt gute Miene zum bösen Spiel, obwohl es sie ganz genauso nervt.

      Innerhalb der eigenen „Gewichtsklasse“ gibt es ja gar keinen Anlass einander „anzugreifen“.

      Schau doch auch mal bei meiner Blogparty vorbei.

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  6. breakpoint schreibt:

    TausendsechzehnUnd wieder mal ein formelles Abendessen hinter mich gebracht.
    Eine Reihe Geschäftsführer mit Begleitung waren eingeladen. Leider gab es kein Buffet, sondern ein Menü (was langwieriges Bedienungsprocedere nach sich zog). Naja, ich habe schon besser geg…

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