Neunhundertsechsundneunzig

Unsere Kurzurlaube verlaufen eigentlich alle mehr oder weniger ähnlich.
Diesmal hatten wir von unserem Urlaubsort aus einen Ausflug in die nähere Umgebung gemacht.
Spazierengehen, Kaffee und Kuchen, Outdoor, Eis, .. bis wir zu einer mehrere hundert Meter langen Sommerrodelbahn kamen.

Mich reizt so etwas weniger, aber Carsten wollte gerne fahren. Es gab zwar auch Doppelrutschen, aber die sind wohl eher für Menschen mit geringeren longitudinalen Abmessungen konzipiert, und wir hatten keine Lust, uns dermaßen zusammenzufalten.
Problematisch war, dass ich – wie üblich im Sommer – keinen Slip unter meinem Minirock trug, so dass es schwierig war, mich hinzusetzen, ohne einen vielleicht unangemessenen Einblick zu gewähren. Deshalb fuhr Carsten vor mir, und ich in etwas Abstand auf der nächsten Rutsche.

Geschwindigkeit ist relativ, denn sie ist immer nur im jeweiligen Bezugssystem definiert, und wir haben dafür kein spezielles Empfinden. Außerdem steigt die kinetische Energie in nicht-relativistischer Näherung mit dem Quadrat der Bahngeschwindigkeit.
So war es absolut vernünftig, dass ich möglichst viel von der Fahrt haben wollte, also möglichst lange fahren wollte. Die logische Konsequenz daraus ist selbstverständlich, dann halt nur langsam zu fahren (ds = v(t) dt), um die wenigen Minuten auszudehnen und zu genießen.

Carsten war bereits außer Sichtweite, als ich losfuhr. Meine Strategie ging auch zunächst auf, und ich rutschte schön gemütlich und in aller Ruhe vor mich hin, indem ich halt angemessen bremste.
So fuhr ich ein Stück vor mich hin. Es ruckelte etwas unangenehm, aber im Grunde fuhr es sich ganz relaxt.
Dann jedoch kam in einem irren Karacho von hinten der nächste Rodler angebraust. Fast wäre er mir hintendrauf gekracht. Er konnte gerade noch bremsen. Den Rest der Fahrt hing der mir hinten auf der Pelle, und schrie einige Male „Schneller, schneller!“, oder ähnliches.

Hey! Ich bin im Urlaub und habe Zeit. Ich brauche mich nicht abzuhetzen, und bei dieser Bahn geht es nicht darum, möglichst bald unten anzukommen, sondern darum, die Fahrt selbst auszukosten.
Natürlich will der Betreiber, dass die Leute möglichst schnell runterbrausen. Je mehr Personen pro Betriebsstunde er hier durchschleust, desto mehr Umsatz und Gewinn macht er schließlich.

Dieser Drängler hinter mir hat mir die Fahrt ziemlich verdorben. Wie kann man nur so ungeduldig sein!

Als ich schließlich unten ankam, wartete Carsten bereits. Er half mir, aus der Rutsche zu klettern (was gar nicht so trivial ist, wenn man nichts drunter anhat), und fragte, ob ich noch einmal rutschen wolle, was ich verneinte.
Wir gingen noch ein wenig spazieren, fanden aber keinen geeigneten, ungestörten Outdoor-Platz mehr.

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Über breakpoint AKA Anne Nühm

Die Programmierschlampe.
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23 Antworten zu Neunhundertsechsundneunzig

  1. Molly schreibt:

    😀 Oh Mann, Du traust Dich ja was! Ich würde nichtmal MIT Schlübber im Minirock rutschen gehen. Oder Fahrad fahren.
    Deine Argumentation bezüglich Geschwindigkeit habe ich allerdings nicht so recht verstanden; mir macht „Schneller! Schneller!“ definitiv mehr Spaß! 🙂

    Willkommen daheim! 🙂

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  2. baerlinerinn schreibt:

    …ui ui ui. Da haettest du als Schnecke mich aber auch tierisch aufgebracht. Ziel fuer mich waere der Adrenalinkick und das Bauchkribbeln durch hoechst moegliches Herunter-DUESEN!!! 🙂

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  3. plietschejung schreibt:

    Ach, das hätte mich auch genervt.
    Es geht doch beim Rodeln nciht um Sightseeing, sondern den Kick der Geschwindigkeit und das Kurvengefühl 🙂

    Zieh dich besser an, du brichst dir dabei doch keinen ab.
    Es gibt so schöne Versionen vom kleinen „Nichts“ :>>

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    • breakpoint schreibt:

      Dir geht es vielleicht um „den Kick der Geschwindigkeit und das Kurvengefühl“. Mir nicht. Ich mag die Fahrt und die Landschaft genießen.

      Egal wie schön die Version, es beeinträchtigt die Accessibility.

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  4. ednong schreibt:

    Du Bremserin! 😉

    Hach ja, mit etwas drunter ist es vielleicht angenehmer und du bist etwas beweglicher.

    head over heels meint das Captcha.

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  5. engywuck schreibt:

    immer diese Sonntagsfahrer!

    Also auf der Landstraße fährt „sowas“ (möglichst langsam, damit man die Aussicht genießen kann) üblicherweise erst ab „Rente plus“ durch die Gegend. Du wirst doch nicht etwa alt? 🙂

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    • breakpoint schreibt:

      Es handelte sich nicht um eine Landstraße, sondern um eine Art Rutschbahn.
      Jeder zahlende Kunde hat IMHO das Recht, in einem ihm angenehmen Tempo da runter zu rutschen. Das hat nichts mit Alter zu tun.

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      • engywuck schreibt:

        du hättest also auch das Recht gehabt, zwischendrin anzuhalten (oder meinetwegen im Limes gegen Null gerade noch rutschend runterzufahren)?

        Natürlich kann dich keiner zwingen, extrem schnell zu fahren, aber wenn du das wenigstens angekündigt hättest wäre keiner auf dich draufgefahren sondern man hätte halt etwas länger gewartet – oder nicht auf die Rutsche gelassen…

        Stell dir mal vor da fährt einer auf dich drauf und es gibt Verletzungen größerer Art – ich bin ganz sicher der Richter hätte *mindestens* auf Teilschuld von dir erkannt, eben weil „jeder“ so eine Rutsche besteigt, um (schnell) zu fahren und nicht, um (stark) zu bremsen und die Landschaft zu betrachten.

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        • breakpoint schreibt:

          Meine Geschwindigkeit war schon deutlich > 0, aber falls ich jemals wieder solch eine Fahrt mache, werde ich ankündigen, dass ich gemütlich fahren will.

          Selbst wenn angeblich „jeder“ möglichst schnell runterfahren will, ist das keinerlei Argument für mich, ebenfalls so schnell fahren zu wollen.

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  6. Pingback: Elfhundertachtundsechzig | breakpoint

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