Neunhundertzweiundachtzig

Das Protzomobil war mir gleich aufgefallen, als ich über die Parkplätze zum Eingang des Gebäudes ging. Sowohl bei den IT-lern, als auch bei den Entwicklern schien es das Thema des Tages zu sein.
Ich hielt mich nicht auf, um mich mit ihnen darüber zu unterhalten, sondern machte mich nach einem kurzen Aufenthalt in meinem Büro auf den Weg zu einem der Besprechungsräume.

Der Chef ist immer noch auf der Suche nach einem guten Unternehmensberater, da die Expansion doch etliche Fragen aufwirft, die der Vize alleine nicht handlen kann. Also ist externes Knowhow wohl unumgänglich.

Ich betrat also den Besprechungsraum, in dem der Chef mit einem Teil seiner Führungsmannschaft einen sich vorstellenden Unternehmensberater kennenlernen wollte.
Der Chef stellte mich nur mit Namen vor.
„Gehört das rote Auto da draußen Ihnen?“, fragte ich, um etwas Konversation zu machen, aber auch um diese Frage eindeutig zu klären.
„Oh ja!“, er überschüttete mich mit einem Haufen Details, die mich gar nicht interessierten, und schloss: „Ich lade Sie gerne einmal zu einer kleinen Fahrt ein.“
„Nein, danke“, antwortete ich denkbar knapp, denn „Nein, danke“ bedeutet wirklich „Nein!“
„Es würde Ihnen bestimmt gefallen“, hakte er nach.
„Das bezweifle ich. Ich habe kein Interesse“, wiederholte ich kühl.
„Setzen wir unser Gespräch wieder fort“, warf der Chef stirnrunzelnd ein. Das war gut so. Vielleicht hätte ich mich sonst hinreißen lassen, den Berater zu fragen, welche Defizite er denn versuche, mit seiner Protzkarre zu kompensieren.

Was dann im einzelnen besprochen wurde, interessiert euch noch weniger als mich, und es geht euch auch überhaupt nichts an.
Jedenfalls sind mir die Gedankengänge solcher Unternehmensberater so was von zuwider. Die denken nur an kurzfristige Gewinnmaximierung – und das aus der Perspektive eines quasi Unbeteiligten. Wenn deren Empfehlungen nach hinten losgehen, tragen sie nicht das Risiko. Und welche langfristigen Auswirkungen ihre Vorschläge haben, ist denen erst recht wurscht.

Bemerkenswert ist noch, dass beim Rausgehen die Hand des Chefs zufällig (?) meinen verlängerten Rücken streifte.

Für den Rest der Story noch einen Cliffhanger zu machen, lohnt nicht.
Im Endeffekt bekam der Berater den Vertrag nicht – u.a. auch weil Leute, die es nötig haben, mit solchen Protzkarren aufzufallen, von der Mentalität her nicht mit der Unternehmensphilosophie kompatibel sind.

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Über breakpoint AKA Anne Nühm

Die Programmierschlampe.
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32 Antworten zu Neunhundertzweiundachtzig

  1. aliasnimue schreibt:

    Der einzige Sinn, der ein externer Unternehmensberater machen kann, ist dass er innovative Ideen und Know-how einbringt.
    Die meisten kochen aber nur mit Wasser.
    So ein auffälliger Wagen zeugt von mangelndem Fingerspitzengefühl und läßt auf einen Hang zur Selbstüberschätzung schließen.

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    • breakpoint schreibt:

      Ja, genau.
      Dieser Angeberwagen war zwar nicht der einzige Grund, warum er den Vertrag nicht bekommen hat, aber wenn jemand es so nötig hat, mit etwas aufzufallen, das mit seinen beruflichen Leistungen nichts zu tun hat, ist zumindest äußerste Vorsicht geboten.

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  2. Floh schreibt:

    Ein sehr bedeutender österreichischer Unternehmer (Turnauer)hat einmal (vor längerer Zeit)zu externen Unternehmensberatern gemeint:
    „Wenn ich das know-how nicht im Unternehmen habe, habe ich die falschen Mitarbeiter“ bzw. „Ein externer Berater ist ein von mir eingeladener Spion, ich gebe ihm viel von meinem Wissen, dass er dann an Konkurrenten weitergeben kann“
    Außerdem sind Berater, wie Du schreibst, an kurzfristigen Erfolgen interessiert, eine eigentümergeführte Firma doch eher an langfristigen Bestand am Markt

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  3. baerlinerinn schreibt:

    …hey. Ich moechte hier mal eine Lanze brechen fuer die, die sich mittels ihres Jobs ihren Traumwagen verwirklichen koennen. Nur, wenn so jmd. als Proll auftraete oder sich über andere abfaellig aeusserte, waere ich eins mit euren Vorurteilen. … Haette ich das Geld, ich fuehre einen SL Fluegeltuerer oder eine 68/69er Vette. Bin ich dadurch ein Proll??? 😮 … Ich liebe schoene Autos und kaufte so einen Wagen allein für mich. Ich will nicht mal Blicke, sondern einfach nur meine Augen verwoehnen und selig seufzen. 🙂

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    • breakpoint schreibt:

      Das protzige Auto allein war nicht der einzige Grund für die Ablehnung, hat höchstens den Ausschlag gegeben.
      Bei diesem Berater war einfach mehr heiße Luft als Substanz dahinter.
      Wir hatten schon den Eindruck, dass dieses Auto ihm dazu diente Eindruck zu schinden.
      Ich kann den Finger nicht darauf legen, was mich im Detail störte, aber wenn er beispielsweise gesagt hätte, dass er sich damit nach vielen Mühen einen Jugendtraum erfüllt hätte, statt sein Auto als reines PhallusStatussymbol darzustellen, hätten wir das sicher positiver aufgenommen.

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    • Leser schreibt:

      Ich muss dem zustimmen (ohne die Fragwürdigkeit der Qualität des Beraters in Zweifel ziehen zu wollen): Ein „besonderes“ Auto sich leisten zu können ist wirklich „besonders“ um seiner selbst willen. Ich würde auch am liebsten irgendwas älteres und/oder großes, amerikanisches mit 8 Zylindern und mind. 5L Hubraum fahren. Nur dass das wegen des Benzinverbrauchs illusorisch ist. Und wenn es auch noch eine „Protzkarre“ wäre, dann wäre es mir sogar unter Umständen peinlich, damit vorzufahren (weshalb ich, so gerne ich mal einen richtigen Sportwagen über den Nürburgring oder so jagen würde, nie einen als „daily driver“ haben wollte). Also einen Zweitwagen, der schön unauffällig ist. Aber andererseits halt auch doof, die ganze Zeit im Undercover-Auto rumzukurven, wo man zugleich etwas nutzen könnte, wo jeder Handgriff der Bedienung einem ein Lächeln aufs Gesicht zaubert….

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      • breakpoint schreibt:

        Für mich ist ein Auto ein (mögliches) Mittel, um von $A nach $B zu kommen.
        Das muss es bewerkstelligen, ohne selbst im Mittelpunkt zu stehen.
        Ein einfacheres Modell tut dies i.A. ganz genauso.

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        • Leser schreibt:

          Klar, das ist der praktische Effekt. Und dann kommt eben – wie bei vielen Dingen, die *auch* Liebhaberobjekte sein können – noch der Effekt dazu, der nur emotional ist. Ich liebe das Brubbeln großvolumiger, langsam laufender V8-Motoren (das muss nicht mal irgendwie laut sein, also sollte keinen extra Nerv-Auspuff haben oder so), und das Fahrgefühl so eines „Schiffs“ ist auch genial, edles Dahingleiten….andere lieben vielleicht, wie sie von der Beschleunigung in den Sitz gepresst werden, und fahren deshalb etwas sportliches. Da geht es eben nicht darum, etwas „für andere“ darzustellen, sondern lediglich um die Freude, die man selbst beim Benutzen der Sache empfindet.

          Oder als Vergleich: Für mich muss Kleidung bequem zu tragen sein, und mich ausreichend vor Kälte/Wind etc. schützen. Wie sie aussieht (=ich aussehe), könnte mir dabei nicht egaler sein. Andere sehen das ganz anders, und nehmen sogar Unbequemlichkeiten in Kauf, um auf irgend eine Weise auszusehen. So hat eben jeder etwas, was ihm aus emotionalen Gründen mehr bedeutet, und es ist nicht bei allen dasselbe. Ist doch OK.

          Das Captcha sagt: marry me. Ich sage: Nein, lieber nicht.

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          • breakpoint schreibt:

            Naja, jeder hat wohl andere Dinge, für die er sich begeistern kann.
            Das müssen andere nicht nachvollziehen können, und im Grunde ist es ja gerade diese Vielfalt, die das Leben interessant macht.
            Wo kämen wir hin, wenn alle die gleichen Vorlieben hätten?

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  4. Geeforce schreibt:

    Ein mir bekannter Berater hat seine eigene Tätigkeit mal folgenermassen umrissen: „Ein Konsulent kommt zu dir, nimmt deine Uhr in die Hand und sagt dir dann wie spät es ist. Und als Honorar behält er dann die Uhr.“ 😉

    Besser könnte ich selber es auch nicht zusammenfassen… 😀

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  5. verbalkanone schreibt:

    Solche oder ähnliche „geschäftliche Begegnungen habe ich sehr oft. Leider gewöhne ich mich irgendwie nicht daran und empfinde derartige Dialoge als anstrengend. MÄNNER … *Grmpf.*

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  6. ednong schreibt:

    BTW: hast du die URIs der (älteren) Kommentatoren auf wordpress.org gesetzt?

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  7. Pingback: Elfhundertachtundfünfzig | breakpoint

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