Achthundertdreizehn

Alle paar Wochen mal sind wir bei irgendwelchen Geschäftsfreunden von Carsten zum Abendessen eingeladen. Ein paar Mal hat Carsten im Gegenzug ebenfalls Gäste eingeladen – grundsätzlich in Restaurants.
Ich bin fast immer dabei, um zu „repräsentieren“. Hm.
Solche Essen bestehen meist aus Smalltalk und aus geschäftlichen Gesprächen der Herren, während sich die Damen meist über irgendwelchen Promiklatsch oder Kochrezepte auslassen, und sind – richtig! – strunzlangweilig, weswegen ich auch nicht darüber blogge.

Jetzt sind wir demnächst zu einer festlichen Veranstaltung eingeladen, bei der Abendgarderobe erwartet wir.
OK. Also habe ich bei meiner Schneiderin schon mal ein Abendkleid in Auftrag gegeben. Smaragdgrüne Seide, enganliegend geschnitten, schulterfrei (dafür mit separaten Ärmeln), knöchellang, aber dafür mit zwei Gehschlitzen bis zur Hüfte. Dazu bräuchte ich eine Stola, aber da muss ich mir noch ein paar Details überlegen, damit es mir nicht zu kalt wird.
Passende Schuhe herzukriegen wird wohl wieder mal schwierig sein.

So weit, so gut. Das war jetzt nur die Vorgeschichte, damit ihr die Hintergründe kennt.

Nach dem Begrüßungsquickie holte Carsten eine Schatulle aus seiner Jacke und öffnete sie. Er nahm den Inhalt heraus und wollte ihn mir geben: „Hier das ist für das Bankett!“
Ich nahm es nicht an. „Was soll ich damit?“
„Du sollst die Kette tragen, wenn wir zum Bankett gehen.“
Ich schüttelte den Kopf: „Nee, bestimmt nicht.“
Carsten atmete tief durch. „Und was spricht dagegen, dass du diese Kette trägst? Ich habe sie extra passend zu deinem Kleid ausgesucht.“
„Mich stört so was am Hals. Außerdem sehe ich überhaupt keine Veranlassung.“

„Samtpfötchen, es ist üblich, dass die Frauen zu solchen Anlässen Schmuck tragen. Jetzt blamier mich nicht. Sonst denken meine Bekannten noch, ich könnte mir keinen Schmuck für meine Frau leisten.“
„Als ob das ein Argument wäre, was andere Leute denken.“
„Sei nicht so störrisch. Wenn dir diese Kette nicht gefällt, kann ich dir eine andere besorgen. Wir können auch gemeinsam zum Juwelier gehen, wenn dir das lieber ist.
„Ob die oder eine andere macht keinen Unterschied. Ich trage keinen Schmuck.“

„Darf ich fragen, warum nicht?“
Ich merkte, dass ich kurz davor war, seine Geduld zu überreizen.
„Das habe ich dir aber schon gelegentlich erzählt. Ich habe mal im Kindergarten ein Kettchen verloren, und das passiert mir nicht mehr.“
„Das ist über dreißig Jahre her, Anny. Und bestimmt war das Kettchen nicht besonders wertvoll.“
„Mir lag aber an dem Kettchen. Da war so ein süßes Engelchen auf dem Anhänger. Das war damals ein großer Verlust für mich.“

„Schau, diese Kette hat einen Sicherheitsverschluss. Ich mach ihn dir zu. Dann kann die Kette nicht verloren gehen.“
„Dann hätte ich immer noch Angst, dass sie mir jemand klaut.“
„Das ist nur rein hypothetisch. Und ich behalte dich immer im Auge.“
Ich schwieg. Fast hatte er mich überredet.
„Bitte, Anny. Ich trage das Risiko, wenn die Kette verloren geht. Und ich kümmere mich darum, dass sie sonst sicher verwahrt wird.“
„Ich weiß nicht so recht ..“

Er nahm mich in die Arme, begann mich zu streicheln und zu küssen. Mist! Dass das meine Verhandlungsposition aber auch immer so schwächen muss.
„OK .. ja“, stöhnte ich irgendwann zwischen zwei Küssen hervor.
..

Also habe ich jetzt nachgegeben und mich auf dieses Collier eingelassen. Aber falls er irgendwann auf die Idee kommt, ich solle mir irgendwelche Dinger an die Ohren hängen, dann stelle ich mich wirklich stur. An meine unperforierten, zarten Ohrläppchen hänge ich keine Gewichte ran.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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11 Antworten zu Achthundertdreizehn

  1. DerMaskierte schreibt:

    Wenn er mit Ohrringen kommen sollte, musst ihm ernsthaft versichern, dass du mit Fleshtunnels liebäugelst. Der Gesichtsausdruck wird sicherlich köstlich sein. 😉

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  2. sweetsurrender schreibt:

    Also ich hätte mich gefreut. 🙂
    Gefällt sie Dir denn nicht?

    Tja, wir Frauen sind wirklich das schwache Geschlecht. In so Momenten würde ich auch zu allem ja sagen. 😉

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    • breakpoint schreibt:

      Wenn er mir Pralinen oder Kuchen mitbringt, dann freue ich mich.
      Aber aus Schmuck und solchem Zeug mache ich mir nichts.

      Er weiß halt genau, wie er mich anfassen muss, um mich willenlos zu machen. Aber ich könnte dann eigentlich auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren.

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  3. Athropos schreibt:

    Alternativ zur Perforation gäbe es ja Clips oder auch was mit Magneten. Zumindest Letzeres soll ziemlich gut halten.

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  4. Pille-Papa schreibt:

    nimm das smaragdgrūne Kleid am besten ne Nummer größer. …. kannste mehr essen

    😆

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  5. breakpoint schreibt:

    AchthundertsechsundzwanzigDann waren wir also bei dieser Veranstaltung der Universität.
    Meine neuen Schuhe drückten etwas, aber vor allem war es sehr ungewohnt, etwas um den Hals herum zu tragen.

    Eigentlich war es gar nicht so überraschend, trotzdem war ich erstaunt, als un…

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