Achthundertzehn

Niemand hatte eine Veranlassung gesehen, das Vorstellungsgespräch eines Bewerbers für die Assistentenstelle zu verschieben, nur weil es sich relativ kurzfristig ergeben hatte, dass der Chef verreisen musste.

Also blieb es an mir hängen, das Vorstellungsgespräch zu leiten. Da sonst noch die Personalchefin dabei war, ergab es sich völlig unbeabsichtigt, dass der Bewerber zwei Frauen gegenüber saß.
Nun ja, jemand, der vorhat, irgendwann einmal Führungsaufgaben zu übernehmen, sollte eigentlich auch mit solch unerwarteten Situationen zurechtkommen.
Der Bewerber erschien mir jedoch schon recht irritiert.

Überhaupt muss ein Kandidat für diesen Job auch ein gewisses Durchsetzungsvermögen mitbringen, und sich trauen, ggf. dem Chef mal – begründet – zu widersprechen.
Den Eindruck hatte ich bei diesem Bewerber nicht. Fachlich hätte es wohl gepasst (soweit ich das überhaupt beurteilen kann), aber er wirkte überhaupt nicht souverän, sondern kicherte teilweise albern herum (was er selbst wohl für besonders charmant hielt). Es ist also kein Verlust, dass Carsten ihn nicht persönlich kennenlernen konnte.

Schon ziemlich schnell war mir also klar, dass der Bewerber nicht für die Stelle geeignet war. Keine Ahnung, warum man das Bewerbern nicht direkt sagt (vermutlich irgendwelche rechtlichen Gründe), und so wollte ich ihn verabschieden mit der unverbindlichen Floskel: „Sie hören wieder von uns.“
An diesem Punkt kann ein Bewerber den gemachten Eindruck eigentlich nicht mehr verbessern, aber immer noch verschlechtern. Eine Warnung also an alle, die jemals in eine ähnliche Situation kommen: Hier nicht mehr nachhaken.

Dem Bewerber war dies wohl unbekannt, so dass er fragte: „Wann treffe ich denn jetzt den Geschäftsführer? Ich dachte, dass ich mit ihm arbeiten soll.“
„Für ihn!“, lag es mir auf der Zunge zu sagen (einer Folge von TBBT gedenkend), aber ich schluckte es hinunter, und erwiderte stattdessen geduldig: „Ich werde morgen mit dem Geschäftsführer darüber sprechen.“
„Morgen ist Feiertag“, bemerkte er in einem klugscheißerischen Ton.
Ich lächelte freundlich: „Ja, genau, und morgen kommt der Geschäftsführer wieder zurück, so dass ich dies alles mit ihm besprechen kann.“

Bevor der Bewerber weiter nachbohren konnte, hatte ich bereits die Sekretärin gerufen, um sie zu bitten, den Bewerber zum Ausgang zu geleiten. Die Personalerin wies ich an, dem Bewerber im Laufe der nächsten Woche eine Absage zu schicken.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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16 Antworten zu Achthundertzehn

  1. aliasnimue schreibt:

    Da mußte ich doch wirklich schmunzeln. Habt ihr euch mit den entsprechenden Positionen vorgestellt? Oder was denkst Du hat er gedacht, mit wem er spricht?

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    • breakpoint schreibt:

      In solchen Fällen stelle ich mich grundsätzlich mit meinem Namen vor, und erkläre, dass mich der Geschäftsführer gebeten/beauftragt hat, das Gespräch zu führen.
      Nur falls der Bewerber konkret nach meiner Position fragt (selten), bezeichne ich mich als (externe) Beraterin.
      Das entspricht alles völlig der Wahrheit, und private Beziehungen gehen die Bewerber nichts an.

      // Und ich bin inzwischen schon ziemlich sonderbar drauf.
      // Ich hab erst mal nur „Positionen vorgestellt“ gelesen,
      // und meine Gedanken gingen wieder mal in eine gaanz andere Richtung 🙄

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  2. Athropos schreibt:

    Zugegebnermaßen ist mein letztes Bewerbungsgespräch (auf dieser Seite des Tisches) schon etwas länger her, aber ist das Geschlecht des Gegenübers (bzw. dessen Zusammensetzung / Verteilung bei Gruppen) von irgendeiner Relevanz? Bewerbungsgespräche, bei denen viel Gelacht wurde hatte ich allerdings auch schon – im positiven Sinn.

    Unter der Annahme, dass Personalerin === Personalchefin, gehe ich deiner Schilderung nach davon aus, dass es meinungstechnisch keine Diskrepanzen bezüglich des Bewerbers gab?

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    • breakpoint schreibt:

      Relevanz? .. Nö, eigentlich nicht. Es ist nur so selten, dass zwei Frauen die alleinigen Ansprechpartner sind, dass der Bewerber offenbar nicht damit gerechnet hatte, und vielleicht etwas aus dem Konzept war.
      Das machen wir sonst nicht so, hat sich halt diesmal so ergeben, da auch bei der Personalabteilung gerade kein Mann verfügbar war.

      Die Personal[chef|er]in war nur als Ansprechpartner für Formalitäten dabei. Sie ist nicht an der Entscheidungsfindung beteiligt.

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  3. schaum schreibt:

    wohl etwas richtig gemacht. man sollte doch mehr einfühlungsvermögen und angemessenheit im verhalten erwarten. nun mag bewerber das für das gehalten haben. aber dann passt es erst recht nicht….

    es schäumt gutgemacht

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    • breakpoint schreibt:

      Für diese Stelle suchen wir einen Mann mit einer bestimmten Persönlichkeit, der eben ins Unternehmen passt.
      Dieser Bewerber hat halt nicht gepasst, aber beim derzeitigen Ingenieurmangel dürfte er keine größeren Probleme haben, woanders unterzukommen.

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  4. DerMaskierte schreibt:

    Eine Anmerkung: Es ist völlig legitim von einem Bewerber, auch von einem schlechten, dass er einen ungefähren Zeithorizont erfragt, wenn das berühmte „Sie hören von uns“ kommt.

    Wobei ich persönlich dazu neige, dass ich immer sage „Sie hören bis spätestens nächste Woche Freitag von uns“.

    Jeder, der auch mal auf der anderen Seite des Tischs gesessen hat, weiß sowas zu schätzen. Und ich finde, das ist auch ein Zeichen der Höflichkeit gegenüber dem Bewerber.

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    • breakpoint schreibt:

      Grundsätzlich hast du schon recht.

      In diesem Fall ging es dem Bewerber aber nicht darum, wann er wieder etwas „von uns hört“, sondern, wann er mit dem GF sprechen kann.

      Wir wickeln solche Rückmeldungen i.A. zügig ab, wobei eine Absage meistens eher kommt, wenn der Fall eindeutig ist, als eine Zusage.
      Die kann nämlich schon mal länger dauern, weil wir erst noch andere Bewerber kennenlernen wollen.

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  5. plietschejung schreibt:

    Verstehe deinen Standpunkt gut.
    Den hätte ich auch nicht genommen.

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  6. ednong schreibt:

    Schade, schade, dass mir die passenden Kenntnisse fehlen. Der Job wäre sicher spannend.

    Allerdings:
    derart unverschämt zu fragen, find ich einfach dreist. Nachhaken bzgl. eines ungefähren Termins würde ich dennoch – schließlich möchte man als Bewerber Klarheit.

    Und wenn man in Frage kommt für die Stelle, wird man ja (meist) ebenso mit dieser Floskel verabschiedet.

    Captcha: people like me – paßt!

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    • breakpoint schreibt:

      // Religiöse Huldigungen bitte auf meinem Blog unterlassen!

      Ganz so dreist habe ich das jetzt nicht aufgefasst, nur eben soweit, dass sich ein Blogentrag darüber lohnt.

      Wann genau der Bewerber wieder von einem hört, ist eben nur genau dann einigermaßen eindeutig, wenn klar ist, dass der Bewerber keinesfalls in Frage kommt.
      Falls man ihm eventuell noch eine Chance einräumt, kann sich das auch hinziehen, weil man ihn erst noch mit anderen Kandidaten vergleichen will.

      (Ach so, ich habe gerade noch mal nachgelesen. Das „Nicht mehr nachhaken“ ist wohl etwas missverständlich.
      Selbstverständlich ist es erlaubt, nach dem ungefähren Zeitraum zu fragen, oder auch nach anderen Formalien. Man sollte allerdings akzeptieren, dass das Bewerbugsgespräch an sich beendet ist, und nichts mehr in dieser Richtung fragen. Die Vorstellung ist erst mal gelaufen.)

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      • ednong schreibt:

        Ja,
        dann war dein Nachhaken missverständlich (für mich). Verständlich, dass du als AG natürlich auch noch andere Bewerber sich vorstellen lassen willst. Ebenso willst du als Bewerber natürlich auch irgendwann Klarheit haben. Und da reicht mir dann die Aussage wie „in 2 Wochen“ oder „in 4 Wochen“ durchaus. Denn normalerweise will man das als AG ja auch irgendwann abgeschlossen haben. Gibt ja wichtigeres zu tun.

        Ich huldige mich nicht. Das macht dein Blog schon vorbildlich von allein 😉

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        • breakpoint schreibt:

          Vielleicht sollte man grundsätzlich etwas wie „in spätestens 4 Wochen“ sagen.
          Wenn die Absage dann trotzdem früher kommt, macht das ja auch nichts.
          Bei vielversprechenden Kanditaten ist dann evtll. zwischendurch ein Ping nötig.

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  7. Pingback: Tausendvierzig | breakpoint

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