Achthundert

Die Gretchenfrage habe ich schon vor längerer Zeit beantwortet, einmal über Aberglauben geschrieben, und kürzlich über die Beschreibung der Natur gebloggt.
Allmählich ist es auch mal angebracht, meine persönliche Weltanschauung zu erläutern. Niemand muss sich dieser anschließen. Ich will niemanden bekehren.

Ich gehe von der Prämisse aus, dass die Realität, so wie ich sie wahrnehme (Fehlinterpretationen des Gehirns wie bei optischen Täuschungen schließe ich in diesem Kontext aus), tatsächlich existiert.
Diese Prämisse ist nicht selbstverständlich, denn alternativ könnte ich auch in einer Simulation „leben“ oder mir das alles nur einbilden. Da letzeres jedoch schon sehr egozentriert wäre, und meine Fantasie so groß nun doch nicht sein dürfte, glaube ich einfach an die Natur bzw. die Existenz des Universums.
Dies ist wohlgemerkt ein reiner Glaube. Wissen kann ich das nicht, da es dafür keine Beweise geben kann. Und für reinen Agnostizismus bin ich eigentlich zu pragmatisch.

Das Descartes’sche „Cogito ergo sum“ geht von einem denkenden Ich aus (das sich selbst in seinen eigenen – subjektiven – Mittelpunkt stellt), woraus auf dessen Existenz geschlossen wird. Im Gegensatz dazu gehe ich von einem beobachtenden Ich aus. Jedes Objekt bzw. Individuum ist eine völlig unbedeutende Entität im Gesamtkontext des Universums. Die Wahrnehmung, das Denken (bzw. die Informationsverarbeitung) eines einzelnen Wesens hat keinen Einfluss auf das Gesamtsystem: Der fallende Baum macht auch Krach, wenn niemand zuhört.

Wir kennen die Naturgesetze (in den uns zugänglichen Bereichen) ziemlich gut, und es gibt stringente mathematische Begründungen für grundlegende Mechanismen. So spielen etwa Symmetrien (aus denen nach dem Noether-Theorem Erhaltungssätze folgen) eine große Rolle in der theoretischen Physik. Auch Kausalität ist ein wesentliches Konzept.
Mit den uns bekannten Naturgesetzen lassen sich die uns zugänglichen Bereiche der Natur sehr gut beschreiben. Da ist überhaupt kein Platz (Notwendigkeit schon gleich gar nicht) für irgendwelche Mythen, Esoterik oder Transzendenz (was nur eine Ausrede ist für „dafür habe ich keine rationalen Argumente“).

In meinem Weltbild wechselwirken also die „Bausteine“ der Natur miteinander. Da es sich um ein extrem komplexes System (mit zehn hoch hunderten von Freiheitsgraden) handelt, ist es natürlich nicht möglich, es vorauszuberechnen. Dies ist nur bei einem sehr reduzierten Teilsystem in einem begrenzten Gültigkeitsbereich näherungsweise möglich. Die mangelnde Berechenbarkeit ist jedoch nur der Komplexität geschuldet, und keine grundsätzliche Einschränkung – auch wenn Quanten und Chaos nach unserer aktuellen Erkenntnis da den einen oder anderen Widerspruch erscheinen lassen.

Ja, insoweit tendiere ich zu einer weitgehend deterministischen (jedoch mit Bifurkationspunkten) Sicht auf die Natur. Zwar weiß ich, dass quantenphysikalische Vorgänge nur noch über Wahrscheinlichkeiten berechnet werden können, doch ist auch die Quantenphysik nur ein menschen-konstruiertes Modell der Natur im submikroskopisch kleinen Bereich. Möglich, dass wir die zugrundeliegenden Mechanismen und Auslöser nur (noch) nicht verstehen (können).
Eine Alternative zum Straightforward-Determinismus wäre die Viele-Welten-Interpretation von Multiversen. Ohne jetzt ins Detail gehen zu wollen, glaube ich das einfach nicht. Aber auch das ist eine reine Glaubensfrage, für die es keine wirklichen Beweise geben kann.
Was außerhalb unseres Universums sein mag, was zeitlich vor dem Urknall war, was sich in anderen als den uns zugänglichen Dimensionen befindet, auf all das haben wir keinerlei Zugriff. Vielleicht existiert all das, aber es ist uns nicht möglich, es zu beobachten, weil es außerhalb unseres Beobachtungsbereiches liegt, oder weil vielleicht diese Materie einfach nicht mit der unseren kompatibel ist. Das mag jetzt einfach eine Definitionssache von „Existenz“ sein, aber für uns „existiert“ alles jenseits unseres Universums schlicht nicht. (Umgekehrt könnten irgendwelche transzendente Wesen auch keinerlei Wirkung auf unser Universum haben.)
Es gibt die Hypothese, dass unser Universum nur eine Vakuumfluktuation ist. Bei einer Vakuumfluktuation kann die Energieerhaltung für einen innerhalb der Heisenberg’schen Unschärfe liegenden Zeitraum verletzt sein. Wenn wir davon ausgehen, dass die Gesamtenergie unseres Universums nahe null ist, hat diese Hypothese durchaus einige Plausibilität.

Nach dem Urknall organisierte sich Materie in Elementarteilchen, später in Atome, viel später in Moleküle. Auf der Erde (ich mache bewusst keinerlei Aussage über andere Planeten) entwickelten sich immer kompliziertere organische Moleküle. Irgendwann entstand Leben und die ersten Zellen. Das Leben entwickelte sich weiter und evolvierte. Aus ürsprünglich einfachen Zellhaufen wurden komplexe Organismen. Irgendwann emergierte aus dieser Komplexität ein rudimentäres Bewusstsein. Die Fähigkeit zu Denken – Geist – entstand. (Ich stelle mir dazu eine Analogie zum OSI-Modell vor.)
Der Mensch mag die intelligenteste Lebensform auf diesem Planeten sein, aber der Unterschied zu anderen Primaten, Säugetieren, aber auch zu einem Regenwurm oder einer Amöbe ist nur graduell und nicht grundsätzlich.
Ich bin davon überzeugt, dass für die Existenz von Geist – oder besser „dynamische Information“ – als Träger zwingend Materie notwendig ist.

An der Uni hörte ich auch ein paar Philosophie-Vorlesungen. Was mich daran störte, waren die ständigen Verweise auf andere Philosophen oder Geisteswissenschaftler. So, als ob es ernsthaft ein Beweis wäre, wenn irgendjemand vorher schon einmal den gleichen Schmarren gesagt oder geschrieben hätte.
Und ich habe auch keine Lust, hunderte von Seiten in einem philosophischen Werk zu lesen, dessen Informationsdichte nahezu Null ist, und das hauptsächlich iterativ (oder gar rekursiv) auf andere philosophische Werke verweist.
Als Naturwissenschaftlerin akzeptiere ich als „Beweis“ nur das Experiment – also das Messen von observablen Größen, deren Ergebnisse mit den Voraussagen der Theorie übereinstimmen müssen.
Ich brauche auch niemanden, der mir vorgekaute und vorverdaute Gedanken präsentieren will. Ich habe mein eigenes Gehirn, mit dem ich selbst denken kann.

Jetzt ist dieser Eintrag wieder so lange geworden, obwohl ich nur sehr oberflächlich auf einige Aspekte meiner Weltanschauung eingegangen bin. Falls Interesse besteht, können wir ja gerne in den Kommentaren weiter diskutieren.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten zu Achthundert

  1. plietschejung schreibt:

    Das ist mir fast ein wenig zu viel am Montag Morgen 🙄
    Ich muss doch erstmal wach werden….

    Liken

  2. ednong schreibt:

    Sehr interessant – ich werde da gleich mal meine Fragen heraus sezieren.
    Was für ein Captcha: tea with milk

    Liken

  3. ednong schreibt:

    1. „… denn alternativ könnte ich auch in einer Simulation „leben“ oder mir das alles nur einbilden. ..“
    Letzteres schließt du aufgrund deines mangelndes Vorstellungsvermögens (also dafür) aus – ersteres kannst du nicht widerlegen? Und glaubst deshalb an das, was du siehst?

    2. „… Descartes’sche „Cogito ergo sum“ (…). Im Gegensatz dazu gehe ich von einem beobachtenden Ich aus. …“
    Also mit Philosophen kennt sich Molly bestimmt besser aus als ich. Ich habe Descartes so verstanden, dass er das eigene Ich lediglich als Fundament betrachtet. Natürlich rückt es deswegen in den Mittelpunkt – vorübergehend. Denn genauso gut stehen auch die anderen, denkenden Ichs im Mittelpunkt, denn auch sie begründen ja das Fundament des Ichs.
    Auch dein „beobachtendes Ich“ ist lediglich eins von vielen im Raum, die das Geschehen genauso wenig beeinflussen (sofern sie nicht eingreifen bzw. es verändern).

    3. „Mit den uns bekannten Naturgesetzen lassen sich die uns zugänglichen Bereiche der Natur sehr gut beschreiben. Da ist überhaupt kein Platz (Notwendigkeit schon gleich gar nicht) für irgendwelche Mythen, Esoterik oder Transzendenz (was nur eine Ausrede ist für „dafür habe ich keine rationalen Argumente“).“
    Liegt da nicht dein Fehler im Verneinen der Mythen und Co? Du läßt es einfach nicht zu -und behauptest, es bestünde dafür auch keine Notwendigkeit. Woher willst du das wissen? Es könnte doch durchaus sein, dass es da Platz gibt, dass es dafür sogar Gesetze gibt. Und ggf. eine Notwendigkeit, die man als Mensch (noch) gar nicht abschätzen kann. Trotzdem kann ja alles weiterhin wechselwirken. Und es erscheint dir schlüssig, weil du entsprechende Toleranzen in den Formeln hast – oder die Konstanten falsch sind. Schließlich schreibst du selbst von mangelnder Berechenbarkeit aufgrund der Komplexität. Wer sagt denn, dass wir Menschen da schon alles genau (genug) erfaßt/verstanden haben (was sicher nicht der Fall ist)?

    4. „… was sich in anderen als den uns zugänglichen Dimensionen befindet, auf all das haben wir keinerlei Zugriff. Vielleicht existiert all das (..) Umgekehrt könnten irgendwelche transzendente Wesen auch keinerlei Wirkung auf unser Universum haben …“
    Wenn du denkst, dass da noch was existieren könnte, warum sollte es dann keinerlei Wirkung auf unser Universum haben? Ich meine, wir kennen nicht alle Wirkzusammenhänge – ich vermute mal, wir kennen einen kleinen Anteil davon – so daß wir das doch gar nicht beurteilen können. Ist doch nicht so, dass ich behaupte, rechnen zu können, wenn ich gerade Plus und Minus beherrsche. Und nach Mal und Geteilt gab es dann ja auch noch weitere Dinge.

    5. „… Wenn wir davon ausgehen, dass die Gesamtenergie unseres Universums nahe null ist,“
    Warum sollte das so sein bzw. woraus leitest du das her?

    6. „Ich bin davon überzeugt, dass für die Existenz von Geist – oder besser „dynamische Information“ – als Träger zwingend Materie notwendig ist.“
    Was verleitet dich zu dieser Annahme?

    Ich hoffe, es ist nicht zu lang geworden. Werd mir mal ne Migräne-Tablette organisieren (hat nix mit diesem Text zu tun). Weitere Antworten können also dauern.

    Liken

    • breakpoint schreibt:

      1. :yes: Credo in naturam.

      2. Das „beobachtende Ich“ ist nicht per se von Bedeutung. Es ist lediglich ein Epiphänomen.

      3. Für mein Weltbild brauche ich weder irgendwelche Götter, noch den Storch, der die Babies bringt, noch einen Osterhasen (es sei denn, aus Schokolade).
      Solche Mythen stammen noch aus der Zeit, als man keine bessere, natürliche Erklärung hatte.
      Außerdem ist nach Ockham’s Razor die einfachste Erklärung auch die plausibelste.
      Ich gehe einfach das Risiko ein, dass ich mich – rein hypothetisch – natürlich irren könnte.
      Dann schmore ich eben irgendwann in der Hölle oder werde als Schmeißfliege wiedergeboren.

      4. „warum sollte es dann keinerlei Wirkung auf unser Universum haben?“
      Weil ich quasi tautologisch von Merkmalen gesprochen habe, die gerade so beschaffen sind, dass sie mit unserem Universum nicht wechselwirken.

      5. Das ist nur so eine kosmologische Hypothese. Mehr wollte ich damit gar nicht aussagen.

      6. Die Kenntnisse, die ich im Laufe meines Lebens angesammelt haben.
      Die Annahme von Materie als Träger für Geist liefert ein in sich schlüssiges Bild. Bei anderen Annahmen verstrickt man sich ziemlich schnell in Widersprüche.

      Und ich wiederhole nochmal:
      Bei all diesen Aspekten geht es nur um „Glauben“. Wissen tun wir (zumindest nach derzeitigem Forschungsstand) nur sehr wenig bis gar nichts.

      Liken

  4. Pingback: Tausenddreiunddreißig | breakpoint

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.