Siebenhundertachtundsiebzig

Bereits vor unserem Urlaub hatten wir die Stelle für den Assistenten des Geschäftsführers neu ausgeschrieben. Aber erst jetzt komme ich dazu, mich um die eingegangenen Bewerbungen zu kümmern.

Für diese Stelle haben wir eine Frauenquote vorgesehen. Nämlich null Prozent. Denn – selbst wenn uns eine Frau mit ihrer Persönlichkeit und Qualifikation überzeugen könnte – dann ist sie möglicherweise nach einem halben Jahr schwanger, und wir haben erneut das Problem. Eine Frau nach den Wechseljahren wäre auch keine Option, denn schließlich ist diese Stelle eine Sprungbrettposition für jüngere Bewerber, eventuell auch frisch von der Uni. Eine Frau, die so unattraktiv ist, dass die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft minimiert wird, ist ebenfalls keine Option, denn d* Assistent* muss ein einigermaßen repräsentatives Erscheinungsbild haben, da Kundenkontakt sehr häufig ist.
(Die Sternchen sind übrigens Wildcards und keine regulären Ausdrücke oder Gendaspeak.)

Selbstverständlich haben wir die Stelle – aufgrund gesetzlicher Vorgaben – geschlechtsneutral ausgeschrieben. Irgendwie kommt mir das aber schon recht unfair gegenüber interessierten Frauen vor, die sich den Aufwand einer Bewerbung machen, obwohl sie für die Stelle überhaupt nicht in Frage kommen. Was sind das nur für Gesetze, die einen zu solch paradoxem Verhalten zwingen?
Angeblich lassen sich Frauen von Begriffen wie „durchsetzungsstark“ oder „dynamisch“ abschrecken, und sehen im Zweifel lieber von einer Bewerbung ab.
Nach einer VDE-Studie wollen gut die Hälfte aller Ingenieurinnen Führungsaufgaben übernehmen. Es erstaunt mich nicht, dass es nur so vergleichsweise wenige sind, denn welche Frau tut sich denn schon freiwillig diesen Stress an, der mit ständigen Entscheidungen und erheblicher Verantwortung einhergeht. (Meines Wissens wurden bei dieser Studie keine männlichen Ingenieure befragt. Ich schätze aber, dass von denen etwa 90 Prozent gerne führen würden.) Und wenn eine schon Führungsambitionen hat, dann wird sie so eine untergeordnete Assistentenstelle nicht wollen.

Wir hatten ja das letzte Mal großes Glück mit Jason, der oft eine geradezu bewundernswerte Geduld aufbrachte sogar in Fällen, in denen ich – bei diesem Chef – trotz eher phlegmatischen Naturells bestimmt Probleme gehabt hätte, die Contenance hinreichend zu wahren.

Nun ja, ich ging also die eingegangenen Bewerbungen durch und sortierte die weitaus meisten aus. Um die Absagen soll sich die Personalabteilung kümmern. Eine Handvoll möglicherweise akzeptabler Bewerbungen ging weiter an den Chef, damit er selbst auswählen kann, wen er zu einem Vorstellungsgespräch einlädt.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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16 Antworten zu Siebenhundertachtundsiebzig

  1. sweetsurrender schreibt:

    Dann nimmt doch eine Frau, die schon Kinder hat.

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    • breakpoint schreibt:

      Es dürfte nur sehr wenige Frauen geben, deren Ingenieurabschluss (oder ähnliche Qualifikation) nicht länger als höchstens 5 Jahre zurückliegt, und bei denen es glaubhaft ist, dass die Familienplanung definitiv abgeschlossen ist.

      Außerdem fallen auch reichlich Überstunden und gelegentliche Reisen an – was sich IMHO nur schwer mit Mutterpflichten vereinbaren ließe.

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  2. plietschejung schreibt:

    Welche(r) Ingenieur/in will denn Assistent(in) der GL werden ? Meiner Meinung nach schließt sich das aus.
    Wo ist denn da der Witz ?
    Wozu dann das elendige Studium ?

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    • DerMaskierte schreibt:

      Ich glaube, genau für solche Stellen gibt es das Studium des Wirtschaftsingenieurs: Versteht was von Technik und BWL und kann so die Schnittstelle bilden.

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    • breakpoint schreibt:

      Die Tätigkeit erfordert Fähigkeiten, für die ein (technisches) Studium o.ä. unbedingt sinnvoll ist.

      Und – wie gesagt – das ist eine Sprungbrettposition.
      Nach etwa drei bis vier Jahren als Assistent (oder persönlicher Referent, falls dir das lieber ist) ist dieser bestens qualifiziert für weitergehende Führungsaufgaben.

      Jason, der momentan noch die Stelle innehat, ist beispielsweise Wirtschaftsingenieur und wird im Herbst die Fertigungsleitung übernehmen.

      Einen Mangel an Bewerbern gibt es eigentlich nicht. Aber einen passenden auszuwählen, ist trotzdem nicht so einfach.

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  3. idgie13 schreibt:

    Also wenn ich mir die anschaue, die mit mir Maschinenbau studiert haben, wollten die wenigsten davon eine Führungsposition haben.

    Ich selber entwickle auch lieber als dass ich eine leitende Position inne habe. Ausserdem muss man dazu diplomatisch sein. Das ist eine Eigenschaft, die ich nicht habe ;D

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    • breakpoint schreibt:

      Du und ich scheinen in dieser Hinsicht sehr ähnlich zu denken – ist mir schon öfters aufgefallen. 😀

      In der oben verlinkten VDE-Studie wurde es ja so hingestellt, als ob es viel wäre, dass etwa die Hälfte aller befragten Ingeniereurinnen führen wollen.
      Dabei bin ich mir ziemlich sicher, dass die allermeisten männlichen Ingenieure (sogar Männer allgemein) gerne führen würden (wobei das Wollen natürlich nicht unbedingt auch das Können impliziert).

      Wenn dein Geschäft wächst (übrigens Glückwunsch zum SW-Verkauf), wirst du nicht darumherum kommen, deine Entwicklungsarbeit mehr und mehr zugunsten von leidendenleitenden Aufgaben zurückzustellen.

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      • idgie13 schreibt:

        Jo – die Gemeinsamkeiten sind mir auch schon aufgefallen 😉

        Die Software schreibe ich ja nicht für meine Firma, sondern für die Firma von meinem Partner. Vertrieb, Verkauf, Marketing und Co. sind nicht meine Baustelle – zum Glück !!

        Bei meiner eigenen Firma muss ich schon führen – aber nachdem das in einem gänzlich anderen Bereich bin und ich irgendwann das Nähen gerne abgebe, ist das völlig OK.

        Basst scho ;D

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      • engywuck schreibt:

        mich würde wirklich die Quote bei Männern interessieren – und zwar nicht nur die, die das bejahen weils so erwartet wird, sondern das echt anstreben.
        Ich selber (allerdings kein Inschenjör) kann es mir beispielsweise nicht vorstellen, einige Kollegen um mich rum auch nicht.
        Wofür denn auch? Macht? Überstunden, Stress oder der doch recht geringe Schmerzensgeldaufschlag gegenüber Nichtführungspositionen können’s ja nicht sein. Klar, einge Hunderter netto mehr wären ganz nett. Aber dafür *den* Stress und die Verantwortung? Wenn’s niemand anderen gibt kann man es sich ja überlegen, ebenso wenn man gezielt angesprochen wird. Aber anstreben?

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        • breakpoint schreibt:

          Tja, ich wünschte auch, Männer wären bei dieser Studie genauso befragt worden.
          So kann man nur spekulieren.
          Ich denke aber schon, dass sehr viele Männer einfach gerne die „Macht“ hätten, um sich so zu profilieren, aber ohne wirklich wahrzunehmen, dass das auch eine große Verantwortung in sich birgt.

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  4. breakpoint schreibt:

    AchthundertzehnNiemand hatte eine Veranlassung gesehen, das Vorstellungsgespräch eines Bewerbers für die Assistentenstelle zu verschieben, nur weil es sich relativ kurzfristig ergeben hatte, dass der Chef verreisen musste.

    Also blieb es an mir hängen, das Vorstell…

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