Siebenhundertneunzehn

Aus der Reihe „Banale Phänomene des Alltags“.

Kennt ihr das? Das Radio ist eingeschaltet, und dudelt vor sich hin. Ihr seid in Gedanken mit irgendetwas ganz anderem beschäftigt, und hört nur so nebenbei mal hin.
Da plötzlich – ein Begriff, der eine Bedeutung für euch hat (vielleicht der Ort, wo ihr aufgewachsen seid, oder der Name eines guten Bekannten) wird im Radio genannt. Sofort hört ihr hin, obwohl euer Gehirn die ganze bisherige Information herausgefiltert hat. Aber dieses Keyword hat euere Aufmerksamkeit getriggert.
Mir ist dies zumindest schon häufig passiert. Und ich bin sicher, dass es dafür auch einen Fachbegriff gibt. Da ich den aber nicht kenne, kann ich nicht danach googlen.

So ähnlich, wenn auch nicht ganz so ausgeprägt, kenne ich das auch mit visueller Information. Ich überfliege einen Text in einem Buch, einer Zeitung oder online. Dabei nehme ich gar nicht jedes einzelne Wort wahr, schaue nur ganz grob drüber, aber bestimmte Stichworte fangen meinen Blick.

Wieder ein ganz anderes Phänomen – aber das fällt mir trotzdem in diesem Zusammenhang ein – ist folgendes:
Bestimmt geht das jedem so, der gelegentlich oder regelmäßig schreibt. Das kann am Computer oder auf der Tastatur sein. Aber manchmal schlüpfen Fehler mit in den Text. Das kann ein einfacher Typo sein, oder beispielsweise das Verwechseln von „das“ und „dass“, oder auch die Verdopplung bzw. das Fehlen eines Wortes. Solche Fehler passieren einfach.
Wenn man den Text kurz danach noch mal durchliest, fallen einem solche Fehler aber gar nicht immer auf. Sind wohl im Gehirn als richtig markiert.
Liest man den Text dagegen mit einigem zeitlichem Abstand (da reichen manchmal schon ein paar Stunden, aber meiner Erfahrung nach nicht immer), fallen einem plötzlich diese Fehler auf.
Wohlgemerkt, es geht dabei um Fehler, die man selbst grundsätzlich schon als falsch erkennen würde, und nicht um die, für die man eh Dunning-Kruger-blind ist.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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19 Antworten zu Siebenhundertneunzehn

  1. MissBesserwisser schreibt:

    Hallihallo!
    Das erste von dir beschriebene Phänomen heißt “Cocktailparty-Effekt“. Das kam vor Jahren mal bei WWM. Ist bei mir irgendwie im Gedächtnis geblieben. Obwohl ich mir sowas sonst nie merken kann. Gibt’s für dieses Phänomen auch einen Begriff? 😉
    Grüße

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    • breakpoint schreibt:

      Danke für die Info. Ich habe gleich mal in der Wikipedia nachgeschlagen.
      Aber mir scheint, dass das schon etwas anderes ist.

      Beim Cocktailparty-Effekt geht es darum, aus Störgeräuschen das richtige Signal herauszufiltern.

      Beim von mir beobachteten Effekt ist die einzige Geräuschkulisse das Radio, dessen Output aber gar nicht bewusst wahrgenommen wird.
      Erst auf bestimmte Stichworte hin, wird die Aufmerksamkeit geweckt.

      Trotzdem – wieder was gelernt.
      Und mit selektivem Hören haben ja beide Effekte zu tun.

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  2. MissBesserwisser schreibt:

    Und vielleicht findest du über den Begriff des selektiven Hörens ja etwas bei Google zu deinem Phänomen.

    Zu dem zweiten fällt mir gerade noch was ein. Aber vermutlich trifft es das auch nicht zu hundert Prozent:
    Kennst du den Test, bei dem man in einem kurzen Text den Buchstaben F zählen soll?

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    • breakpoint schreibt:

      Du meinst diesen Text?

      FINISHED FILES ARE THE RE-
      SULT OF YEARS OF SCIENTIF-
      IC STUDY COMBINED WITH
      THE EXPERIENCE OF YEARS.

      Und alle Leser hier dürfen sich gerne mal am Zählen der „F“s probieren.
      Wer bietet mehr?

      Das menschliche Gehirn reagiert schon manchmal faszinierend.
      Früher hatte ich eine Schwäche für optische Täuschungen, aber das Gehör lässt sich wohl genauso austricksen.

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      • ednong schreibt:

        Äh, deine Lieblingsbeschäftigung? Also ich mein, die Aussprache ebenjener gleicht der Aussprache der Zahl 😉

        Was ist daran so schwer?

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        • breakpoint schreibt:

          Hast du das jetzt zum allerersten Mal gezählt, oder kanntest du die Aufgabe schon?

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          • Leser schreibt:

            Nur zur Info: Ich kannte die Aufgabe nicht, bin beim Zählen aber auch auf denselben Wert gekommen. Was soll daran so schwer sein? OK, wenn man es hört, anstatt es zu lesen, könnte es schwieriger sein, aber beim Lesen ist das doch nun wirklich kein Problem…

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            • engywuck schreibt:

              ich hätte beinahe die „of“ überlesen – und vermutlich geht es genau darum: es gibt bestimmte Worte, die „sieht“ man gar nicht mehr, weil sie als „Umgebungsgeräusch“ interpretiert werden. Hängt sicher neben der Aufmerksamkeit auch daran, wie häufig man eine Sprache liest. Hier kommt noch hinzu, dass alles Großbuchstaben sind, was die visuelle Unterscheidbarkeit der einzelnen Buchstaben minimiert – ein „f“ in „of“ hat eine eindeutige Oberlänge, in „OF“ dagegen nicht.

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            • breakpoint schreibt:

              Die Sache mit den „OF“s ist ein ganz wichtiger Punkt.
              Sh. auch meine Antwort an Leser.

              Es würde mich ja interessieren, ob jemand, der kein Englisch kann oder ein Analphabet ist, bei diesem Test besser abschneiden würde.

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            • Leser schreibt:

              „Es würde mich ja interessieren, ob jemand, der kein Englisch kann oder ein Analphabet ist, bei diesem Test besser abschneiden würde.“

              Definitiv: JA!

              Captcha sagt auch: „yeah right“, wobei das ja meist eher als ein „jaja…“ zu verstehen ist 😉

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            • breakpoint schreibt:

              Wenn man weiß, wieviele Fs vorkommen, kann man sie natürlich schon alle finden.
              Es ging eigentlich darum, ohne dieses Vorwissen einmalig zu zählen.

              Ich kopiere hier mal den Text her, der noch dazu gehört:

              „A quick test of intelligence. Don’t cheat!
              Because if you do, the test will be no fun.
              There are no tricks to the test.
              Read this sentence:

              FINISHED FILES ARE THE RE-
              SULT OF YEARS OF SCIENTIF-
              IC STUDY COMBINED WITH
              THE EXPERIENCE OF YEARS.

              Now count the F’s in that sentence.
              Count them ONLY ONCE:
              do not go back and count them again.“

              Und hier die Auflösung:

              „There are six F’s in the sentence.
              A person of average intelligence finds three of them.
              If you spotted four, you’re above average. If you got five, you can turn your nose at most anybody.
              If you caught six, you are a genius.

              There is no catch. Many people forget the „OF“’s.
              The human brain tends to see them as V’s and not F’s.
              Pretty weird, huh?
              Pass this on to anyone you feel would enjoy this.“

              Ich denke eigentlich, dass dieser Test weniger mit Intelligenz zu tun hat, sondern mehr mit Wahrnehmung, Konzentration und Koordination der beiden Hirnhälften.

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            • Leser schreibt:

              In wieweit das was mit der Koordination beider Hirnhälften zu tun hat, kann ich nicht beurteilen – aber ich kann sagen, wie ich es gemacht habe (ohne die Anleitung zu kennen): Ich habe den Satz erst normal gelesen, und dann nochmal von vorne „angesehen“, ohne die Worte zu lesen – statt dessen habe ich einen „F-Filter“ benutzt, der einen Zähler jedes mal dann hochsetzt, wenn ein F erkannt wurde. Und ich habe auch, um mich zu versichern, mehrmals nachgezählt, obwohl ich bereits beim ersten Durchgang den richtigen Wert erkannt habe. Wichtig ist, den Fokus der Aufmerksamkeit weg von den Worten hin zu den Buchstaben zu verlegen, ohne die Worte zu lesen. Das dürfte sogar für jemanden, für den der Text nicht in der eigenen Muttersprache verfasst ist, leichter sein, als wenn er in der Muttersprache wäre – ist aber bei Englisch inzwischen für mich kein Unterschied mehr, weil ich das so gut wie meine Muttersprache deutsch spreche (ich denke sogar manchmal in englisch statt auf deutsch, oder es fällt mir nicht auf, welche Sprache ich gerade höre, ob es englisch oder deutsch ist).

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            • breakpoint schreibt:

              Überraschend viele Leute finden tatsächlich auf Anhieb nur drei oder vier Fs, entdecken die übrigen erst nach längerem Suchen, oder wenn sie speziell auf die OFs hingewiesen wurden.

              Zwar vermute ich, dass dieser Test für Analphabeten leichter wäre (weil sie nicht durch die Bedeutung des Inhalts abgelenkt werden können), aber eine konkrete Überprüfung fehlt meines Wissens.

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  3. bonobo schreibt:

    Hergortt, daovn köntne ich ein Lied signen! 😀

    Mir passiert das oft, besonders, wenn ich meine eigenen Texte lektorieren muss. Man tendiert als Viel-Leser und Schnell-Leser dazu, Worte wie chinesische Schriftzeichen einfach an der Form zu erkennen.
    Ich finde manchmal noch Tippfehler in Texten, die zehn Jahre alt sind und hundert Mal überarbeitet wurden.
    Man muss sich zwingen, alles laut und langsam zu lesen, um das zu vermeiden.

    Und dieses „Aufmerksamkeitsdefizitssyndrom“ habe ich irgendwie auch. Ein Detail fesselt meine Aufmerksamkeit und alles andere ist vergessen. Danach weiß ich nicht mehr, wo ich war, es ist, als hätte man mir kurz mal das Gehirn ausgeschaltet und der Arbeitsspeicher ist plötzlich komplett leer.

    Bei dem Text mit den „f“s habe ich mich aufs Verstehen konzentriert, schnell gelesen und 3 gesehen. Ich habe die „of“s übersehen, mir war gar nicht bewusst, dass das Wort in dem Text überhaupt vorkommt.
    Mein Freund ist Legastheniker und hat langsam gelesen, er hat die „of“s auch übersehen.

    lG, bo

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    • breakpoint schreibt:

      Bei wichtigen Texten ist es sinnvoll, eine unabhängige Person zu korrekturlesen zu lassen.
      Damit hat man mehr Chancen, noch Fehler zu finden, für die man selbst aus dem einem oder anderen Grund blind ist.

      Gerade bei Kommentaren überlese ich häufig Fehler, gerade auch, wenn ich erst anders formulieren wollte, und dann den Satz noch mal umstelle. Da lese ich häufig gar nicht oder nur oberflächlich drüber.

      Tja, es ist schon irgendwie überaschend, dass man die OFs so leicht überliest.

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      • bonobo schreibt:

        Ja ist es, besonders, weil ich normalerweise bei solchen Tests nicht so gnadenlos durchfalle.

        Ich bin überhaupt kein Freund vom Selbstlektorat, manchmal geht es nicht anders und dann sitze ich länger dran, als ich am Text selbst saß.
        Beim Satz umstellen Fehler machen, das passiert mir oft. Dann habe ich zwei mal „mich“ oder es fehlt ein „hatte“. Schlimm, ich hasse so was, besonders wenn ich es nicht editieren kann.

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  4. Ist genau meine Erfahrung, sehe meine Tippfehler oft erst Tage später.

    So würde ich das Phänomen erklären: Man erinnert sich eben noch an den Text und das Gehirn korrigiert ihn sozusagen automatisch. (Man sieht das, was man erwartet.) Ein paar Tage später ist die Erinnerung an die einzelnen Formulierungen weg, und man muss genauer hinschauen, um den Text überhaupt lesen zu können. Eine andere Person, die Korrektur liest, muss _noch_ genauer hinschauen, weil sie andere Formulierungen bevorzugt – jeder hat ja so seinen eigenen Stil.

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    • breakpoint schreibt:

      Ja, deiner Erklärung stimme ich zu.

      Bei wichtigen Texten ist es auf jeden Fall sinnvoll, jemand anderen das noch mal durchschauen zu lassen.
      Nicht nur wegen Schreibfehlern, sondern auch um ggf. die Schlüssigkeit des Textes zu prüfen.

      Eine andere Person hat einen unvoreingenommeneren Blick, weil sie eben nicht die Erinnerung an genau diesen Text hat.

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  5. Pingback: Neunhundertsechsundsiebzig | breakpoint

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