Siebenhundertelf

In meiner jugendlichen Naivität und Unschuld hatte ich unserem jungen Kater einen traditionellen Katzennamen gegeben, der später eine Bedeutungsänderung erfuhr, die mir damals – mit etwa 13 – zumindest nicht bewusst war (bitte keine Spekulationen in den Kommentaren – ich möchte keine entsprechenden Suchanfragen, die das Andenken an diesen lieben Freund profanieren würden).
Aber er war so niedlich als kleines Kätzchen, so dass mir spontan diese Bezeichnung einfiel, als ich ihn das erste Mal sah.

Von Anfang an hatten wir eine besondere Beziehung zueinander. Weder meiner Schwester noch meinen Eltern gelang es, eine ähnlich nahe Beziehung aufzubauen.
Denkt von mir aus ruhig, dass es doof oder sonstwas ist – ist mir egal – aber er war mein Seelenkamerad.

Wenn ich früh zum Schulbus ging, begleitete er mich ein Stück. Kam ich nachmittags wieder heim, wartete er schon auf mich, und kam mir mit hoch aufgerichtetem Schwanz erfreut entgegen.
Ich streichelte sein seidiges Fell, er rieb seinen Kopf und seinen Körper an meinen Beinen.

An Sommerabenden saß ich oft mit einem Buch auf der Haustreppe. Er lag bequem und schnurrend auf meinem Schoß, und streckte seine Krallen rhythmisch in meine Knie. Das war mir zwar unangenehm, aber es erinnerte mich daran, dass wir zusammen waren.

Soweit ich mich erinnere, war ich gerade vom Baden gekommen, als mir mein Vater mitteilte, dass der Kater von einem Bus (ein Busdepot war nur wenige hundert Meter entfernt) überfahren worden war. Er war gerade ein Jahr alt geworden.
Tagelang habe ich geweint (und auch jetzt fällt es mir schwer, mit Tränen in den Augen zu schreiben). AFAIR waren gerade Ferien, so dass ich nicht in die Schule musste.
Meine unbeschwerte Jugend endete an diesem Tag.
Zu gerne hätte ich an irgendwelches Leben nach dem Tod geglaubt. Das hätte mich getröstet. Aber ich war schon damals vom Glauben an irgendwelche Mythen abgekommen.
Immerhin hat mich dies gelehrt, nie jemanden, der mit seinem Glauben oder Weltanschauung zufrieden ist, bekehren zu wollen.

Eigentlich hätte er – gemessen an seiner Bedeutung für mich – einen viel längeren Eintrag verdient. Aber es gab wenig außergewöhnliche Erlebnisse mit ihm. Er war einfach da – wenn auch nur ein Jahr lang. Auch jetzt – nach Jahrzehnten – denke ich noch oft an ihn.
Mir verschwimmen die Tasten vor den Augen.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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15 Antworten zu Siebenhundertelf

  1. baerlinerinn schreibt:

    …vieles laesst sich nicht in Worte fassen, so auch, was dein Katerchen dieses eine wertvolle Jahr fuer dich bedeutete. Aber dass du ihm Erinnerung und diese Geschichte schenkst, ist in meinen Augen Liebe und das Schoenste aller Geschenke.

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  2. plietschejung schreibt:

    Eine rührende Geschichte. Meiner Katze ging es damals auch so. Sie hatte nur ein paar Jahre. Die Zeit war schön und bleibt immer in meinem Herzen.

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  3. ednong schreibt:

    Er konnte immerhin ein Jahr mit dir verbringen. Und das hat er – so scheint es – genossen. Das ist doch was!

    Leben hat ein Anfang und ein Ende. Man weiß halt nie, wie nah beide zusammen liegen. Es ist eben irgendwann vorbei. Man sollte die Zeit dazwischen möglichst genießen.

    Fühl dich getröstet.

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  4. bonobo schreibt:

    Ich war auch sehr traurig, als mein Kater gestorben ist, aber eines Tages wird er wieder kommen und er wird mich irgendwie finden. Katzen sind nämlich Buddhisten und werden wiedergeboren. Darum meditieren sie so viel.

    =^.^=

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    • breakpoint schreibt:

      Es ist ein tragischer Verlust, wenn ein Tier, an dem man hängt, stirbt.

      Ich habe Katzen immer dafür bewundert, dass sie solche Entspannungskünstler sind.
      In einer Umgebung, in der sie sicher fühlen, legen sie sich einfach hin, und schlafen ruhig und zufrieden.
      Ihre Entspannung überträgt sich dann auf die Menschen, bei denen sie sind.

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      • bonobo schreibt:

        Das stimmt absolut und das fehlt mir auch. Ich habe schon so oft überlegt, mir wieder eine aus dem Tierheim zu holen (vielleicht ist meine wiedergeborene Katze ja dort?) aber ich habe Angst, dass sie vom Balkon fällt oder dass ich mich nicht immer um sie kümmern kann oder oder oder Vorwände, Vorwände, eine Katze muss wieder her!

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  5. Ich fühle mit Dir. Wir hatten auch einen Kater, der mein Leben über zehn Jahre lang begleitete. Als er schließlich auf meinem Schoß verstarb, habe ich auch geheult, weil ein Familienmitglied gegangen war!

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  6. Pingback: Neunhundertdreiundsechzig | breakpoint

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