Siebenhundert

Ich muss etwa acht Jahre als gewesen sein, als wir unseren alten Kater bekamen.

Zu diesem Zeitpunkt war er natürlich noch nicht alt, sondern ein soeben entwöhntes Kätzchen. Wenn ich ihn trotzdem hier als „alten Kater“ bezeichne, dann deshalb, weil er ziemlich alt wurde, und wir später noch andere Katzen gleichzeitig hatten.
Wir benannten ihn nach seiner Fellfarbe, wobei damals – vor fast drei Jahrzehnten – niemand auf die Idee gekommen wäre, das könnte vielleicht nicht völlig politisch korrekt sein.
Er war anfangs recht lebhaft und wild, und liebte es, kleine Bälle durch das ganze Haus zu kicken. Später betrachtete er sein Zuhause allerdings nur noch als Erholungsresort.

Seine Lieblingsspeise war rohe Lunge, von der wir jede Woche am Schlachttag eine Portion beim Metzger kauften. Der alte Kater bekam jeden Tag ein Stück davon, obwohl sie nach ein paar Tagen gar nicht mehr frisch und appetitlich wirkte.
Mein Vater machte sich einen Spaß daraus, den Kater abzurichten, dass dieser auf das Stichwort „Lunge“ hin zum Kühlschrank lief, und sich an dessen Tür hochstreckte.

Außer meinen Baldrianexperimenten fiel es mir irgendwann ein, die Schnurrhaare des Katers zu kürzen, weil ich meinte, dass ihm das besser stehen würde.
Zu der Zeit war mir noch nicht bewusst, dass Katzen die Schnurrhaare brauchen, um abschätzen zu können, ob sie durch ein Loch oder eine Lücke hindurchpassen. Das wurde mir erst später klar, und mir tat die Schnippselei leid.
Immerhin sind die Schnurrhaare wieder folgenlos nachgewachsen.

Meine Mutter sah es gar nicht gerne, wenn er auf dem Sofa die Kissen bearbeitete. Das heißt, er stellte sich auf ein Kissen, und trat abwechselnd mit den Vorderpfoten auf und ab. Da er dabei die Krallen teils ausstreckte, zog er wohl so manchen Faden. Das tat den Kissen wirklich nicht gut.
Aber anschließend rollte er sich darauf zusammen, und schlief friedlich und entspannt.

Vielleicht ist es dem einen oder anderen hier schon aufgefallen, dass ich ein gewisses Talent habe, ein vorgegebenes Thema in eine ganz andere Richtung zu drehen. Im Rückblick hatte ich das wohl schon damals.
Denn ich erinnere mich, dass ich Ärger in der Schule bekam, weil ich in wirklich jedem Aufsatz nur noch über unseren Kater schrieb. Ganz egal um was es ging, ich schaffte einen Zusammenhang mit ihm. Naja, ihr kennt ja meine Themensprünge und Assoziationsketten.

Im Laufe der Zeit war aus dem kleinen Kätzchen ein großer und schwerer Kater geworden. Er war häufig in Revierkämpfe verwickelt, brachte auch öfter die eine oder andere Verletzung mit heim.
Und er war ein Streuner. Manchmal war er wochenlang weg (während er vermutlich die Kätzinnen der gesamten Gegend beglückte). Dann kam er irgendwann wieder, völlig abgemagert, zerzaust und heruntergekommen.

Tja, und irgendwann kam er halt nicht mehr heim. Da muss er aber schon über zehn Jahre alt gewesen sein, und teilweise zahnlos.
Ich werde ihn nie vergessen.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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21 Antworten zu Siebenhundert

  1. plietschejung schreibt:

    So ging es meiner Katze auch. Sie kam einfach nicht wieder.
    Es bleibt ein Loch im Herzen.

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  2. HalfTheTruth schreibt:

    Das mit den Pfoten auf dem Kissen nennt sich treteln.
    Manchen unsere Katzen auch.
    Die weltweit Besten Verlobte von Allen erklärte mir mal das es ein Naturinstinkt ist, welcher den Katzenkindern erlaubt bei der Mutter den Milchfluss zu verbessern.

    Wenn ne Katze sowas macht kannste eigentlich fast stolz sein, denn das ist nen Zeichen des totalen wohlfühlens.

    Schade ist nur immer um die Kissen/Decken und sowaeiter…

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    • breakpoint schreibt:

      Wieder was gelernt.
      Wir hatten das daheim warum-auch-immer als „metschen“ bezeichnet.
      Irgendwo habe ich in dem Zusammenhang mal was von „Milchtritt“ gelesen.

      Er fühlte sich anscheinend schon wohl auf dem Kissen, allerdings habe ich ihn nie schnurren gehört. Konnte er anscheinend nicht.

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  3. Leser schreibt:

    Vielleicht konnte er nicht schnurren, weil ihm jemand mal die Schnurrhaare abgeschnitten hat? 😉 Nein, Scherz beiseite: 10 Jahre ist für eine Katze kein sonderlich hohes Alter. Eine Freundin von mir hatte einen Kater, der ist stolze 20 Jahre alt geworden, und des öfteren habe ich von Katzen gehört, die so alt werden.
    Naja, dafür hat er mit Sicherheit ein erfülltes Leben gehabt, denn trotz aller Domestizierung ist und bleibt eine Katze ja ein Raubtier, und diesen Instinkt hat er ja auf seinen Reisen schön ausleben können.

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    • breakpoint schreibt:

      Haha. Er konnte auch schon nicht schnurren, als er die Schnurrhaare noch in vollständiger Länge hatte.

      Ja, es gibt schon noch Katzen, die deutlich älter werden. Allerdings dürfte der Median (hier vermutlich nicht identisch mit dem Mittelwert) deutlich darunter liegen.
      Ich hatte auch nur geschrieben, dass er „ziemlich“ alt, und nicht „extrem“ alt wurde.

      Wir vermuteten, dass seine Reisen nicht Raubzügen dienten, sondern eher, um sich mit Kätzinnen zu vergnügen.
      Dafür spricht auch, dass er immer so abgemagert und geschafft nach Hause kam.

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  4. idgie13 schreibt:

    Katzen sind toll. Meine macht dieses „treteln“ bevorzugt auf mir … 🙄 .. und sie schnurrt und schnarcht wie ein Weltmeister.

    Ihr Bruder war ein echter Schmusekater, ist aber leider bei einer OP mit nur 2 Jahren gestorben … 😥

    Ich rate mal: hiess Dein Kater Mohrle ?

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    • breakpoint schreibt:

      Jede Katze hat ihre eigenen, ganz speziellen Eigenheiten. Ja, das macht sie so toll.

      Der Name, äh, ja, stimmt. (Ich wollte hier eigentlich keine Realnamen nennen, auch nicht von Katzen.)
      Als er aber ausgewachsen war, passte das Diminuitiv gar nicht mehr zu ihm, und wir nannten ihn einfach den „Mohr“.

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      • idgie13 schreibt:

        Als Kind durfte ich keine Haustiere haben, aber auf dem Bauernhof waren ja trotzdem sehr viele Tiere – und Oma hatte Katzen, die ich täglich besuchen konnte.

        Mein Mogli war auch ein riesiger schwarzer Kater mit einem weissen Fleck am Hals.

        (Du kannst den Namen auch gerne löschen – ich wollte Dich nicht in Verlegenheit bringen. Sorry. War nur so naheliegend B))

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        • breakpoint schreibt:

          Wir hatten bis zu drei Katzen gleichzeitig, wovon die meisten leider nur ein kurzes Leben hatten. 😦

          Bei Verwandten gab es aber Kühe, Schweine, Hühner und Gänse (vor denen ich als kleines Kind einen Heidenangst hatte).

          Ach, das mit dem Namen ist kein Problem. Es liegt ja tatsächlich nah (nur Suchmaschinen wären zu dumm gewesen :>).

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  5. Uschi-DWT schreibt:

    Ich finde es etwas ganz wunderbares wenn Kinder mit einem Haustier aufwachsen denn das gibt meistens Erinnerungen fürs ganze Leben.

    Auch meinen ersten und bisher einzig eigener Hund habe ich bis heute nach fast 50 Jahren noch immer nicht vergessen und wenn ich die Erlebnisse mit dem erst kürzlich verstorbenen Hund der Nachbarin fertig geschrieben habe denke ich das ich mich an die Erlebnisse mit meinem ersten Hund setzten werde.

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    • breakpoint schreibt:

      Ja, gerade die Haustiere der Kindheit vergisst man wohl nicht so leicht, auch wenn das schon Jahrzehnte zurückliegt.

      Mir hat es richtig gut getan, mir nochmal die Erinnerungen an diesen Kater ins Gedächtnis zu rufen.
      Warum sollte man auch einem Tier, das sich immer als loyal und als Freund erwiesen hat, nicht auf diese Weise noch posthum die Ehre erweisen?

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  6. ednong schreibt:

    Hehe,
    an den Namen hatte ich auch gedacht. Wir hatten auch mal eine, die wir so genannt hatten. Ach, und noch einige mehr, die teils skurile Namen hatten.

    Unsere älteste ist glaub ich so an die 15 Jahre alt geworden. Und das an einer Verkehrsstraße ausserhalb einer geschlossenen Ortschaft, ringsum Felder und ein Wäldchen. Die hatten es glaub ich ganz gut. Aber wie das so ist in Freiheit – sie dürfen in einem bestimmten Zeitraum im Jahr abgeschossen werden. Und das war wohl der einen oder anderen Katzes Ende. Leider.

    have fun meint das Captcha – ja, Fun hatten wir mit ihnen auf alle Fälle.

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    • breakpoint schreibt:

      Kann es sein, dass viele der traditionellen Katzennamen heutzutage nicht mehr opportun sind?
      Stattdessen dürfen sie doch ruhig auch mal einen skurilen Namen haben.

      Jetzt wo du’s schreibst: Unser Kater hatte auch mal Schussverletzungen, als er von seinen Streifzügen zurückkam – und immer wieder Zecken. Das fällt mir jetzt auch noch ein..
      Ja, er hatte in der Tat ein aufregendes Leben. :-/

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  7. Pingback: Neunhundertzweiundfünfzig | breakpoint

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