Sechshundertvierundfünfzig

Aus den Fragen, um die ich euch am Dienstag gebeten hatte, wähle ich heute die Fragen nach meiner Jugend und meiner Motivation. Ich meine, beide lassen sich ganz gut mergen, und blogge jetzt meine Gedanken dazu.

Ich bin aufgewachsen in einer provinziellen (um nicht zu sagen hinterwäldlerischen) Kleinstadt in einem strukturschwachen Gebiet. Ich war ein sehr ruhiges, braves Kind, das am liebsten alleine spielte. Meine Schwester nahm ich eher als Störung wahr. Dementsprechend ging ich auch überhaupt nicht gerne in den Kindergarten, weil ich mich lieber selbst beschäftigt hätte, statt nutzlos mit anderen Kindern herumzurennen.
In die Schule ging ich dagegen gerne. Zumindest in den ersten Jahren. Später war ich dessen schon irgendwann überdrüssig. Ich lernte gern, ohne dass ich als Streberin galt, und bekam meistens ohne sonderliche Anstrengung sehr gute bis gute Noten (außer in Sport).
Hm, das hört sich jetzt ziemlich langweilig an – und das war es wohl auch. Aber ich bin eben introvertiert, und – ihr wisst ja – stille Wasser sind tief.

Irgendwann begann ich, stapelweise Bücher aus der örtlichen Stadtbücherei auszuleihen. Die Bücherei war so ziemlich die einzige Infrastruktur in unserer Kleinstadt (wenn man von ein paar kirchlichen Angeboten absieht, die ich aber größtenteils boykottierte).
Viele Nachmittage verbrachte ich mit einem Buch und einer Tüte Chips auf dem Sofa. Etwas anderes wollte ich gar nicht.
Ich hatte schon als kleines Kind ein Faible für Zahlen. Und so begann ich, in der Bücherei entsprechende Bücher auszuleihen, kam dabei natürlich irgendwann auf Bücher über Chemie und Physik. Sehr groß war die Auswahl allerdings nicht. Immerhin kristallisierte es sich später heraus, dass ich Physik studieren wollte. (Zeitweise hatte ich auch Mathematik erwogen, aber erfahren, dass die meisten Mathematiker bei Banken oder Versicherungen arbeiten, und das wollte ich keinesfalls.)
Vor allem faszinierten mich Elementarteilchen, und wie Goethe’s Faust wollte ich „erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält“.
Ja, dieses Streben nach Erkenntnis war für mich lange Jahre meine Motivation und mein Antrieb.

Am Anfang meines Studiums verhielt ich mich noch ziemlich unauffällig (sofern eine Frau in der Physik überhaupt unauffällig sein kann). Die Metamorphose in die Frau, so wie ich heute bin, verlief eher langsam, ohne konkret auslösendes Ereignis, und ohne dass ich es selbst noch im einzelnen nachvollziehen könnte.
Physik gilt ja – nicht zu Unrecht – als schwieriges Studium. Trotzdem schaffte ich es ohne nennenswerte Probleme in der Mindeststudiendauer, und ohne – das möchte ich besonders betonen – dass ich meine weiblichen Reize eingesetzt hätte.
Das erworbene Wissen führte einerseits dazu, dass mein Nerdism immer stärker zu Tage trat, andererseits aber auch, dass mein Selbstvertrauen wuchs, und ich mich nicht mehr scheute, auch mal als Besserwisserin aufzutreten.
Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wann ich meinen Kleidungsstil wechselte. Es muss wohl gegen Ende des Studiums, vielleicht während meiner Diplomarbeit, begonnen haben, und zog sich noch eine Zeitlang hin. Ich schüttelte damals auch den letzten Rest meiner katholischen Erziehung ab, und führte ab da einen lockeren Lebensstil mit wechselnden Männerbekanntschaften.

Um nochmal auf meine Motivation zurückzukommen: Das Streben nach Erkenntnis ist weniger stark geworden, vielleicht weil ich mich dem relativ weit annähern konnte. Ich habe aber immer noch den Anspruch an mich selbst, Leistung zu erbringen. Eine möglichst perfekte Leistung (obwohl ich natürlich weiß, dass Perfektion nicht möglich ist). Aber ich möchte das, was ich mache, so gut machen wie möglich – oder gar nicht. (Bei Hausarbeit kann ich diese Einstellung allerdings nicht konsequent aufrechterhalten.)
Im Prinzip bin ich sehr zufrieden mit meinem (jetzigen) Privatleben. Jede größere Veränderung könnte nur zum Schlechteren sein. Ich richte deshalb meine Ambitionen auf die Erhaltung des aktuellen Status quo aus.
Beruflich habe ich noch den Ehrgeiz, mich selbst zu verbessern. Ich glaube, dass meine Software oder Expertise bei dem einen oder anderen Kunden einen wichtigen oder gar unerlässlichen Beitrag leistet, aktuelle Entwicklungen (ich darf hier nicht konkreter werden) zu verbessern, die letztendlich auch der Allgemeinheit zugute kommen.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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20 Antworten zu Sechshundertvierundfünfzig

  1. DerMaskierte schreibt:

    Ich stelle immer wieder fest, dieser spezielle Schlag Mensch, den ich auf Anhieb sympathisch finde – ob persönlich oder via Netz – hat immer einen sehr ähnlichen Lebenslauf. Und ich sag jetzt nicht, hinter welchen deiner Statements ich in meiner Biografie einen Haken machen könnte. Nur so viel, dass es verdammt viele sind. 😀

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  2. Gentleritter schreibt:

    „Meine Schwester nahm ich eher als Störung wahr!“ Du bist manchmal die Königin der einfachen Sätze. Wievielen Geschwistern hast du damit aus dem Herzen gesprochen und wie froh kann eigentlich so mancher sein, dass er Einzelkind ist.

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  3. Gentleritter schreibt:

    Wie traurig bist du eigenlich, dass du Software entwickelst und nicht im Kernbereich der Physik. Von der Firma SAP wird ja auch gelästert, dass es in Wirklichkeit die Abkürzung für „Suche Arbeitslose Physiker“ wäre. Ach, und noch was.Ach, und noch was, auch als Physikerin hättest du bei einer Bank arbeiten können. Die versuchen dort chaotische Prozesse in Märkten analog der Atomphysik zu analysieren…! Hört sich ja erst Mal auch interessant an.

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    • breakpoint schreibt:

      Dem trauere ich nicht nach.
      Ich habe damals den aktuellen Stand der Forschung gelernt, und seither sind die Fortschritte nur sehr zäh verlaufen.
      Die Higgse sind so ziemlich nachgewiesen, jetzt gibt es experimentelle Hinweise auf Gravitationswellen, .. tja ..

      Bei der Softwareentwicklung kann ich das Verhalten von Computern gezielt steuern. Das reizt mich heute viel mehr.

      Etliche meiner früheren Kommilitonen sind tatsächlich bei SAP gelandet oder machen SAP-Beratung. Ich kenne auch einen, der bei einer Bank arbeitet (entwickelt aber Banking-Software). Die Arbeitsfelder von Physikern sind in der Tat vielfältig.

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      • Leser schreibt:

        Aber wäre es nicht um so vieles cooler gewesen, die Software, die den LHC steuert und die Daten auswertet etc. mit zu entwickeln?
        Nur so ein Gedanke…

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        • breakpoint schreibt:

          Och, nee! :no:

          Da wäre ich nur eine unter vielen gewesen. Ich bin aber lieber mein eigenes Team.
          Und Steuerungssoftware ist ohnehin ziemlich öde – sehe ich ja bei dem, was meine Softies – wenn auch in viel kleinerem Maßstab – machen.
          Auswertung hätte da schon eher einen Reiz. Aber muss auch nicht sein.

          Ich bin mit meinem Nischenthema meist ganz zufrieden.

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    • idgie13 schreibt:

      Ich dachte immer SAP stünde für „Sammelbecken arbeitsloser Physiker“

      Wahlweise auch für Sanduhr-Anzeige-Programm 😉

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  4. Delicatus schreibt:

    Warum hast Du nicht promoviert? Das ist bei Physikern doch meistens eine Automatismus, oder?

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    • breakpoint schreibt:

      In der Chemie ist die Promotion ein Muss. In der Physik eher nicht.
      Von meinen früheren Studienkollegen haben sogar einige nur deshalb promoviert, weil sie nicht gleich eine Industrieanstellung gefunden haben.

      Ich selbst wollte nach 5 Jahren Studium erst mal in die Praxis. Ich dachte, dass ich evtll. später immer noch promovieren kann.
      Aber das hat sich dann nicht mehr ergeben. Wenn man nioht mehr an der Uni ist (zumal in einer anderen Stadt) verlieren sich die entsprechenden Kontakte.
      Ich sehe auch keine Veranlassung oder Notwendigkeit dafür (immerhin habe ich ein Promotionsangebot in Mathematik abgelehnt).

      Passend dazu habe ich hier noch einen alten Blogeintrag gefunden: https://breakpt.wordpress.com/2013/05/02/vierhundertfuenf-15797959/

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  5. gammler67 schreibt:

    ich nehme meine schwester heute noch als störung wahr…

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  6. Zeitarbeiterin schreibt:

    So ein aufschlussreicher Post – und er wird reduziert auf die störende Schwester und SAP…
    Vielen Dank für deinen Kommentar zur Blog-Parade „Beruf kommt von Berufung?“!

    LG von der Zeitarbeiterin

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    • breakpoint schreibt:

      Vielen Dank für deinen Besuch!

      Ach, viele der anderen Themen wurden bereits an anderer Stelle in meinem Blog diskutiert.
      Es ist immer wieder spannend und häufig überraschend, welche Aspekte eines Eintrags besonders beachtet werden, und wie sich dann die Diskussion weiter entwickelt.

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  7. breakpoint schreibt:

    SechshundertneunundachtzigDie Beantwortung von ein paar Fragen steht noch aus.

    Beginnen wir diesmal mit der Frage eines mir bekannten Fragestellers, der aus unerfindlichen Gründen nicht genannt sein möchte:
    „Wie gehst Du mit Vorurteilen von Kunden um, weil Du eine Frau bist…

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  8. breakpoint schreibt:

    SechshundertzweiundneunzigAus den Themen Jugenderinnerungen und Haustiere bin ich auf die Idee gekommen, einen Eintrag über (meine) Katzen zu schreiben.
    Sehr schnell merkte ich, dass ein einzelner Eintrag ihnen nicht gerecht wird. Deshalb beginne ich heute mit einem eher allge…

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  9. Pingback: Neunhundertsiebzehn | breakpoint

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