Sechshundertsechsundvierzig

Bis zum 25. Jubiläum der Firma dauert es zwar schon noch länger, trotzdem möchte der Firmenchef zur Feier dieses Anlasses ein neues Firmenlogo einführen.

Bevor wir jetzt einen teuren und vielleicht phantasielosen Designer geauftragen, habe ich mich selbst daran gemacht, und ein paar Entwürfe vorbereitet.
Malen oder zeichnen kann ich ja überhaupt nicht, aber ich kann Vektorgraficken erstellen.
Meine Vorschläge präsentierte ich gestern der Geschäftsleitung unter vier Augen.

Gleich mein erster Entwurf, mit dem ich mir besonders viel Mühe gemacht hatte, gefiel ihm nicht: „Was soll das sein? Das sieht aus wie ineinander verschlungene Beine beim Geschlechtsakt.“
„Da geht wohl deine Phantasie mit dir durch. Das sind nur überlagerte Sinus- und Cosinusfunktionen.“
„Und das hier wirkt schon sehr phallusartig.“
„Das ist ein schlichtes Rechteck mit einem kleinen Kreis hinter der oberen Schmalseite.“
„Jedenfalls ist es nicht als Logo für meine Firma geeignet. Was hast du noch?“
„Hier: drei einander berührende halbe Ellipsen, die mittlere stark exzentrisch.“

An jedem der Entwürfe hatte er etwas auszusetzen. Weder Parabeln oder Hyperbeln noch Vektorpfeile oder Fraktale gefielen ihm.
„Das hier sieht aus wie gespreizte Schenkel.“
„Sich leicht überlappende, stark exzentrische Ellipsen, die einen 120-Grad-Winkel miteinander bilden.“
„Was sollen diese Kreise mit einem Punkt darin?“
„Das ist ein uraltes astronomisches Symbol für die Sonne.“
„Ich weiß erstens nicht, was das mit meiner Firma zu tun hat, und zweitens, warum dann zwei Sonnen nebeneinander stehen.
Und dieses Bild hier würde ich eher als Grafitti in einer schmuddeligen, öffentlichen Toilette erwarten, als als Firmenlogo. Was soll dieser ‚Hintern‘?“
„Das ist ein griechisches Omega, wie du sehr wohl wissen dürftest“, meinte ich allmählich ärgerlich. Gar nichts war ihm recht zu machen.
„Und warum ejakuliert dieser ziemlich schief geratene Penis darauf?“
„Du hast schon eine blühende Phantasie. Das ist ein Alpha. Du wirst doch nicht bestreiten wollen, dass Alpha Punkt gleich Omega ist.“
„Normalerweise ist der Punkt aber über dem Alpha, und nicht davor.“
„Zum einen gab es ein Problem mit der Formatierung, zum anderen ist das eben meine künstlerische Interpretation.“
„Seit wann muss die Definition der Winkelgeschwindigkeit interpretiert werden? Und mit der Firma hat das rein gar nichts zu tun.“
„Dann wird dir das letzte Bild wohl auch nicht gefallen, zu dem mich die Lichtgeschwindigkeit inspiriert hat.“
Er schaute es sich kurz an. „Sonst betonst du immer, dass c gleich eins ist, und hier ist es plötzlich gleich drei. Und überhaupt, wieso so viele Gleichheitszeichen?“
„Das ist meine Weiterentwicklung des typsicheren Vergleichsoperators.“

„Tut mir leid, aber alle deine Entwürfe haben etwas obszönes an sich.“
„Es ist wohl eher dein Problem, dass du überall etwas obszönes zu sehen glaubst. Du würdest ein Hexagramm auch noch als zwei kopulierende Dreiecke interpretieren. Hoffentlich musst du nie einen Rorschach-Test machen.“ (Oder hätte ich sagen sollen ‚Rohrschach‘?)
„Auf jeden Fall sind diese Bilder keinesfalls als Logo geeignet.“
„Ich dachte, du wolltest ein Logo mit Wiedererkennungswert.“
„Aber keines, das meinen Kunden derartige Assoziationen aufzwingt.“
„Vielleicht mögen deine Kunden derartige Assoziationen.“
„Darauf werde ich es nicht ankommen lassen. In ein paar Wochen werde ich einen professionellen Designer beauftragen, es sei denn, du zeigst mir bis dahin einen angemesseneren, dezenten Entwurf.“

„Wenn du lieber ein langweiliges, 08/15-Logo möchtest, dann drehe ich einfach die Entwürfe oder ändere das Seitenverhältnis. Bist du dann zufrieden?“
„Hast du möglicherweise schon entsprechende Entwürfe vorbereitet?“, fragte er seufzend.
„Wie es der Zufall will, schon. Allerdings sind die auf meinem anderen Rechner. Diese Entwürfe können wir uns genauso gut daheim ansehen.“

Ich konnte ihm anmerken, dass er mit sich kämpfte, ja kein Schmunzeln sehen zu lassen. Na also, allmählich mache ich doch Fortschritte mit meinem Projekt!
Als ich anfing zu lachen, konnte er ein Grinsen auch nicht mehr unterdrücken. „Ich werde niemehr an deiner Kreativität zweifeln. Aber jetzt verschwinde aus meinem Büro, damit ich mich wieder auf meine geschäftlichen Aufgaben konzentrieren kann.“

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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21 Antworten zu Sechshundertsechsundvierzig

  1. sweetsurrender schreibt:

    :>>
    Mal sehen wie lange die Beherrschung noch anhält…;)

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  2. Leser schreibt:

    Interessant: Zuerst dachte ich, „woah ist der unleidlich, hast Du seinen schlechten Tag erwischt, um ihm die Entwürfe vorzustellen?“, dann zum Ende hin wurde klar, dass er die schlechte Laune wohl mehr gespielt hat, und nach dem Lesen des gesamten Textes fragte ich mich, ob Du vielleicht wirklich etwas vorsätzliche Obszönität in Deine Entwürfe gepackt hast…

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    • breakpoint schreibt:

      Hahaha, was glaubst du denn?
      Ich hatte auch noch einen Schwung ganz braver Entwürfe zu Hause.
      Das ist alles Teil eines großen Plans. 😉

      Und er war nicht schlecht gelaunt, nur sachlich und knapp – wie immer im Büro.
      Aber das macht mir die Umsetzung nicht leichter. :p

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      • Leser schreibt:

        Ähm, ich hab zwar jeden Deiner Blogartikel mindestens ein mal gelesen, aber irgendwie ist der Plan an mir vorbeigegangen: Was planst Du genau?

        Und das mit dem sachlich und knapp – nagut, das war etwas, was ich eh nie verstehen kann, ich bin so nur unter dem akuten Einfluss (bzw. Einschlag) irgend eines massiv deprimierenden Ereignisses, also glücklicherweise recht selten.

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        • breakpoint schreibt:

          „Plan“ war ungünstig ausgedrückt. Ich habe eher das Ziel oder die Absicht gemeint, Sex im Büro zu praktizieren.
          Das muss ja gar nicht jeden Tag sein. Mit einem Quickie alle ein bis zwei Wochen würde ich mich schon zufrieden geben.

          Im Büro steht er meist unter Stress, Anspannung, Zeitdruck. Dementsprechend kommuniziert er möglichst kurz und effektiv.
          (Da würde ihm eine gelegentliche Entspannung ganz sicher nicht schaden. 😉 )
          Wenn er dagegen privat nicht gleich wieder zum nächsten Termin hetzen muss, oder geschäftliche Problem wälzt, ist er ein viel umgänglicherer Mensch.

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          • Leser schreibt:

            Und wenn er das nicht will, und sei es nur, weil außer Euch noch jemand im Haus ist, dann wirst Du das eben auch nicht bekommen. So sehr ich es nachvollziehen kann, dieses Erlebnis mal zu haben, so sehr sagst Du aber auch, dass Du dabei nicht leise sein kannst – und nach allem, was ich von Dir über ihn gelesen habe, ist er ganz sicher jemand, der keinen seiner Mitarbeiter an seinem Sexualleben teilhaben lassen möchte. Das kann ich auch verstehen, er würde wahrscheinlich vor Scham im Boden versinken.

            Da gibt es wohl noch eher einen „naked orgy day“ bei Euch im Unternehmen, wo jeder Angestellte (aber eben nicht der GF) hinter der Eingangstür sämtliche Hüllen ablegen muss. Wie wahrscheinlich sowas ist, kannst Du Dir wohl denken 😉

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            • breakpoint schreibt:

              Sein Büro ist ziemlich gut schallisoliert, und wir könnten uns ja auf Praktiken beschränken, bei denen ich nicht lauter als auf Zimmerlautstärke komme.
              Das würde also niemand mitkriegen.
              Und wenn doch – na und? Wir dürfen das legal, offiziell und gesellschaftlich akzeptiert.

              Hihi, ich stelle mir gerade vor, wie Carsten „vor Scham im Boden versinkt“.
              Aber nein – so sehr es ihm missfallen würde, wenn Mitarbeiter da etwas merken würden, bin ich mir doch sicher, dass er das ganz souverän überspielen würde.

              Von einem „naked orgy day“ in Unternehmen hatte ich noch nie gehört. Aber ich glaube, den Vorschlag kann ich mir sparen.

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  3. Gentleritter schreibt:

    „Vektorgraficken“ – Freud, Absicht oder Legastenieanfall?

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  4. ednong schreibt:

    Jaja,
    immer diese blühende Fantasie.

    Von was willst du ihn denn überzeugen?

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    • breakpoint schreibt:

      Ist das nicht eindeutig?

      Nach allem, was man so mitkriegt, ist Sex im Büro sehr weit verbreitet.
      Während ihrer Arbeitszeit, betriebliche Einrichtungen zweckentfremdend, hintergehen dabei ihre Partner, oder nutzen gar ein Abhängigkeitsverhältnis bzw. Machtgefälle aus.

      Nur bei uns, wo das 100-prozentig legal wäre, und wir niemandem in irgendeiner Form schaden würden, läuft nichts. 😥

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  5. W2013 schreibt:

    Warum verführst Du ihn nicht einfach?

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  6. Linus1 schreibt:

    Einfach genial. Wenn du es mal schaffst, ihn dazu zu überreden, hast du dafür dann zum Feiern auch eine Flasche Champus oder ähnliches? 🙂

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  7. Pingback: Neunhundertsiebzehn | breakpoint

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