Sechshundertfünfzehn

Fast hatte ich schon vergessen gehabt, dass ich Carsten fragen wollte, warum er so ausweichend reagiert hatte, als ich ihm beim letzten Abteilungsleitermeeting nach dem Designer des Firmenlogos gefragt hatte.
Als wir noch entspannt beieinander im Bett lagen, holte ich das nach.

„Du wolltest mir doch erzählen, warum der ursprüngliche Designer das neue Logo nicht entwerfen kann.“
„Wollte ich das? Nein, eigentlich nicht.“
„Du hast in der Besprechung nur gesagt, dass du keine Zeit auf der Agenda übrig hättest. Aber jetzt hast du ja Zeit.“
„Ach Samtpfötchen, manche Geschichten sind nicht so schön, dass du sie unbedingt hören möchtest.“
„Jetzt hast du mich erst recht neugierig gemacht.“

„Ich komme wohl nicht darum herum“, seufzte er halb resigniert, „also, du weißt, dass ich während meiner Studienzeit und in den Jahren danach einen festen Freundeskreis hatte. Ingrid gehörte dazu, auch Lydia oder Volker, den du einmal kennengelernt hast. Oder Thomas, der bei unserer Hochzeit die Ansprache gehalten hat. Dann war da neben anderen auch noch Beate. Sie war Grafikdesignerin. Novosyx stand kurz vor dem Start. Was lag näher, als sie um einen Entwurf für das Firmenlogo zu bitten?“
„OK. Ich sehe da bisher noch kein Problem. Ganz logisch, eine Freundin hat das Logo entworfen.“
„Natürlich suchte ich sie ein paar mal in ihrem Atelier auf, um Ideen zu sammeln oder offene Fragen zu klären. Tja, wir waren beide jung, und .. ja, wir begannen eine Affäre.“

„Moment mal, warst du damals noch mit Lydia liiert, oder schon mit Ingrid zusammen?“
„Anfangs noch mit Lydia. Das fiel so gerade kurz vor die Zeit, als Ingrid und ich beschlossen zu heiraten.“
„Aha“, sagte ich bloß.
„Mach dir keine falschen Hoffnungen“, meinte er, als hätte er meine Gedanken erraten, „bei dir halte ich mich an unsere Ausschließlichkeitsklausel.“
„Naja, du hast wohl diese Absicht, aber spontan kann sich vielleicht mal was anderes ergeben. Die menschliche Natur will Abwechslung.“
„Vergiss es. Das ist Jahrzehnte her. Seither bin ich um einiges selbstbeherrschter geworden. Und wenn ich über ein halbes Jahr der Versuchung durch dich widerstehen konnte, wird keine andere Verlockung stärker sein.“
Ich ließ das besser auf sich beruhen.

„Wie ging es dann weiter?“
„Das Ende vom Lied war, dass die Ankündigung unserer Hochzeit Beate absolut aus der Fassung brachte. Sie war fuchsteufelswild, und kündigte an, niemals mehr irgendetwas mit mir zu tun haben zu wollen. Ein halbes Jahr später zog sie weg, und ich habe nie wieder von ihr gehört.“
„Wussten Lydia oder Ingrid davon?“
„Sonst hat nie jemand etwas von mir davon erfahren, außer du jetzt.“

„Das muss ich sich erst mal setzen lassen.“
„Ich hatte dich gewarnt, dass dir diese Geschichte nicht gefallen wird.“
Ich ließ mich auf das Kissen zurückfallen. „Gibt es noch mehr solche dunklen Kapitel in deiner Vergangenheit, von denen ich nichts weiß?“
„Vermutlich ein paar. Aber daran denke ich selbst nicht mehr, und es hat keine Auswirkungen auf uns. Du hast mir bestimmt auch nicht alles erzählt.“

Schnell wechselte ich das Thema: „Ich könnte mir ein Logo überlegen.“
„Du bist keine Designerin.“
„Aber ich bin kreativ. Und ich könnte zumindest ein paar Ideen und Konzepte entwerfen. Das kannst du dann immer noch von einem professionellen Designer aufpeppen lassen.“
„Wenn du das willst, probier es ruhig.“

Mein Kopf platzt fast vor Ideen.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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13 Antworten zu Sechshundertfünfzehn

  1. vires schreibt:

    Etwas off-topic: Eigentlich traurig wie selten SW-Entwickler als kreativ wahrgenommen werden. Auch wenn Carsten da zumindest etwas aufgeklärter sein dürfte.. Im generellen denken außenstehende an vieles wenn sie an SW-Entwickler denken. Selten bis nie jedoch daran, dass gute Architektur/gutes Design fast schon Kunst ist 🙂

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  2. schaum schreibt:

    also vergangenheit ist immer eine schwierige sache, wenn sie aber wirklich verarbeitet ist, gibt es keinen grund nicht drüber zu sprechen
    es hilft dem anderen besser zu verstehen 🙂

    es schäumt findeich

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  3. Pingback: Achthundertfünfundneunzig | breakpoint

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