Sechshundertfünf

Die Besprechung mit den Abteilungsleitern zog sich ewig lang hin.
Vertriebler und Kaufmann diskutierten endlos über das CRM-System und die Kundendatenbank.
Irgendwann fragte der Geschäftsführer: „Und was hält die IT davon?“
Alle Augen richteten sich auf mich.
„Äh, keine Ahnung. Damit bin ich im Moment überfragt.“
„Eine sehr dürftige Antwort. Informiere dich bis zum nächsten Meeting.“
Dann hatte er bereits das Thema gewechselt.

Ausnahmsweise arbeitete ich abends noch daheim in meinem Arbeitszimmer am Computer, als er heim kam. Ich hörte ihn nach mir rufen, aber ich hatte die Tür des Arbeitszimmers geschlossen.
Nach kurzer Zeit öffnete er die Tür und sah mich am Rechner. „Da bist du ja, Süße.“
„Hm.“
Er trat zu mir und zog mich vom Stuhl hoch.
„Lass mich. Ich arbeite.“
Er hatte mich bereits gegen den Schrank gedrängt, aber ich tat ihm nicht den Gefallen, mich zu wehren, sondern bemühte mich, keinerlei Reaktion zu zeigen.
„Was ist los?“
„Nichts.“
Er seufzte. „Du bist sauer wegen des Meetings. Stimmt’s?“
Irgendwie gelang es mir, mich loszureißen. „Und wenn schon.“
„Ich hatte wirklich gehofft, dass du etwas hättest beitragen können, was diese ziellose Diskussion beendet. Stattdessen schienst du nur absolut gelangweilt, und hättest deine Antwort durchaus interessierter formulieren können.“
„Ich kann mich nicht mit jedem Thema auskennen. Du hast genau gewusst, dass ich mit CRM sonst nichts zu tun habe. Aber so hast du mich nur lächerlich gemacht und meine Autorität untergraben.“
„Deine Autorität ist nicht in Gefahr. Allen anderen Abteilungsleitern ist schon ähnliches widerfahren. Also mach dir darüber keine Gedanken.“
Das stimmte wohl. Ich habe schon mitgekriegt, wie er andere viel schlimmer abgekanzelt hat.
„Trotzdem hättest du mir das auch unter vier Augen mitteilen können, statt vor versammelter Mannschaft.“
Er zog mich eng an sich. Als ich den Kopf zur Seite drehte, küsste er mich auf den Hals. Seine Hände fanden ihren Weg unter mein Oberteil. Mist! Er weiß genau, welche Knöpfe er bei mir drücken muss.
Ich wand mich noch ein wenig, aber schließlich entspannte ich mich. …

Danach strich er mir noch über die Wange: „Du musst dir wirklich keine Sorgen um deine Autorität machen. Die anderen wissen alle, wie sehr ich mich auf deine Fachkenntnisse verlasse. Aber bei so einem Meeting kann ich keine Rücksichten darauf nehmen, dass du meine Frau bist. Da sind alle Abteilungsleiter gleich.“
„Ich bin aber kein Abteilungsleiter“, widersprach ich, wenn auch schon weitestgehend besänftigt, „sondern externe Beraterin, und ich leite deine IT nur kommissarisch.“
„Und ich bin froh, dass du das machst. Ohne dich wäre das sicher nicht so glatt gelaufen. Alles wieder OK?“
„Hm. Ja. Glaub schon.“
„Na, komm“, er half mir beim Aufstehen, „lass uns heute irgendwohin besonders essen gehen.“

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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20 Antworten zu Sechshundertfünf

  1. Gentleritter schreibt:

    Er weiß genau welche Knöpfe er bei Ihnen drücken muss, „Miss Steele“.;-)

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  2. schaum schreibt:

    ich schätze die trennung der beruflichen und privaten sicht hoch

    es schäumt kommtseltenvor

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  3. plietschejung schreibt:

    Ein No-go vor anderen.

    Den weiteren Verlauf musst du dann vor dir selbst rechtfertigen.

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  4. Windmuehle schreibt:

    Mitarbeiter vor versammelter Mannschaft derart zu kompromittieren, ist unprofessionel und eines Chefs nicht würdig. Ein Vorgesetzter, der Loyalität von seinen Mitarbeitern erwartet, sollte dies auch selbst praktizieren.

    In deinem Fall kommt noch hinzu, dass du die Frau des Chefs bist. Natürlich sollte er alle Mitarbeiter gleich behandeln. Allerdings dürften sich die Mitarbeiter, die dir – warum auch immer – nicht ganz so wohlgesonnen sind, ob dieser Verbal-Klatsche innerlich amüsiert haben.

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  5. Gentleritter schreibt:

    Vielleicht, aber ein bisschen an „Shades of Grey“ erinnert ihr mich ja schon.

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  6. remi1 schreibt:

    Sex mit leichten Spannungen hat auch was 🙂

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  7. breakpoint schreibt:

    SechshundertelfSchon wieder Besprechung mit den Abteilungsleitern und -halbleitern.

    Der Geschäftsführer kündigte an, dass „es bis zum das 25-jährigen Jubiläum der Firma zwar noch länger dauert. Trotzdem wollen wir bereits jetzt überlegen, welcher Handlungsbedarf b…

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