Fünfhunderteinundsechzig

Manchmal habe ich tatsächlich Ideen, die ich in aller Bescheidenheit als genial bezeichnen möchte.

Es kamen mehrere Voraussetzungen zusammen:
* Obwohl Carsten Geschäftsreisen vermeidet, hielt er es gestern trotzdem für sinnvoll, eine wichtige Branchenmesse zu besuchen. Er war bis spät in den Abend gar nicht da. Ich hatte also anderweitig Zeit.
* Es war Buß- und Bettag, was implizierte dass die Schüler frei hatten. Folglich hatte meine Schwester Sabine Zeit, meine Einladung zu einem gemeinsamen Tag in der Stadt wahrzunehmen (die ich aus den im folgenden klar werdenden Gründen ausgesprochen hatte).
* Ich hatte die Notwendigkeit erkannt, mit meiner Cousine Kathrin ausgewählte Aspekte meines Ehelebens zu diskutieren. Da sie aber weder mir noch meinem Mann diesbezüglich Glauben schenkt, kam ich auf die Idee, meine Schwester als Vermittler einzubinden.

Sabine hatte ja von vornherein einen sehr guten Draht zu Carsten. Sie war auch wohl die einzige in der Verwandtschaft, die sich wirklich über meine Hochzeit gefreut hatte.
Mir kam also der Einfall, Sabine zu dem ausstehenden Gespräch mit Kathrin hinzuzuholen, in der begründeten Hoffnung, dass diese jener mehr glauben würde als mir.
Aus den oben genannten Gründen war gestern der ideale Tag dafür, obwohl sowohl Sabine als auch Carsten bedauerten, einander nicht wenigstens kurz getroffen zu haben. Aber an einem Schultag wäre Sabine nach eigener Aussage unabkömlich gewesen. So aber ließ sie ihre Kinder in der Obhut unserer Eltern zurück.

Sie kam am Vormittag an, wir tranken zuerst noch einen Kaffee daheim, und gingen dann (mistiger Schneeregen!) zu zweit in die Stadt, um ein wenig zu shoppen. Beim Mittagessen bereitete ich sie auf ihre Mission vor.
Ich hatte Kathrin zuvor von Sabine’s Besuch erzählt und sie gebeten, mit uns beiden Kaffee trinken zu gehen. Anfangs hatte sie gemeint, dass sie nicht so früh Feierabend machen kann, aber ich sagte ihr, dass ich das für sie regeln würde (ihr Chef war ja eh nicht da), und so traf sie am Nachmittag mit Sabine und mir in der Stadt zusammen.

Während wir bei meinem Lieblingskonditor zusammen saßen, unterhielten wir uns zunächst über allgemeinere Themen, bis Sabine irgendwann meinte: „So wie wir hier zusammensitzen, ist es fast wie in alten Zeiten.“
Kathrin und ich stimmten zu, und Sabine fuhr fort: „Nur dass wir mittlerweile alle verheiratet sind.“
Kathrin protestierte: „Naja, ich lebe in Scheidung.“
„Aber dafür wohnst du mit Johnny zusammen.“
„Oh, ja. Leider hat’s die arme Anne mit ihrem Mann nicht so gut getroffen.“
Bevor ich noch einen Einwand machen konnte, hatte Sabine schon reagiert: „Du spinnst wohl. Das sieht doch ein Blinder, dass Anne und Carsten wunderbar zusammenpassen.“
„Naja, du hast Anne vor ein paar Wochen nicht gesehen. Wie ein Häufchen Elend ist sie herumgeschlichen.“
„Das hatte rein gesundheitliche Gründe. Und inzwischen geht es mir wieder gut“, stellte ich klar.
„Und im Sommer hatte sie ständig blaue Flecken an den Beinen und Striemen an den Armen. Jetzt bestimmt auch noch. Man sieht es nur nicht durch die Kleidung.“
„Was willst du denn damit sagen?“
„Äh“, zögerte Kathrin, dann fuhr sie fort, „ich glaube, dass er sie ganz schlecht behandelt.“
„Stimmt das?“, fragte Sabine an mich gewandt.
„Natürlich nicht. Das ist nur Kathrin’s Hirngespinst, mit dem sie mich ständig nervt. Carsten würde mir niemals absichtlich weh tun, und mich verletzen erst recht nicht. Ich bin glücklich mit ihm.“
„Aber er ist so alt und immer ungeduldig. Und er redet auch mit dir immer nur so schroff, wenn überhaupt. Du bist nur sein Trophäenweibchen ..“ (bei welcher Seifenoper hat sie denn das aufgeschnappt?) „.. und trotzdem lässt er dich ständig so viel arbeiten. Ich habe auch noch nie gesehen, dass ihr euch mal geküsst oder umarmt hättet.“
„Was du schroff nennst, zeigt nur, wie effektiv wir miteinander kommunizieren. Und bei der Arbeit verhalten wir uns eben professionell.“
Sabine versuchte zu vermitteln: „Erinnerst du dich nicht an die Hochzeit? Wie die beiden geturtelt haben? Außerdem wird Anne doch am besten wissen, ob sie gut mit Carsten zurecht kommt oder nicht. Das kannst du von außen doch gar nicht beurteilen.“
„Aber ich erlebe ihn doch jeden Tag. Wie er mich immer herumhetzt und so.“
„Du bist auch nicht gerade die schnellste und tüchtigste Bürohilfe!“, konnte ich mir nicht verkneifen zu sagen.
„Und außerdem spricht er mich immer nur als ‚Frau Sonstwie‘ an, obwohl ich ihm zigmal gesagt habe, er soll mich ‚Frau Nühm‘ nennen.“
„Auf die Idee, dass er damit Verwechslungen vermeiden will, kommst du wohl nicht?“, fragte Sabine, selbst eine geborene Nühm, „oder dass für ihn Anne einfach ‚Frau Nühm‘ ist. Lass dich doch mit dem Vornamen anreden. Schließlich seid ihr verschwägert.“
„Ich weiß nicht, vielleicht hast du ja recht“, meinte Kathrin zögerlich, „aber es ist auch sonderbar, dass sie nie morgens gleichzeitig ins Büro kommen, oder zusammen heimgehen.“
Wir kommen oft genug gleichzeitig, da müssen wir das nicht im Büro. Laut sagte ich: „Na und? Wir haben einfach unterschiedlich Arbeitszeiten. Ich arbeite ja auch teilweise zu Hause. Außerdem gehen wir durchaus gelegentlich zusammen weg. Aber da muss ich immer auf ihn warten, und das ist lästig. Deshalb gehe ich meist alleine.“
„Aber er ist doch schon so alt ..“ (Wenn eine 90-Jährige einen 51-Jährigen als alt bezeichnet, so ist die Schlussfolgerung ziemlich klar: Fortgeschrittenes Stadium von Morbus Alzheimer. Bei einer Mittdreißigerin deutet es auf eine deutliche Wahrnehmungsverzerrung hin.) „.. und außerdem, äh, versteht mich nicht falsch, aber .. „, sie errötete leicht, „.. bei einer Beziehung ist auch Sex wichtig.“
„Das gehört zu den Dingen, die ich nicht mit euch diskutieren werde. Das ist alleine Carsten’s und meine Privatsache. Ich habe aber keinen Grund zur Klage. OK?“
„Naja, so unerfahren wie du in diese Ehe gegangen bist ..“
„Anne hat recht“, meinte Sabine vermittelnd, „das geht uns nichts an und ist ihre Privatsache. Ich habe Carsten immer gemocht. Er ist doch so ein sympathischer und stattlicher Mann, und ich habe von Anfang an gespürt, dass zwischen ihm und Anne etwas besonderes ist. Und nur weil du, Kathrin, nicht gut mit Carsten klar kommst, heißt das nicht, dass es Anne genauso geht. Und außerdem schmerzt es sie bestimmt, wenn du ihrem Mann immer solche Dinge unterstellst.“
Kathrin schwieg nachdenklich, dann räumte sie ein: „Ich wollte Anne ja immer nur helfen, und habe es doch gut gemeint.“
Daran hatte ich niemals gezweifelt, obwohl sie meine Geduld mehrfach überbeansprucht hatte, und so beließen wir es dabei.

Ich habe die Diskussion ziemlich gekürzt und auf das Wesentliche beschränkt. Trotzdem ist der Eintrag sehr lang geworden (vielleicht mein längster bisher überhaupt, aber ich wollte ihn nicht splitten). Ich weiß nicht, ob Sabine Kathrin vollständig überzeugen konnte, betrachte das Gespräch aber insgesamt als erfolgreich. Ohne Sabine’s Anwesenheit wäre die Diskussion mit Kathrin sicherlich an der einen oder anderen Stelle eskaliert. So konnte jene aber immer wieder moderierend eingreifen.

Sabine und ich blieben noch eine Weile im Einkaufszentrum. Dann ließ sie sich überreden, mit mir Abend essen zu gehen, obwohl es noch sehr früh dafür war. Aber schließlich wollte sie schon bald wieder nach Hause aufbrechen, da das Wetter mies war.
Carsten kam erst einige Stunden später wieder heim.
Und – fac! – ich scheine mein Kopftuch irgendwo unterwegs verloren zu haben.

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Über breakpoint AKA Anne Nühm

Die Programmierschlampe.
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33 Antworten zu Fünfhunderteinundsechzig

  1. sweetsurrender schreibt:

    „Naja, so unerfahren wie du in diese Ehe gegangen bist…“
    :))

    Eigentlich bist Du ja selber schuld, so wie Du Deiner armen Cousine was vorgespielt hast. 😉

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  2. Conchi schreibt:

    Hi du,

    also, ich kann mir wirklich schlecht vorstellen, dass es heute noch Leute gibt, die unschuldig in die Ehe gehen, zumindest nicht in unseren Kultur. 😉

    Wie du siehtst, bin ich, mit viel Geduld doch hier gelandet,
    und hoffe, dass es nu auch klappt, den Kommentar abzusenden.

    LG an dich
    Conchi

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    • breakpoint schreibt:

      Tja, es war wirklich recht anstrengend, das Image der eisernen Jungfrau aufrecht zu erhalten.
      Aber für meine Familie war das immer noch leichter nachzuvollziehen als mein tatsächlicher Lebenswandel, der ihr Weltbild absolut auf den Kopf gestellt hätte.

      Der Kommentar ist ja angekommen. Hoffentlich hält sich deine Internetverbindung weiterhin wacker.

      lg breakpoint

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    • engywuck schreibt:

      du irrst, wenn du das kategorisch annimmst. Neben diversen spinnerten Religionen, die vorzugsweise dann die beinahe-noch-Kinder früh heiraten lassen soll es auch Leute geben, die sich aus Sex nichts machen. Aber natürlich: auch die werden nicht ganz naiv sein, so wie das früher der Fall gewesen sein soll :-=)

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      • breakpoint schreibt:

        Und dann soll’s auch noch diejenigen geben, die zwar Interesse hätten, aber keinen gleichgesinnten Partner finden.
        OK, die werden normalerweise auch nicht gleich jemanden heiraten.

        Dann erinnere ich mich noch an meine Stieftochter samt Ehegespons, die angeblich (und ich glaube das sogar) bis nach der Hochzeit warteten.

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  3. ednong schreibt:

    Wieder ein großer Haken mehr …

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  4. Gentleritter schreibt:

    ganz schön anstrengend die dame- selbst beim lessen

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  5. idgie13 schreibt:

    Ehrlich gesagt bin ich noch nicht so recht überzeugt, dass sie sich in Zukunft zurückhält… Auch wenn ich Dir das natürlich wünsche.

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  6. Leser schreibt:

    Bei dem Zitat mit dem „unerfahren in die Ehe gegangen“ musste ich auch grinsen.
    Ist es bei Euch normal, dass man nicht mal im Vertrautenkreis der Familie über „solche“ Themen spricht?
    Hmm, ist wohl Bayern, hochkatholisch und so…

    Jedenfalls würde ich es klasse finden, wenn Kathrin dieses Blog hier finden würde (auch wenn das wahrscheinlich nie passieren wird). Einfach, damit sie weiß, dass sie vorher die ganze Zeit ein völlig falsches Bild hatte…wäre schon schön, wenn da etwas mehr Offenheit herrschen würde. Aber ich nehme an, Ihr habt da südlich des Weißwurstäquators einfach eine ganz andere Kultur. Andere Länder, andere Sitten eben…

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    • breakpoint schreibt:

      Man kann auch in Bayern nördlich des Weißwurstäquators wohnen, wo weder Dirndl noch Lederhosn getragen werden. Der Freistaat ist groß.

      Auch heute noch gibt es da provinzielle Kleinstädte, in denen die Uhren noch deutlich langsamer gehen, als im Rest des Landes (und dies ist kein relativistischer Effekt!).

      Ich war halt immer sehr zurückhaltend mit dem, was ich so daheim erzählt habe.
      Und gerade in den letzten zehn oder zwölf Jahren habe ich einiges erlebt, was ich meiner Familie lieber nicht auf die Nase binden wollte.
      Das hätte niemandem einen Vorteil gebracht, und meine Verwandten (an denen mir doch einiges liegt, auch wenn das hier vielleicht nicht so raus kommt) nur unnötig verstört.

      Ja, „solche“ Themen wurden totgeschwiegen.
      Ich interpretiere die Existenz von Sabine und mir im Nachhinein als statistische Ausreißer.

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      • Leser schreibt:

        In der Karte des verlinkten Wikipedia-Artikels entspricht ungefähr die rote Linie meiner Vorstellung des Weißwurstäquators, da bleibt wirklich nicht mehr viel Bayern übrig. Aber „christlich durchseucht“ ist es natürlich da trotzdem, das stimmt schon.

        Bezüglich der Verschwiegenheit kann ich das teilweise nachvollziehen, und es den Eltern oder anderen Mitgliedern dieser Generation nicht auf die Nase zu binden ist sicherlich sinnvoll. Aber eine Anmerkung nach dem Motto „Wenn Du wüsstest“ auf Kathrins „Unerfahrenheits-Bemerkung“ wäre ja schon ausreichend genug gewesen, und dann eben zu sagen, dass Du mehr Erfahrung hast, als sie denkt, würde das ganze abrunden, ohne allzu viel preisgeben zu müssen. Naja, ist Deine Entscheidung – so würde sie etwas weniger Schwierigkeiten haben, es zu verstehen, was Du und Sabine ihr klarzumachen versucht habt. Hoffentlich versteht sie es trotzdem.

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        • breakpoint schreibt:

          Ich will den Weißwurstäquator jetzt nicht genau definieren, aber was nördlich von ca. Regensburg ist, gehört definitiv nicht zum urbairischen Kernland.

          Du hast recht, dass so eine Bemerkung vermutlich sinnvoll gewesen wäre.
          Aber darauf bin ich in dieser Situation einfach nicht gekommen, und ich bin es eben noch von früher gewöhnt, dass ich gegenüber meinen Verwandten keine derartigen Andeutungen mache. Diese Gewohnheit lässt sich nicht so schnell abschütteln.

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  7. engywuck schreibt:

    seit wann ist der „böse-Buben-Tag“ schulfrei? Seit da kein Feiertag mehr ist „dürfen“ die Kinder da durchaus in die Schule.

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    • breakpoint schreibt:

      Hier haben AFAIK zwar die Kinder schulfrei (zur „Meditation und Besinnung“), während die Lehrer durchaus Dienst haben, und den Tag z.B. zur Fortbildung nutzen sollen.
      Wie das in anderen Bundesländern gehandhabt wird, weiß ich nicht.

      Böse Buben?
      Der Gedenktag heißt doch nicht Busen-und-Bett-Tag.

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  8. petr schreibt:

    Interessant finde ich, wie immer seitens Kathrin die Aussage kommt,er wäre „zu alt“.

    ICh glaube, dass ist versteckter Neid.

    Die meisten Frauen hätten gern einen erfolgreichen (und dadurch zwangsláufig) etwas älteren Mann und reden sich dann die Mittelprächtige Erscheinung mit „aber so alt ist er nicht“ schón.

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  9. Bellona schreibt:

    mich macht die frau nur beim lesen wahnsinnig. WAAAAHNSINNIG!

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  10. breakpoint schreibt:

    FünfhundertvierundachtzigNur ganz kurz, weil euch das vielleicht interessiert:

    Lukas arbeitet hier seit kurzem als Praktikant oder wie man es auch nennen will. Er ist zweimal in der Woche für ein paar Stunden am Nachmittag hier.
    Obwohl er auch manchmal woanders herumwerkel…

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  11. Pingback: Achthundertfünfundsiebzig | breakpoint

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