Fünfhundertfünfunddreißig

Mittlerweile hatten wir schon so viele Vorstellungsgespräche mit potentiellen zukünftigen CIOs, dass ich einmal schreiben will, wie so ein Gespräch typischerweise abläuft.

Anwesend sind normalerweise der Geschäftsführer höchstpersönlich, meist sein Assistent (der sich aber im Hintergrund hält und eigentlich nie etwas sagt), jemand aus der Personalabteilung (der sich für gewöhnlich auch aus dem eigentlichen Gespräch heraushält und nur für Formalitäten zuständig ist), ich natürlich und der Bewerber selbst.

Carsten eröffnet das Gespräch mit der Vorstellung aller Anwesenden, fragt den Bewerber, ob er etwas trinken möchte, fragt ihn, ob die Anreise gut verlaufen ist, und etwas allgemeines Blabla, um dem Bewerber die Anspannung und Nervosität zu nehmen.
Dann fragt er den Bewerber, nach seiner Vorgeschichte, warum er gerade hier arbeiten will, und was ihn speziell für die ausgeschriebene Position qualifiziert. Vielleicht noch ein paar ähnliche Fragen.
Der Bewerber erhält ausreichend Zeit, sich zu äußern. Ggf. werden noch ein paar Zwischenfragen gestellt.
Auch der Bewerber bekommt Gelegenheit, Fragen zu stellen (was aber nur wenige nutzen).

Wenn sich der Bewerber nicht bereits eindeutig disqualifiziert hat, stellt Carsten ihm eine völlig unspezifische und ganz allgemeine Fachfrage, beispielsweise: „Erzählen Sie meiner Frau doch ein paar Punkte, die Sie bei der Administration eines Windows-Servers beachten müssen.“
Ich setze mein blondestes, lernbegieriges Lächeln auf, und ermutige den Bewerber zu beginnen.
Die meisten fangen an, als würden sie einem Kind etwas erklären. Ich lasse sie eine Zeitlang gewähren, bis ich irgendwann eine ganz konkrete Zwischenfrage stelle.
Es ist immer wieder amüsant, das Gesicht eines Bewerbers zu sehen, wenn ihm klar wird, dass er es nicht mit einem unwissenden Dummchen zu tun hat.
Aber die Reaktion lässt gewisse Rückschlüsse zu. Schließlich wollen wir auch wissen, wie ein Bewerber sich in unerwarteten Situationen oder unter Stress verhält.

Wenn Antwort und Reaktion akzeptabel waren, stelle ich noch eine Frage, die im weitesten Sinn mit Computer-Hardware oder -Peripherie zu tun hat, manchmal auch mit Datenschutz.
Ein CIO braucht sich nicht in sämtlichen Details auszukennen. Deshalb ist es gar nicht so wichtig, was er ursprünglich einmal gemacht hat. Von Bedeutung ist allerdings ein gewisser Überblick über die IT-Landschaft. In dem Job braucht er normalerweise kaum Einzelheiten zu kennen. Dafür hat er ja seine Mitarbeiter. Aber er muss deren Fähigkeiten abschätzen können, und sich nicht durch ein paar Buzzwords blenden lassen – was aber nur geht, wenn er selbst genügend Hintergrundwissen hat. Er muss auch über gewisse Führungsqualitäten verfügen, sonst tanzen ihm seine Subordinates auf der Nase herum.
In einem doch eher kurzen Vorstellungsgespräch ist es gar nicht so einfach, all diese Fähigkeiten zu beurteilen.

Falls sich der Bewerber bisher ganz passabel geschlagen hat, frage ich ihn noch zum Abschluss, wie er die Umstellung auf IPv6 angehen würde, was das erste große Projekt ist, das der neue CIO (nach angemessener Einarbeitungszeit) durchführen muss.

Um Carsten Rückmeldung über meine Einschätzung zu geben, genügt im Allgemeinen ein Blick. Er übernimmt dann wieder das Gespräch. Falls er noch interessiert ist, fragt er nach der Gehaltsvorstellung und dem frühesten Eintrittstermin. Ansonsten wickelt die Personalabteilung den Rest ab.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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22 Antworten zu Fünfhundertfünfunddreißig

  1. schaum schreibt:

    da befindet ihr euch wohl im ganz normalen rahmen……gut so

    es schäumt hoffentlichbalderfolgreich

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    • breakpoint schreibt:

      Ja, nichts Außergewöhnliches, von unserem kleinen Test mal abgesehen. ;D
      Aber in anderen Unternehmen denken sie sich ganz andere Gemeinheiten aus.

      Ich hoffe auch, dass wir nicht mehr allzu oft solche Gespräche werden führen müssen.

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      • schaum schreibt:

        auch die spielereien sind nicht ungewöhnlich, wenn auch bei euch mit einer interessanten note….

        es schäumt vielerfolg

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      • DerMaskierte schreibt:

        Der Test ist nicht außergewöhnlich. Ich erwarte bei solchen Erläuterungen sogar, dass mir die Sachverhalte in einfach verständlichen Worten übermittelt werden, so dass ich auch ohne potentielle Vorbildung eine Vorstellung entwickeln kann. Das ist sogar – insbesondere für einen CIO – eine wichtige Qualität, denn er muss ja ggf. seine Entscheidungen vor fachfremden Personen verteidigen.

        Wenn dann durch eine Rückfrage klar wird, dass das Gegenüber im Thema ist, kann man ja immer noch das Niveau anheben.

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        • breakpoint schreibt:

          Da hast du ganz recht.

          Was mich ein bisschen verwundert, ist, dass keiner der Bewerber einmal auf die Idee kommt oder sich traut, zu fragen, von welchem Vorwissen er denn ausgehen darf.
          Eigentlich sollte es selbstverständlich sein – zumal für eine Führungskraft – erst einmal die Voraussetzungen abzuchecken, bevor man sich äußert, statt einfach drauflos zu reden.

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          • DerMaskierte schreibt:

            Ich kann verstehen, wenn man das nicht tut. Ein etwas launiger Mensch könnte das ja auch als Unhöflichkeit oder Arroganz werten. Stattdessen etwas erstmal einfach zu erklären und dann je nach Reaktion das Niveau anzuheben, ist die psychologisch geschicktere Variante.

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            • breakpoint schreibt:

              Es scheint nicht so, als ob unsere Bewerber die von dir beschriebene Strategie verfolgen. Dafür sind sie meist zu überrascht (ist immer wieder lustig :)) ), verlieren teilweise fast die Fassung oder sind gar beleidigt.

              Wir würden uns halt einen Bewerber wünschen (ob wir den kriegen ist die zweite Frage), der von vornherein alle Unklarheiten beseitigen will, und auch die Courage besitzt, das zu äußern.
              Was sollte das mit Unhöflichkeit und Arroganz zu tun haben?
              Wer sich solche Rückfragen nicht traut, passt nicht auf diese Position.

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  2. Schnarchnase schreibt:

    Ich finde auch, dies ist ein ganz „normales“ Bewerbungsgespräch. Der Test ist auch absolut im Rahmen.

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  3. Betriebswirt-ZRH schreibt:

    …. ersten Gepräch und gleich vier Personen (der Arbeitgeberseite) anwesend…?? Da würde ich persönlich sagen: „Meine Damen, meine Herren, es hat mich gefreut“. Ein erstes Gespräch, wo sich alle Beteiligten wohl fühlen, sollte mit max. zwei Person der Arbeitgeberseite stattfinden. Bei einem zweiten Gespräch kann man das Ganze ja dann erweitern… :-).

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    • Betriebswirt-ZRH schreibt:

      Ich hoffe, dass ich die Kritik so anbringen kann 🙂

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    • breakpoint schreibt:

      Ich sehe durchaus eine gewissen Punkt in deinem Kommentar.

      Allerdings läuft die Sache ja nicht so ab, um den Bewerber einzuschüchtern oder ins Kreuzverhör zu nehmen, sondern weil alle Anwesenden notwendig sind.
      OK, auf den Assistenten könnte man verzichten. Aber der ist ohnehin nur Beobachter und hält sich abseits.
      Den Personaler könnte man eventuell erst später dazurufen, was den Ablauf aber verkomplizieren und verzögern würde. Häufig fallen auch zwischendurch entsprechende Fragen an, die nur so sofort geklärt werden können.

      Außerdem bin ich der Ansicht, dass ein Mann, der Führungsverantwortung übernehmen will, das grundsätzlich aushalten können muss.

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  4. breakpoint schreibt:

    FünfhundertsiebenundsechzigEndlich, endlich, endlich haben wir einen neuen CIO!

    Das heißt, anfangen wird er hier voraussichtlich erst im April, aber zumindest ist ein Ende meiner Interimstätigkeit abzusehen.
    Den Vertrag hat er bereits unterschrieben und seine derzeitige Stel…

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  5. breakpoint schreibt:

    SechshundertsiebenundsiebzigDie Entwicklungsabteilung sucht derzeit einen Elektroingenieur für die Elektronikentwicklung.
    Grundsätzlich würden wir einem Berufseinsteiger eine Chance geben, wobei sich die Frage stellt, ob ein Bachelor für diese Stelle ausreichend ist. Da habe ich…

    Gefällt mir

  6. breakpoint schreibt:

    NeunhundertsiebenundneunzigZu meinem Blogeintrag #WasAndersWäre habe ich hinter den Kulissen einiges Feedback bekommen. Das veranlasst mich, hier in einem Nachtrag noch einiges zu ergänzen und klarzustellen.

    Auf die Frage „Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beei…

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