Vierhundertsechsundsiebzig

Die Hochzeit rückt immer näher. Ich habe mir sagen lassen, es sei ganz normal, kurz vorher noch kalte Füße zu bekommen.
Aber mir geht es irgendwie gegenteilig. Ich war mir ja nie ganz sicher, ob es wirklich richtig ist, mich für den Rest meines Lebens zu binden. Carsten ist ein toller, wunderbarer Mann (sonst wäre ich ja auch gar nicht mit ihm zusammen). An ihm liegen meine Zweifel nicht. Eher schon an mir selbst. Denn schließlich weiß ich doch nicht, was in ein paar Jahren ist, ob wir uns dann immer noch so gut verstehen, und ob ich auf Dauer die Monoandrie durchhalte.
Wie auch immer, ich stelle fest, dass meine Zweifel allmählich einer Zuversicht weichen – einer ganz bestimmt irrationalen Zuversicht. Aber ich vertraue jetzt einfach mal auf die Zukunft. Die Hochzeit jetzt noch platzen zu lassen, wäre ja auch irgendwie schäbig.

Wir saßen gestern abend noch einmal zusammen auf dem Sofa, und gingen ein paar Punkte der Planung durch. Ich saß um π/2 gegen die Sofasitzflächennormale gedreht, und hatte meine Beine über seine gelegt, so dass er unmittelbaren Zugriff und Gelegenheit hatte, meine Beine zu streicheln, was er auch ausgiebig tat. Irgendwie kamen wir dann noch auf unsere Vergangenheit zu sprechen.

„So ziemlich deine letzte Chance“, meinte Carsten, „wenn du noch etwas zu beichten hast.“
„Oder du!“, konterte ich schnell.
„Wenn du willst, zähle ich dir sämtliche Frauen auf, mit denen ich jemals intim war. Die Liste ist noch einigermaßen überschaubar.“
„Nein, nein! Das ist nicht nötig.“
„OK. Wie du willst. Und was ist mit dir?“
„Du weißt ja, dass ich nicht das keusche Mädchen war, für das mich meine Eltern immer noch halten.“
„Ist mir klar. Aber damit hast du ja abgeschlossen, oder?“
„Ein keusches Mädchen bin ich nicht mehr.“
„Das beantwortet meine Frage nicht. Aber ich hatte sie schließlich auch nicht eindeutig formuliert. Was ich konkret wissen will, ist, ob du dich – seit wir uns kennen – mit deinen sexuellen Aktivitäten auf mich beschränkt hast.“
„Du meinst, seit wir zusammen sind?“, korrigierte ich schnell, denn in der Zeit dazwischen gab es schon ein paar.
„Ja, seit wir zusammen sind“, bestätigte er scharf, „also?“
„Damals im Winter habe ich mich ein bisschen abzulenken versucht. Das hatte ich dir aber bereits gesagt.“
„OK. Dafür gibt es ja die Amnestie. Gibt es sonst noch irgendetwas, das ich wissen sollte?“
„Im Laufe meines Lebens sind so viele Banalitäten geschehen. Da könnte ich stundenlang irgendwelches bedeutungsloses Zeugs erzählen.“
„Ich meine nichts, das im Grundrauschen der Belanglosigkeiten untergeht, sondern etwas, das vielleicht Auswirkungen auf unsere Beziehung haben könnte.“

Ich überlegte, ob ich ihm von Magnus erzählen sollte. Aber der ist weit weg in Göteborg und hat AFAIK nichts mehr mit Carsten zu tun. Schlafende Hunde soll man nicht wecken.
Ich überlegte auch, ob ich ihm vom Blog erzählen solle, entschied aber, dass es sich als Belanglosigkeit interpretieren ließ – sorry.
Vielleicht hätte ich es tun sollen. Vielleicht sollte ich auch das Blog löschen oder zumindest einschlafen lassen.
Falls ich nach der Hochzeitsreise nichts mehr von mir hören lassen sollte, dann wisst ihr, warum.

Also verneinte ich seine Frage: „Da fällt mir jetzt nichts ein.“
„Ich vertraue mal darauf, dass du ein gutes Gedächtnis hast, und auch Amnestie nicht mit Amnesie verwechselst.“
„Warum bist du so misstrauisch? Ich habe dir nie wissentlich die Unwahrheit gesagt.“
„Ich weiß“, gab Carsten zu, „ich kenne aber auch deine quantenphysikalische Auslegung der Wahrheit, inklusive Unschärferelation.“
„Und was ist falsch daran?“
„Gar nichts, Samtpfötchen. Ich möchte unsere Ehe nur nicht mit irgendwelchen Geheimnissen beginnen, die sie vielleicht einmal belasten könnten.“

„Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, Liebster.“ Ich setzte mich rittlings auf seinen Schoß (hätte ich besser schon früher machen sollen, um die Unterredung zu abzukürzen – ein Stuhl wäre allerdings praktischer gewesen als das Sofa). „Ich bin ganz brav und treu geworden, und halte mich an die Ausschließlichkeitsvereinbarung“, säuselte ich ihm ins Ohr. Ob ich das natürlich auch in Zukunft halten kann, falls irgendwann größere Versuchungen auftauchen sollten, kann ich nicht mit Sicherheit wissen.
Ich rutschte näher an ihn heran, so dass er die Hände um meine Taille legen konnte. Dann zog ich mein Top aus. Er ließ seine Hände nach oben zu meinen Brüsten wandern und drückte sein Gesicht in meinen Busen. Ich strich ihm über den Kopf.
Ach, den Rest überlasse ich eurer Phantasie.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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29 Antworten zu Vierhundertsechsundsiebzig

  1. plietschejung schreibt:

    Es hinterlässt einen Beigeschmack bei mir, aber ich verstehe deine Position. Ich bewerte sie nicht. Ist deins.

    Manchmal ist es besser, die Schnute zu halten. Es würde nichts verbessern zu beichten. Es ist nicht relevant.

    Viel Glück euch beiden.

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  2. ednong schreibt:

    Hm,
    also wenn π der Kreis einmal rum ist, würde vermuten, du hast falsch rum auf dem Sofa gesessen und meinst wohl eher π/4. Denn ich denke, du hast um 90 Grad gedreht auf dem Sofa gesessen. Oder sehe ich das falsch (ich kenn ja dein Sofa und deine Sitzgewohnheiten nicht)?

    Geheimnisse – tja, sind wohl unausweichlich, auch in einer Ehe. Sollte man wohl beiderseits so akzeptieren. Klar, wissen möchte man eigentlich immer alles – geht aber nicht immer, ist nicht immer sinnvoll. Ich würde auch sagen: belaß es so wie es ist. Erklären kann man später immer noch. Und du hast ja die bekannte Unschärferelation als Bonus.

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    • breakpoint schreibt:

      Welchen Umfang hat denn ein Einheitskreis (Kreis mit Radius 1)?
      Das weißt du. Und dann kommst du auch von alleine drauf, dass π nur 180° entspricht.
      Alles klar?

      Ich würde das (in unscharfer Tradition) jetzt nicht als „Geheimnisse“ bezeichnen.
      Wenn ich einen Vorteil darin sehen würde, würde ich es ihm schon sagen.
      Aber ich will ja selbst auch gar nicht alles wissen, was er vielleicht irgendwann einmal gemacht hat.

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      • ednong schreibt:

        Arrghhh, ja 2R, hat mir schon damals immer Fehler produziert. Obwohl man ja natürlich auch die Sitzflächennormale definieren müßte …

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        • breakpoint schreibt:

          Die Sofasitzflächennormale soll ich definieren? Du stellst ja wieder mal Ansprüche.

          Wir betrachten die Sofasitzfläche als näherungsweise horizontale Ebene.
          Die Verzerrung der Metrik durch den Druck meines Körpergewichts vernachlässigen wir.
          Auf einer Teilfläche des Sitzes hat das Sofa Kontakt mit meinem Gesäß.
          Wir betrachten jetzt einen Punkt etwa in der Mitte (bitte lass mich das nicht genauer spezifizieren) dieser Fläche, und errichten dort die Flächennormale.
          Das ist die Drehachse.

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  3. ednong schreibt:

    Und du würdest mehrere Frauen neben dir akzeptieren nach der Hochzeit?

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    • breakpoint schreibt:

      Das steht überhaupt nicht zur Debatte.
      Er hat immer auf die Ausschließlichkeit bestanden, und er hat auch gar keine Zeit für andere Frauen. Ich laste ihn schon genug aus.

      Wenn er andere Frauen hätte, stünde mir selbstverständlich auch das Recht auf andere Männer zu.

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      • ednong schreibt:

        Ähm, doch. Durch deine Äußerung der Monoandrie. Denn die schränkt ja nur dich ein, nicht ihn. Für ihn wären gleichzeitig mehrere Frauen möglich/denkbar.

        Und nein, dir stünde dann – zumindest nicht aufgrund dieses Begriff – das Recht auf andere Männer zu.

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        • breakpoint schreibt:

          Ich hatte in diesem Eintrag keinerlei Aussage über sein entsprechendes Verhalten getroffen.
          Wir waren uns aber einig gewesen, dass ich nach der Hochzeit seine einzige Geliebte bleibe.

          Jedenfalls halte ich mir nur solange an die Ausschließlichkeitsklausel, wie er das auch tut.

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  4. remi1 schreibt:

    Aber vergiss es, dass du nicht über die Hochzeit bloggst… Jetzt habe ich solange mit gelesen.. Und hoffe sehr, dass ich lesen kann, wie es einer Frau beim Heiraten ergangen ist, die eigentlich auch so gar keinen Wert darauf legt..

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  5. Murgs schreibt:

    Vielleicht tue ich Dir Unrecht, 😉 aber ich hatte Dich für seriell monoandrisch gehalten.
    Ehemalige Liebhaber/ Freunde / Mitbewohner etc.: Das ist vorbei.
    Das Ist summarisch einfach nur Dein Vorleben und Deine Erinnerungen. Das geht Deinen Ehemann zunächst nichts an, aber Du kannst von Dir aus darüber sprechen, wenn Du willst. Ich würde aber das auch anonymisiert tun, denn auch die damaligen Partner haben ein eigenes Leben, das keinen Dritten etwas angeht.

    Wenn Magnus (eben auch zufällig noch mal auftauchend) Auswirkungen auf Dein weiteres Leben hätte, dann solltest Du das erwähnen – aber der Zeitpunkt ist egal – von wegen „Letzte Möglichkeit zum Beichten“.

    Der Blog ist Teil Deiner persönlichen Sphäre, auch wenn ich mich über die Entwicklung manchmal gewundert habe, so ist es doch mehr als nur ein Protokoll. Du wirst es auch in Zukunft brauchen und für Deine Beziehung mit Carsten ist es im Kern belanglos – für Dich selbst aber nicht.

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    • breakpoint schreibt:

      „seriell monoandrisch“
      Die meiste Zeit wohl schon, aber eher aus Mangel an Gelegenheit/Versuchung, denn aus Veranlagung.

      „für [..] gehalten“
      Eigentlich dachte ich, dass du das ganze Blog gelesen hast.

      Mitbewohner hatte ich früher übrigens nie.

      Was vor seiner Zeit war, ist wirklich passé. Soweit sind wir uns einig.
      Aber da gibt es halt eine Grauzone.
      Z.B. Magnus, den er kannte. Aber da die beiden damals nicht miteinander ins Geschäft gekommen sind, ist dieser ONS wohl absolut irrelevant. – Ich hoffe, dass das so bleibt.

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      • Murgs schreibt:

        Ja, ich habe alles gelesen, aber nicht jedes Detail gespeichert. Du hattest schon angedeutet, daß Deine Wünsche nicht alle erfüllt wurden, da kam die harte Wirklichkeit dazwischen. 😉

        „Mitbewohner“ war eher als ein Synonym für Bekannte ohne eindringlichere Beziehung zu verstehen.

        Laß Carsten über Grauzonen im Dunkeln. Unnötige Beichten tun auch ihm nur weh und sind zu gar nichts gut.
        Solange er in Eurer Ehe Deiner sicher ist stimmt alles – je weniger er an Dir zweifelt, desto besser.

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        • breakpoint schreibt:

          Ich weiß, worauf du hinauswillst, ich hatte das allerdings etwas anders gemeint.

          Meine Wünsche werden durchaus alle erfüllt, nur einen Dreier kann ich vergessen, ist aber eh nicht so toll, wie man sich das vorstellen würde.

          „ohne eindringlichere Beziehung“
          Bei einer nur oberflächlichen Beziehung gäbe es doch gar kein Problem.

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  6. mkuh schreibt:

    Hallo
    vielleicht ein Blog Neuanfang mit seinen wissen machen
    nur diesen Blog nicht erwähnen 😉
    viele Grüße

    Mkuh

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    • breakpoint schreibt:

      Ich glaube nicht, dass das viel bringen würde.
      Zum einen würde ich sicherlich gelegentlich auf dieses Blog verlinken wollen (und wenn ich es nicht machen würde, dann würden bestimmt Kommentare meiner Leser früher oder später den Weg weisen).
      Zum anderen, wäre das Themenspektrum dadurch schon sehr eingeschränkt. Das würde mich auf Dauer nicht reizen.

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  7. Pingback: breakpoint’s Wayback Archive #24 //1803 | breakpoint

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