Dreihundertdreiunddreißig

Schon wieder hat mich Kathrin angerufen. Diesmal aber privat von zuhause aus.

Sie druckste herum: „Du, ich habe mir das nochmal überlegt, was du gesagt hast. Nämlich, dass du es dir nicht antun willst, wieder mit ihm zusammen zu gehen. Du hast natürlich recht. Es tut mir leid, dass ich so egoistisch war, und das von dir verlangt habe.“
„Hm“, sagte ich nur, ihre Aussage zur Kenntnis nehmend.

Alles wäre in Ordnung gewesen, wenn sie jetzt das Gespräch beendet hätte. Aber sie fuhr fort:
„Weißt du – jetzt kann ich es dir ja sagen – ich habe nie verstanden, wieso du ausgerechnet mit so einem herrschsüchtigen und rücksichtslosen Mann zusammen warst.“
Hatte sie mich etwa angerufen, um über ihren Chef herzuziehen? Aber ohne mich!
„Ich will nicht darüber reden.“
Als hätte sie mich nicht gehört, sprach sie weiter: „Und wenn ich mir vorstelle – na, du weißt schon – das muss ja furchtbar und widerwärtig mit ihm gewesen sein. Das heißt – er ist ja auch schon älter – lief da überhaupt noch was?“

Nur in Erinnerung an gemeinsame Kindheits- und Jugenderlebnisse verzieh ich ihr. Wir müssen damals noch viel gemeinsam gehabt haben, wovon aber offenbar kaum noch etwas übrig ist.
„Ich werde sicher nicht das Sexualleben deines Chefs mit dir diskutieren.“
Ganz egal, was ich sonst von ihm halte, beim Sex war er immer erstklassig. Aber das werde ich keinesfalls Kathrin auf die Nase binden.

Sie nahm meine Äußerung wohl als Bestätigung ihrer Worte, denn sie meinte: „Ach, ich verstehe schon, dass du darüber nicht reden willst. Weißt du ..“
Es folgte eine ziemlich detaillierte Schilderung, wie glücklich sie doch diesbezüglich mit ihrem Johnny sei. Aber weder interessiert mich das, noch will ich es hier widergeben.
Ich gratulierte ihr – mein Sarkasmus blieb ihr verborgen – zur Standhaftigkeit und Leistungsbereitschaft ihres Johnnys (soll sie sich ruhig einbilden, drei- oder viermal pro Woche wären oft).

Es fiel mir zunehmend schwer, ihre Schwärmerei zu ertragen. Ich hatte sie nicht danach gefragt, und auch gemeinsame Jugendstreiche geben ihr nicht das Recht, mich damit vollzuspammen.
Dann fiel ihr etwas Neues ein (ich glaube nicht, dass sie mich deshalb angerufen hat – das war schon eine spontane Idee): „Du, weißt du was, Johnny hat einen Kollegen. Der ist auch allein. Der ist ganz nett. Soll ich euch mal miteinander bekannt machen?“
Ich bin viel zu gutmütig. Ich hätte das Gespräch längst abbrechen sollen.
„Gib dir keine Mühe, mich zu verkuppeln.“
„Ach, das macht kaum Mühe. Ich weiß zufällig, dass dieser Kollege eine Freundin sucht. Und du bist ja auch allein. Ich könnte ihn anrufen, damit ihr euch treffen könnt.“
„Nein, ich habe kein Interesse.“
„Aber er ist wirklich nett und sieht auch ganz gut aus.“
„Kathrin, hör auf damit. Ich will das nicht.“
Sie war einen Augenblick still. Dann: „Bist du etwa gern allein? Ein netter, einfühlsamer Mann täte dir aber gut.“
Meine Geduld war jetzt überstrapaziert und ich fuhr sie an: „Lass mich mit netten, einfühlsamen Männern in Ruhe! Hör einfach auf!“

„Es tut mir leid“, stammelte sie leise, „ich wusste nicht, dass er dich so sehr traumatisiert hat.“
Ich schloss meine Augen, atmete tief durch, und zählte innerlich die ersten zehn chemischen Elemente auf.
Dann hatte ich mich wieder so weit gefangen, dass ich ihr freundlich für ihren Anruf danken und noch einen schönen Sonntag wünschen konnte.
Bevor sie noch Gelegenheit hatte etwas zu erwidern, legte ich schnell auf.

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Über breakpoint AKA Anne Nühm

Die Programmierschlampe.
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16 Antworten zu Dreihundertdreiunddreißig

  1. WWWTYREL schreibt:

    Hat Deine Cousine überhaupt nur irgendein Wort von Dir wirklich wahrgenommen? Ich hab zwar auch immer für mein Leben gern Menschen miteinander verkuppelt, aber keine Wildfremden, sondern da muss schon was vorhanden sein. Und wenn der Kollege denn *ach-so-nett* ist, hat er ja eh keine Chance mehr als ein ONS bei Dir zu sein. Aber nachher hast Du den dann an der Backe kleben wie Pattex und wirst ihn nicht mehr los.

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    • breakpoint schreibt:

      Wenn Kathrin einen Mann schon als nett bezeichnet, dann ist der mit Sicherheit eine ziemliche Trantüte und Sub-ONS-Niveau.
      Nee, ich lasse mich gewiss nicht von ihr verkuppeln.
      Das hat sie vermutlich inzwischen schon selbst eingesehen.

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  2. ednong schreibt:

    Ich überlege auch gerade, ob sie angerufen hat, um ihren Redeschwall loszuwerden oder ob sie ein Gespräch mit dir führen wollte. Letzteres scheint ja irgendwie an ihrem nicht-aktivem Zuhören gescheitert zu sein.

    Oh man, du bist zu bedauern 😉 Aber immerhin ist dadurch ein Post rausgesprungen …

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  3. Moody schreibt:

    Das ist genau der Grund, warum ich mir gern die Freiheit herausnehme, unfreundlich und direkt zu sein, denn auf so ein Gespräch kann ich gern verzichten. Vielleicht solltest Du ihr demnächst mal ne SMS schicken, in der Du ihr nochmal schreibst, dass Du kein Gespräch über Carsten führen möchtest und Du Dir lieber einen Mann aussuchst.

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  4. gelschter User schreibt:

    Hi du liebe,

    diese Frau würde mich total auf die Palme bringen,
    und ich muss zugeben, dass es mir, seit dem ich
    alleine bin, wesentlich besser geht, als mit einem Mann.
    Nicht nur Stimmungsmäßig, sondern auch körperlich, und
    ich denke, du bist sehr wohl in der Lage, dir selbst
    einen Mann auszusuchen, wenn du es denn möchtest.

    LG an dich
    Conchi

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    • breakpoint schreibt:

      Hi Conchi,

      ja, mich nervt das auch.
      Allerdings habe ich ein eher phlegmatisches uns abwartendes Naturell (naja, meistens), und zusammen mit Kathrin habe ich auch einige Schandtaten auf dem Kerbholz, so dass ich mich zu sehr darüber aufrege.

      lg breakpoint

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  5. Kummerkasten-Sisa schreibt:

    Du, ich hab da nen netten Freund! Der ist echt sympathisch und so… :)) 😛 :))

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  6. Pingback: Die Einladung //1497 | breakpoint

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