Zweihundertsechsundneunzig

Als Kathrin am Nachmittag anrief, schwante mir nichts Gutes.
Sie heulte hysterisch ins Telefon und es dauerte einige Zeit, bis ich verstand, was sie sagte.
Anscheinend hatte ihr ein anderer Mitarbeiter einen Klaps auf den Po gegeben.
„Na, und“, sagte ich.
Sie schluchzte weiter, dass sie gesagt hätte, er solle das lassen. Darauf habe er gemeint, sie solle sich nicht so anstellen, es sei doch nichts passiert.
Ich wusste immer noch nicht, auf was sie hinauswollte. Vielleicht hat sie sich das auch nur eingebildet und ist in Wirklichkeit nur an einem Büromöbelstück hängengeblieben. Und selbst wenn nicht, ist das nun wirklich kein Drama.
Sie sollte das lieber als Kompliment nehmen. Männer meinen das doch nie böse, sondern drücken so nur ihre Anerkennung aus.

Sie erzählte weiter, dass zufällig Carsten gerade aus seinem Büro kam (warum musste er die Geschäftsreise auch auf nächste Woche verschieben!) und fragte, was los sei.
Als sie losheulte, bat er sie in sein Büro. Kathrin muss ihm dann alles brühwarm erzählt haben. Auch, dass sie manchmal gehört hätte, wie bestimmte Mitarbeiter anzügliche Bemerkungen über mich gemacht hätten. Natürlich machen sie das. Alles andere wäre wenig schmeichelhaft für mich. Aber warum musste Kathrin das Carsten erzählen?
„Du hast ihm das erzählt?“, rief ich entsetzt, „wie hat er reagiert?“
Unter mehreren Schluchzern erklärte sie, dass er den CIO sofort zu sich ins Büro bestellt hätte, weil das alles IT-Mitarbeiter gewesen wären.
Mir ging es jetzt nur noch um Schadensbegrenzung. „Stell mich sofort zu ihm durch. Ich muss auf der Stelle mit ihm telefonieren.“
Er habe sämtliche Störungen verboten, meinte sie immer noch heulend.
Ich legte auf und versuchte es auf seiner privaten Handynummer. Aber das hatte er ausgeschaltet. Ich überlegte, ob ich schnell mit dem Taxi hinfahren sollte, verwarf das dann aber. Wahrscheinlich war es eh schon zu spät. Mir blieb nichts anderes übrig, als zu warten, bis er selbst zu mir kommen würde.

Ich weiß gar nicht, wie ich die nächsten zwei Stunden herumgebracht habe. Endlich kam Carsten. Seine Augen waren eiskalt: „Setz dich. Ich habe mit dir zu reden. Deine Cousine hat dich bereits informiert, um was es geht.“
„Ich weiß gar nicht, was die ganze Aufregung soll“, begann ich, aber er unterbrach mich sofort.
„Ich dulde in meiner Firma keine sexuelle Belästigung. ..“
Ich fiel ihm ins Wort: „Kathrin ist doch gar nichts passiert. Sie bauscht das nur auf.“
„Ich rede nicht von Kathrin, sondern von dir!“, erwiderte er scharf.
„Wen soll ich bitte belästigt haben?“ Ich versuchte zu retten, was eventuell noch zu retten war, und griff nach einem Strohhalm.
„Du weißt genau, was ich meine. Ich bin nicht blind und taub. Ich wusste schon, dass du einen recht lockeren Umgang mit meinen ITlern pflegst, aber das ganze Ausmaß hat mich denn doch überrascht.“
„Ich fühle mich aber nicht belästigt.“
„Das ist egal. Hör jetzt einfach nur zu. Ich habe mit dem CIO gesprochen. Entweder hat er seine Leute nicht im Griff oder er hängt selbst mit drin. Auf jeden Fall ist morgen früh eine außerplanmäßige IT-Besprechung ..“
„Ach, da muss ich aber umdisponieren. Ich ..“
„Zu dir komme ich noch. Der CIO wird das Thema hoffentlich in angemessener Form abhandeln. Ich werde das kontrollieren. Einigen Mitarbeitern werde ich wohl eine Abmahnung aussprechen. Und die IT-Weihnachtsfeier ist außerdem gecancelt.“ Zu der Weihnachtsfeier hatte ich auch eine Einladung erhalten und ich hatte bereits zugesagt.
Carsten fuhr fort: „So, und jetzt zu dir. Du wirst in Zukunft das Firmengebäude nicht mehr betreten, es sei denn, ich fordere dich ausdrücklich dazu auf.“
Im ersten Moment war ich sprachlos.
Dann wurde mir die ganze Bedeutung seiner Ausführungen bewusst und ich spürte eine cholerische Anwandlung in mir. Nur mir Mühe behielt ich die Contenance.
„Ich werde in Zukunft auch dein Haus nicht mehr betreten,“ sagte ich kalt, „und du bist in meiner Wohnung nicht mehr willkommen.“ Ich hatte in dem Moment ganz vergessen, dass es jetzt eigentlich seine Wohnung war.
Damit schien er nicht gerechnet zu haben. „Das hat nichts mit unserer Beziehung zu tun“, meinte er.
„Ich sagte: Du bist nicht mehr willkommen!“, wiederholte ich.
„Samtpfötchen ..! Anny ..!“, versuchte er es noch einmal, doch ich schwieg und wandte mich ab.
Wortlos verließ er die Wohnung.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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10 Antworten zu Zweihundertsechsundneunzig

  1. ednong schreibt:

    Also wenn das jetzt hier kein „Just for Fun“-Blog ist, sondern wahr – ähm, dann steckst du irgendwie in der Klemme.

    Einerseits verstehe ich ihn – er muß sexuelle Belästigungen ahnden, sofern er davon erfährt. Sonst hat er Probleme.

    Allerdings: wenn diejenige Person, von der er meint, dass sie nun sexuell belästigt wurde, es nicht als solche empfindet – dann hat er nichts zu ahnden.

    In Bezug auf dich dürfte er sich eher verletzt fühlen. Da muß er vielleicht ein wenig umdenken. Du solltest auch ein wenig einlenken – wenn deine bisherigen Posts dein Denken diesbezüglich wiedergeben ist das halt ein wenig schwierig. Denn wie sollen die armen Männer wissen, ob sie dieses oder jenes riskieren können, ohne eine Abmahnung zu kassieren? Du findest es charmant, deine Cousine bricht fast zusammen.

    Wobei ich sagen muß (als Mann): ein Klaps auf den Po gehört sich nicht. Zumindest nicht im beruflichen Umfeld. Andere Dinge können halt immer grenzwertig sein. Und du provozierst gerne (nett gemeint) 😉

    Ich denke, er hat ein wenig zu stark reagiert und in Bezug auf dich hat ihn eher sein Stolz reagieren lassen. Vielleicht kühlt er sich noch mal ab und du ein wenig – und dann überlegt ihr gemeinsam, wie ihr das händeln könnt. Wo du ggf. ein wenig Rücksicht nimmst (fällt dir bestimmt leicht 😉 ) und er akzeptiert, dass du ein frei entscheidender Mensch bist und ggf. andere Ansichten hast als er.

    Ich wünsche dennoch ein angenehmes WE.

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  2. Lahti schreibt:

    Meint er etwa das du andere belästigst?

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  3. vires schreibt:

    Ich finde, dass du dich ziemlich ignorant und egoistisch gegenüber Kathrin verhalten hast. Jeder legt seine Intimzone anders fest. Und nur weil dir das gelegentliche Angrapschen egal ist, heißt das nicht automatisch, dass das bei jeder Frau aktzeptiert wird.
    Der körperliche Kontakt gerade in diese Richtung, sollte immer auf beider Seiten Zustimmung beruhen.

    Den Teil bezgl. dir und Carsten lasse ich hier außen vor.

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  4. bLOND schreibt:

    Bin ich jetzt eigentlich blond?
    Was hast du getan oder wieso ist er so krass sauer auf dich?

    Nur weil anzügliche Bemerkungen kommen? Ok – mit attraktiven Frauen wird halt auch mal mehr geshakert als mit anderen. Und bei aufreizenden Frauen ja gleich dreimal…

    Oder ging da mehr mit dem CIO oder den IT-MA?
    Ich blicks nicht…

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  5. breakpoint schreibt:

    @ednong
    „Fun“ geht anders.

    @Lahti
    Nein, das hatte ich nur gesagt, um Zeit zu gewinnen.

    @vires
    Kathrin hat keinerlei Schaden genommen.
    Sie war schon immer sehr theatralisch.

    @bLOND
    Er war nicht sauer auf mich (zumindest nicht direkt, zumindest nicht sehr), sondern auf die Situation, die IT-ler und vermutlich auch Kathrin.
    Dass ich nicht mehr zu seiner Firma darf, ist keine Strafe, sondern eine Gegenmaßnahme, damit ich nur ja nicht mehr mit den IT-lern (mit denen BTW nichts lief, was mit nennenswertem Körperkontakt einhergeht) zusammentreffe.

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  6. breakpoint schreibt:

    DreihundertdreiundsiebzigUnsere Vereinbarungen sehen u.a. eine Reduzierung von Carsten’s Arbeitszeit vor.
    Und zwar (mittl. Wochenarbeitszeit/h) März: 60, April: 55, Mai: 50, Juni: 45, ab Juli: 40.
    Bei Wochen mit Feiertagen oder sonstigen Besonderheiten werden wir jeweils ein…

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