Zweihunderteinundzwanzig

Wir richteten es so ein, dass wir gegen halb zwölf vor dem Haus meiner Eltern ankamen.
Carsten hatte unterwegs noch Blumen für meine Mutter besorgt, nachdem ich ihm bestätigt hatte, dass ich selbst zwar keine Blumen mag, meine Mutter sich aber darüber freuen würde.

Sabine ließ uns an der Tür herein. Ihr Bauch war beim besten Willen nicht zu übersehen. Sie und Carsten begrüßten sich wie alte Freunde. Dann meinte sie an mich gewandt: „Na also, ich hatte doch recht. Und du hast gedacht, du könntest mich austricksen.“
Ich würdigte das keiner Antwort, sondern ging weiter ins Haus, um meiner Mutter zu gratulieren und das Geschenk (eine Knüpfpackung) zu überreichen.
Außer meinen Eltern und Sabine war noch deren Familie da. Für das nachmittägliche Kaffeetrinken wurden noch ein paar Onkel, Tanten und Freunde erwartet.
Es war mir schon etwas unangenehm, Carsten allen vorzustellen, aber irgendwie brachte ich es hinter mich.

Sabine und ich wurden gebeten, meiner Mutter noch in der Küche zu helfen. Nur beiläufig bekam ich mit, dass mein Vater mit Carsten in einem anderen Raum verschwand.
Ich rührte eine Dessertcreme als Nachtisch an (so ziemlich das einzige, was ich zustandebringe. Deshalb habe ich so eine Creme auch schon desöfteren als vollständiges Mittagessen zweckentfremdet).

Vor dem Essen hatte ich noch wenige Minuten Gelegenheit, mit Carsten zu sprechen. Ich fragte ihn, was mein Vater von ihm gewollt hätte.
Carsten antwortete, offensichtlich ziemlich amüsiert: „Zuerst wollte er wissen, welche Absichten ich dir bezüglich hätte. Ich antwortete, dass ich dich gerne heiraten würde, aber du dich noch ein bisschen zierst. Daraufhin meinte er, du hättest schon immer deinen eigenen Kopf gehabt, und ich müsse halt Geduld haben.
Dann fragte er mich, ob ich überhaupt eine Familie ernähren könne. Ich bin mir aber nicht sicher, ob ihn meine Antwort zufriedenstellte.
Schließlich erklärte er mir, dass du zwar so spröde wirkst, aber in Wirklichkeit doch noch sein kleines, sensibles Mädchen bist, um das er sich sehr sorgt. Und ich solle gefälligst behutsam mit dir umgehen. Ich sagte, das könne ich gut verstehen, da ich ja selbst zwei erwachsene Töchter hätte, und versprach ihm das.“
Ich hatte die ganze Zeit schweigend und mit zunehmender Verärgerung zugehört, weil sie so über meinen Kopf hinweg über mich verhandelt hatten.

Ich kam nicht mehr dazu, meinem Unmut Luft zu machen, weil wir jetzt zum Essen gerufen wurden.
Die Atmosphäre war anfangs etwas gezwungen, lockerte aber dann auf. Ich beteiligte mich jedoch kaum an der Unterhaltung, weil der Ärger immer noch an mir nagte.

Nach dem Essen verließen Carsten und ich vorerst das Haus und fuhren ein Stück weg. Offiziell natürlich, weil ich ihm die Gegend zeigen wollte. Inoffiziell dagegen hatte ich es sehr nötig, mich abzureagieren. 😉

Wir waren pünktlich zum Kaffee wieder zurück. Die anderen Gäste waren bereits eingetroffen. Kathrin’s Eltern waren nicht dabei. Meine Mutter legt wohl keinen großen Wert auf die Anwesenheit ihrer Schwägerin.
Ich musste noch kurz auf die Toilette. Als ich zurück ins Wohnzimmer kam, saß Carsten neben Sabine auf der Couch, und sie zeigte ihm ihren Bauch und ließ ihn seine Hand darauflegen. Thorsten saß mit finsterem Gesicht daneben.
Ich ließ mich irgendwie zwischen Carsten und Sabine plumpsen und meinte an Carsten gewandt: „Na, bereitest du dich schon darauf vor, Opa zu werden?“
„Das steht noch überhaupt nicht zur Diskussion.“ Touché! Ich hatte den wunden Punkt getroffen.
„Ist dein Schwiegersohn da der gleichen Meinung?“, bohrte ich nach.
„Fiona will erst ihr Studium beenden“, erwiderte Carsten, offenbar ärgerlich.
„Naja“, hakte ich nach, „ohne effektive Gegenmaßnahmen wird das einfach passieren.“ Dann fiel mir ein, wo ich war und wer mir zuhörte, und ich fügte schnell hinzu: „Das nehme ich zumindest an.“
Sabine saß daneben wie ein lebendiges Fragezeichen, und ich musste ihr erklären, dass Carsten’s Tochter vor zwei Wochen geheiratet hätte, und die zwei Flitterwöchner derzeit noch auf einer Kreuzfahrt seien.
Währenddessen lobte Carsten die Schokoladentorte über den grünen Klee (vor allem Ablenkungsmanöver, wenn mich jemand fragt) und forderte mich auf, mir unbedingt das Rezept geben zu lassen. Meine Mutter hatte natürlich nichts eiligeres zu tun, als sofort in die Küche zu rennen und das Rezept aufzuschreiben. Dabei hatte ich selbst kein Wort deswegen verloren.

Nach dem Kaffee gaben Heidi und Robin keine Ruhe, bis Carsten und ich mit ihnen kamen, um uns irgendein neues Spiel zu zeigen. Sabine’s Familie wohnt ja nur ein paar hundert Meter entfernt. Notgedrungen gingen wir mit, wobei ich den Eindruck hatte, dass das Carsten gar nicht so unrecht war. Dort blieben wir bis zum Abendessen.

Dieses nahmen wir dann wieder in meinem Elternhaus ein.
Ausführlichst unterhielten wir uns unter anderem über den Urlaub von Sabine und ihrer Familie im Schwarzwald, Onkel Heinz‘ Gallenblasenoperation, die geplante Hausrenovierung der Nachbarn, die Finanzkrise, und so weiter. (Falls das irgendjemanden näher interessiert, schreibe ich das das nächste Mal detaillierter auf.)

Ich erwähnte beiläufig, dass ich Kathrin gelegentlich träfe und sie einen neuen Job hätte. Bevor ich das noch näher erläutern konnte (wie es tatsächlich meine Absicht gewesen war, ehrlich!), unterbrach mich Sabine: „Oh ja, ich habe erst kürzlich mit ihr telefoniert. Der Job gefällt ihr ja ganz gut, nur ihr Chef muss ziemlich streng und ungeduldig sein.“
Ich konnte mir kaum ein Lachen verkneifen. Endlich einmal eine Situation, die nicht für mich peinlich war! Kathrin schien sich ja anscheinend an die Vereinbarung gehalten zu haben, nichts von meinem Verhältnis mit Carsten auszuplaudern. Dass sie jedoch stattdessen über ihren Chef herzog, fand ich schon illoyal.
Genüsslich warf ich ein: „Zufällig kenne ich ihren Chef ziemlich gut ..“
Carsten fiel mir ins Wort: „Und ich kenne ihn wohl noch besser. Der kann schon manchmal ein rechtes Ekel sein.“
„Ach, nur selten“, korrigierte ich, „meistens ist er .. ganz in Ordnung.“
Wir klärten die Angelegenheit dann lachend auf, und Sabine beeilte sich, zu erklären, dass Kathrin das keinesfalls so deutlich am Telefon gesagt hätte, sondern dass sie selbst das nur so aus deren Worten herauszulesen geglaubt habe.

Ich war erleichtert, als wir nach dem Essen endlich aufbrachen und wieder zurück fuhren.
Wir ließen den Abend mal wieder im Whirlpool, den wir in letzter Zeit nur selten benutzt haben, ausklingen.

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Über breakpoint AKA Anne Nühm

Die Programmierschlampe.
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2 Antworten zu Zweihunderteinundzwanzig

  1. Lahit schreibt:

    Oh je, wie alt sind denn deine Eltern? Das ist wirklich peinlich.

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  2. breakpoint schreibt:

    In den Sechzigern und nie aus ihrem Provinznest rausgekommen.

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