Zweihundertelf

Die Hochzeitsfeier ist vorbei, und ich scheine sie unbeschadet überstanden zu haben.

Wie wir es abgesprochen hatten, wartete ich auf einer Bank neben der Ausgangstür der Kirche. Carsten kam gleich nach dem Brautpaar. Ich stand auf und ging mit ihm hinaus. Er lächelte erfreut, als er mich sah. Falls er sich über das Tuning meines Kleides ärgerte, verlor er zumindest den ganzen Tag lang kein Wort darüber.
Carsten sah wieder mal großartig aus und stellte alle anderen Männer in den Schatten. Insbesondere der Bräutigam sah in seinem weißen (!) Anzug dagegen blass aus. Warum darf Carsten das, und ich muss das Aschenputtel spielen?

Die Hochzeitsgesellschaft brauchte für die fünf Kilometer zum Restaurant über eine halbe Stunde. Bis alle Gäste in einem Auto Platz genommen hatten, dauerte es eben seine Zeit. Verena fuhr noch bei Carsten und mir mit. Das Brautpaar dagegen wurde von Sven’s Bruder in einem geschmückten Leihwagen kutschiert und fuhr voraus.

Im Schlösschen war schon alles bereit und die Tische gedeckt, so dass es kaum weitere Verzögerungen gab, bis das festliche Mittagessen begann.
Nach dem zweiten Gang, hielt Carsten es für angebracht, seine Rede zu halten.

Er ist wirklich ein begnadeter Redner! Er begann mit einer Anektote aus Fiona’s Kindheit, fügte weitere humorvolle Anmerkungen hinzu, schloss schließlich mit seinen Glückwünschen an das Hochzeitspaar, und erntete dafür einen kräftigen Beifall.
Leider fühlte sich Sven’s Vater dadurch bemüßigt, ebenfalls eine Rede zu halten. Ich kann nicht mehr reproduzieren, was er da zusammenstammelte, ich weiß nur noch dass er seine Rede sinngemäß damit beendete, dass das junge Paar „mit Gottes Hilfe fruchtbar sein und sich mehren solle“.
Carsten hörte mit versteinertem Gesicht zu. Diese Aussicht behagt ihm gar nicht.
Applaus erhielt Sven’s Vater vor allem von seiner eigenen Sippe (die mich BTW an eine Horde Hobbits erinnert), worauf er sämtliche Anwesende aufforderte, sich zu erheben und zu Ehren des Hochzeitspaares ein Vater unser zu beten.
Ich warf Carsten einen Blick zu. Er schien ebenso wenig begeistert zu sein wie ich, stand aber auf. Das tat ich dann nolens volens auch, blieb aber – genau wie Carsten – stumm.

Um drei Uhr hatten Fiona und Sven einen Termin beim Fotografen. Die Gäste hatten solange Zeit und Gelegenheit für Spaziergänge oder Plaudereien.
Carsten und ich nutzten die Gelegenheit, uns für eine Stunde in sein Haus zurückzuziehen ;-). Ich hatte fast befürchtet, Verena würde ebenfalls mitkommen, aber sie zog es wohl vor, sich mit ihren Verwandten zu unterhalten.

Das Kuchen- und Tortenbuffett war ein Traum! Ich Naschkatze ärgerte mich nur ein bisschen, weil ich mich bereits beim Mittagessen so voll gegessen hatte.

Nach dem Kaffee fand der Tanz statt, der vom Hochzeitspaar eröffnet wurde.
Carsten blieb dabei, nicht tanzen zu wollen. So tanzte ich zuerst mit Georg, Sonja’s Mann, dann mit Norbert, Carsten’s Bruder.
Später tanzte ich sogar mit Ingrid’s Bruder Paul. Überraschenderweise verstand ich mich auf Anhieb sehr gut mit ihm. Er sagte mir, dass weder er noch seine Eltern irgendeinen Groll gegen mich oder Carsten hegten. Für seine Eltern sei es zwar hart, Carsten mit einer anderen Frau zu sehen, aber sie seien ja alle vernünftige Leute. Er selbst gratulierte dann noch Carsten zu seinem guten Geschmack.
Einmal tanzte ich auch mit Lukas. Er hielt mich wesentlich enger als nötig gewesen wäre, aber ich verhielt mich ganz als Dame (ein Lob wäre hier gerechtfertigt) und tat so, als bemerkte ich es nicht.

Beim Abendessen war ich dann immer noch so satt, dass ich nicht mehr viel essen konnte. Dieses Schicksal teilte ich aber mit vielen der Anwesenden.

Bevor das abendliche Unterhaltungsprogramm starten sollte, sollte Fiona den Brautstrauß werfen. Sonja versammelte dazu die unverheirateten Frauen und jungen Mädchen vor dem großen Tisch, an dem Fiona saß. Außer Verena waren das noch drei Frauen aus der Sven-Sippe.
Sonja gab mir ein Zeichen, dass ich auch kommen solle. Ich schüttelte den Kopf. Carsten, der neben mir saß, gab mir eine Stups: „Nun geh schon!“
Ungern stand ich auf und ging vor zu den anderen Frauen. Fiona drehte sich um und warf den Strauß über ihre Schulter.
Ich stand etwas abseits und irgendein blöder Reflex ließ mich den Strauß, der ausgerechnet in meine Richtung flog, fangen. Verdammt! Ich bin sicher, dass Sonja da irgendetwas gedreht hat. Vielleicht sogar Carsten selbst. Ich weiß nur nicht, wie.
Carsten grinste mich an, als ich mit dem Strauß zurück an meinen Platz kam, sagte aber zu seinem Glück nichts. Sonst hätte er sich sicherlich auf eine gesalzene und gepfefferte Antwort gefasst machen müssen.
Wenigstens glaube ich gar nicht an den ganzen Zinnober. Weil ich keine Lust hatte, den Strauß in Papier, Plastik, Pflanzenteile und Blumendraht zu zerlegen, habe ich ihn vorhin wie er war in den Restmüll geschmissen.

Das Unterhaltungsprogramm gefiel mir nicht sonderlich. Der Sven-Clan schien aber begeistert zu sein. Karaoke fand jetzt doch nicht statt, was ich wohl noch mehr als Fiona bedauerte.

Kurz nach zehn war Carsten dann endlich bereit, mit mir nach Hause zu fahren. Mittlerweile waren viele Gäste, die noch eine längere Heimreise hatten, aufgebrochen. Verena schloss sich uns an, und so überließen wir Fiona ihrem weiteren Schicksal (welche Art Smiley wäre hier wohl angebracht?).

Jetzt am Morgen danach sind Fiona und Sven bereits unterwegs nach Rom. Ich habe sie heute nicht mehr gesehen.
Eigentlich hätte es auch gereicht, wenn sie erst am Dienstag geflogen wären. Aber ich habe es so organisiert, dass sie dort noch ein paar Tage verbringen können (nicht ganz uneigennützig, wie ich zugebe).

Verena fährt heute nachmittag wieder weg, und dann kehrt hier endlich wieder Routine ein. 🙂 😉

Und zur Feier des Tages lade ich alle Stammleser und Kommentatoren zu einem virtuellen Stück Torte ein (nur solange Vorrat reicht)!

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Über breakpoint AKA Anne Nühm

Die Programmierschlampe.
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9 Antworten zu Zweihundertelf

  1. Gustav0 schreibt:

    Was für Kuchen gibts denn?

    Klingt doch nach Familienfeier ganz gut über die Bühne gebracht.

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  2. ednong schreibt:

    Kuchen ist immer gut – leider virtuell irgendwie nicht so lecker wie real 😉

    Bei der Hochzeit mit Carsten wäre ich ja gerne dabei …

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  3. breakpoint schreibt:

    @Gustav0

    Meine Lieblingssorten sind leider schon aufgegessen. Es gibt noch Schokosahne, Obstboden (mit Kiwi, Pfirsich, Kirsche, Ananas), Obstboden (nur mit Erdbeeren) und Zitronensahne.

    Tja, das Essen war erstklassig. Die Gesellschaft wäre auch OK gewesen, wenn der Bräutigam und seine Verwandtschaft nicht da gewesen wären.

    @ednong

    Leider ist das Beamen noch nicht erfunden (die Chancen dafür stehen m.E. schlecht), sonst könntest du dich ja an realem Kuchen erfreuen. So musst du dich mit dem virtuellen begnügen. Lecker ist er aber schon.

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  4. breakpoint schreibt:

    SiebenhundertzweiundfünfzigIngrid’s Vater ist gestern gestorben.

    Ich habe ihn nur ein einziges Mal gesehen, nämlich bei Fiona’s Hochzeit, und AFAIR kein einziges Wort mit ihm gewechselt.
    Damals schien er gesundheitlich fit für sein Alter. Vor ein paar Wochen hatte er dann ei…

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  5. Pingback: Zum Glück verterminiert //1536 | breakpoint

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  8. wollesgeraffel schreibt:

    Deine Rückblicke lese ich gerne. Es ist immer spannend, weil man ja viel vergißt. Aber das ist ja wohl der Sinn Deines virtuellen Tagebuchs, sich erinnern.

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