Zweihundertfünf

Die letzten Planungen für die Hochzeit stehen an.
Deshalb waren Sonja und die Hochzeitsplanerin heute hier bei Carsten und saßen um den Couchtisch herum. Aus purer Neugierde (ja, ja, ich geb es zu) hatte ich mich dazu gesellt.

Die Hochzeitsfeier soll in einem kleinen Schlösschen (nur fünf oder sechs Kilometer von hier entfernt), das auf solche Events spezialisiert ist, stattfinden. Bei schönem Wetter feiern wir draußen im Park.

Zunächst ging es um die Sitzordnung. Carsten hatte sie bereits dreimal komplett umgeschmissen. Zuerst, weil ich irgendwo weit ab vom Schuss platziert worden war, das zweite Mal, weil ich zwar neben ihm, aber auch neben Ingrid’s Eltern sitzen sollte, und das dritte Mal, weil der Pfarrer (Sven’s Eltern hatten darauf bestanden, ihn einzuladen) in unserer Nähe platziert worden war. Der vierte Versuch fand dann schließlich doch noch Carsten’s Gnade.
Die Sitzordnung ist auch deshalb so schwierig, weil Sven (aufgrund von etlichen Geschwistern, Onkeln und Tanten) viel mehr Verwandte hat als Fiona. Während Fiona noch nicht einmal auf 15 Gäste kommt, sind es bei Sven 50 bis 60. Das führt natürlich zu einer ziemlichen Asymmetrie.

Der nächste Punkt war das Essen. Mittags soll es ein Viergängemenü, zum Kaffee und zum Abendsessen jeweils ein reichhaltiges Büffet geben, was mir ganz recht ist. Die Hochzeitsplanerin fragte, ob die Brautleute ein spezielles aphrodisierendes Menü mit Vanille, Sellerie, Austern, Liebstöckel, usw. bekommen sollen.
Meiner Meinung nach haben sie das durchaus nötig, denn wie kann man sonst ein Dreivierteljahr verlobt sein, ohne Sex zu haben? Ich finde es nach wie vor unverantwortlich, zu heiraten ohne das vorher auszutesten. Wo andere Männer eine Libido haben, hat Sven wohl ein Vakuum.
Ich behielt meine Meinung jedoch ausnahmsweise für mich.
Als die Plannerin noch Details mit Sonja durchging, meinte Carsten leise zu mir: „Da muss ich aber aufpassen, dass du nicht aus Versehen was von dem Menü erwischt!“
„Meinst du wirklich, irgendein additiver Effekt würde bei mir noch einen Unterschied machen?“, raunte ich ebenso leise zurück, „bei meinem Level ist das doch vernachlässigbar.“
Carsten lachte. Sonja und die Planerin hatten anscheinend nichts von unserer Unterhaltung mitbekommen, da sie angeregt weiter die Menüfolge diskutierten.

Ein anderer Punkt war der geplante Hochzeitstanz. Fiona und Sven sollten ihn eröffnen. Soweit war alles klar.
Dann jedoch schlug die Planerin vor, dass Carsten zusammen mit Sven’s Mutter und Sven’s Vater mit – ja vermutlich – Sonja ebenfalls am Tanz teilnehmen sollten. Carsten lehnte das kategorisch ab: „Ich werde nicht tanzen. Und mit dieser Frau schon gleich gar nicht!“
Die Planerin nahm sofort den Vorschlag zurück, doch ich mischte mich ein: „Ich würde eigentlich ganz gerne mit dir tanzen.“
„Dann machen wir das ein andermal, wenn wir unter uns sind“, erwiderte Carsten, „und bei der Hochzeit wirst du schon einen anderen Tanzpartner finden.“
Damit gab ich mich zufrieden.

Abends wollen die Brautleute einen Alleinunterhalter mit Animationsprogramm. Naja, mein Geschmack wäre das nicht.
Zusätzlich möchte Fiona noch Karaoke, und diese Idee gefällt mir ganz gut.
„Fein“, sagte ich leise zu Carsten, „dann können wir ja zusammen ‚Summer Wine‘ singen.“
Carsten hatte gerade von seinem Kaffee getrunken und verschluckte sich prompt. Dann meinte er: „Für eine Hochzeit ist das wohl keine so günstige Wahl.“
Das konnte ich nachvollziehen. „OK. Also stattdessen eben ‚Je t’aime .. moi non plus‘.“
Carsten runzelte verärgert die Stirn. Wahrscheinlich habe ich den Bogen mal wieder überspannt.
„Nein! Ganz sicher nicht!“, antwortete er kurz.
„Dann eben nicht“, antwortete ich schulterzuckend, „aber ich würde bestimmt eine gute Performance bieten.“
„Daran habe ich nicht den geringsten Zweifel.
Wir brauchen hier übrigens deine Hilfe nicht. Wolltest du nicht noch dein Repository sichern?“ – Hah, er will mich wohl loswerden!
„Ach, das ist nicht so dringend. Ich halte es für viel wichtiger, mich hier zu informieren und Erfahrungen zu sammeln, nur für den Fall, dass ich vielleicht selbst einmal heirate.“ Dabei strahlte ich ihn treuherzig an. Meine Rechnung ging auf. Er versuchte nicht mehr, mich loszuwerden.

Von den restlichen Punkten habe ich nicht mehr viel in Erinnerung. Es ging wohl noch um den Weg von der Kirche zur Lokalität, wie die Gäste auf den Autokorso verteilt werden sollen, die Fotosession, und ähnliche für mich uninteressante Themen.

Nachdem Sonja und die Planerin endlich gegangen waren, meinte Carsten: „Du hast es mal wieder geschafft!“

To be continued. Fortsetzung folgt, aber ich muss mir jetzt erst mal was zu essen suchen und außerdem ist der Eintrag für heute lang genug geworden.

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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11 Antworten zu Zweihundertfünf

  1. engywuck schreibt:

    Austern werden überbewertet. Ich hab‘ auch schon n Dutzend und mehr runtergewürgt (so ab der zehnten hat man sich dran gewöhnt…), aber keine Effekte feststellen können. Nein, ich hab’s auch nicht *deswegen* gegessen, sondern weil’s mir aufgedrängt wurde. Und immer noch besser als lebende (Meeres-)Schnecken, die die Alternative gewesen wären…

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    • breakpoint schreibt:

      Was hast du denn für einen konkreten Effekt erwartet? Und was hättest du getan, wenn diese Wirkung eingetreten wäre?

      Dieses aphrodisierende Menü sollte vermutlich eher ein Gag sein.
      Inwieweit übliche Nahrungsmittel tatsächlich eine derartige Wirkung haben können, weiß ich nicht.
      Ich habe jedenfalls noch keine rein nahrungsmittelinduzierte nachweisbare Steigerung der Libido erlebt.

      Mohn- oder Nussschnecken sind lecker!

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      • Murgs schreibt:

        Da ist auch nicht viel zu erwarten.
        Aphrodisierende Wirkung (wie soll man das messen?) konnte noch nie in Studien nachgewiesen werden.

        Ich denke bei vielen Nahrungsmitteln ist da eher der optische Reiz gefragt und da ist eine von ihr lasziv gelutschte Banane wirkungsvoller als eine glitschige Auster.
        Vanille hatte ich noch nicht auf der Liste, ist aber als Bestandteil der Nachspeise nicht zu verachten. Da kämen mir auch wieder Ideen zur temporären Körperbemalung. :))

        Mmmm – Nußschnecken.
        Meeresfrüchte haben bei mir nur aus Schokolade eine Chance.

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        • breakpoint schreibt:

          Eine Messung der aphrodisierenden Wirkung könnte evtll. über die Humidität möglich sein. Wobei es natürlich schwierig sein dürfte, andere Faktoren auszuschließen, bzw. angemessen zu berücksichtigen.

          Was ist mit Kräutern wie Liebstöckel? Aber das wirkt wohl eher auf die Potenz (wie der Name schon sagt), wenn überhaupt.

          Bananen lutschen? Das gibt nur einen unappetitlichen Matsch, weil sie weder schmelzen (wie Eis) noch sich auflösen (wie Lollis).
          Stattdessen werden sie wohl langsam durch Speichelenzyme zersetzt, und nach Druck verfärben sie sich schnell braun. Nicht unbedingt appetitlich.
          Bananen müssen daher schon recht flott verspeist werden. Das kann auch ohne zu lutschen anregend sein.

          Diese belgische Meeresfrüchte mit Nougatfüllung sind in der Tat nicht zu verachten.

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  2. Murgs schreibt:

    Es gibt statistische Methoden in der Psychologie, die eine (z.B. anregende) Wirkung quantifizieren, aber sobald die (messbare) sexuelle Erregung ins Spiel kommt, werden die vorangehenden Anregungsstufen vollkommen überspielt.
    Um es klar auszudrücken: auch Viagra & Co. haben keine erregende Wirkung!
    SKAT-Spritzen sind auch nur eine chemische Prothese für fehlende Nervenfunktion!
    Erregung läuft über das Nervensystem und da sind die minimal-optimalen Reize individuell verschieden.
    Potenz ist die (männliche) Fähigkeit auf Erregung zu reagieren, auch nicht zu verwechseln mit Zeugungsfähigkeit.
    Liebstöckel (auch Maggikraut genannt) und Sellerie sind zwar würzig, aber machen in dieser Hinsicht nicht „scharf“. 😉

    Bei Frauen ist das Thema wissenschaftlich betrachtet sehr umstritten. Viagra etc. wirkt nicht (bzw. nur bei Lungenproblemen). Die sexuelle Erlebnisfähigkeit kann in Falle von Hormonmangel (Testosteron!) eingeschränkt sein und kann dann ersetzt werden. Moralisch/medizinische Bedenken haben aber zur Einstellung der weiteren Forschung geführt.

    Ich war noch am überlegen, warum mir das mit den Bananen in den Sinn kam – da hat Dein Ebook in meinem Gehirn einen Querverweis hinterlassen 🙂

    Orale Zuführung von Süßigkeiten läßt Frauen dahinschmelzen ….

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    • breakpoint schreibt:

      Messungen wären vermutlich auch mit funktioneller Kernspintomographie (fMR) möglich.

      Vielleicht sollten wir streng trennen zwischen
      * Libido, Trieb, Lust, Erregung, „das Wollen“ (Männer oder Frauen)
      * Potenz, „das Können“ (nur Männer – deine Definition lässt die Art der Reaktion völlig außer acht, nämlich eine hinreichend starke und anhaltende Erektion zu bekommen.)

      Bei den genannten Punkten spielen Hormone wie Testosteron oder Oxytozin eine große Rolle. Aber damit bin ich auch schon an den Grenzen meiner Kenntnisse als interessierter Laie.

      Sildenafil o.ä. (AmBn) wirkt AFAIK gezielt auf die Durchblutung in gewissen Bereichen.
      Die potenzsteigernde Wirkung war ja bei der Entwicklung gar nicht beabsichtigt, sondern eher eine Nebenwirkung.

      Aber jetzt sind wir thematisch bei den Arzneimitteln gelandet. Lebensmittel haben also keine nachweisbare Wirkung.

      Bananen schätze ich wegen des mild-fruchtigen Geschmacks, des hohen Magnesium-Gehalts, sowie Form und Größe.

      Schokolade schätze ich wegen des süßen Geschmacks, der zartschmelzenden Konsistenz und des Anteils an Phenylethylamin.

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      • Murgs schreibt:

        MRT ist für die Verfolgung physiologische Vorgänge sicher geeignet. Ich frage da mal einen Spezialisten der früher als Physiker mit der Weiterentwicklung dieser Technik beschäftigt war und heute an einer Technischen Hochschule arbeitet (deren Name Widerstand erwarten läßt). 😉

        Natürlich gibt es Stoffe, die das Sexualverhalten verändern oder regulieren, aber die Wirkung ist relativ begrenzt und zudem mit nicht unerheblichen Nebenwirkungen versehen. Vor allem: Wie und in welche Richtung soll das „Wollen“ beeinflußt werden?

        Einfachstes Mittel: Alkohol! Er enthemmt und trübt das Urteilsvermögen. Es ist im Prinzip kein Problem jemanden, egal ob männlich oder weiblich, im Suff flachzulegen.
        Schön! Ziel erreicht! Aber der Morgen danach? Oft gar nicht lustig!
        Die Frage, ob Aphrodisiakum oder Vergewaltigungsdroge stellt sich automatisch.
        Also was soll eigentlich erreicht werden?

        Bei Sildenafil (demnächst endet der Patentschutz!) und anderen die Erektion verbessernden Mitteln, darf auch die Frage erlaubt sein, ob das allein „Potenz“ ausmacht?

        Lebensmittel haben keine Wirkung, außer als Nahrung zu dienen, denn sonst wären sie per Definition Arzneimittel. 🙂

        Magnesium ist immer gut bei schweißtreibenden Tätigkeiten aller Art 😉

        And ja, Schokolade kann auch stimulierend wirken … und auch Glücksgefühle erzeugen 🙂

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        • breakpoint schreibt:

          KO-Tropfen oder dgl. habe ich jetzt gar nicht in Erwägung gezogen.
          Es sollten doch schon sämtliche Beteiligte ihren Spaß haben.

          Bei Sildenafil muss AFAIK zusätzlich noch eine Reizung (welche auch immer) hinzukommen. Das Medikament allein reicht nicht aus.

          Was macht Potenz aus? Tja, wenn die Erektion erst da ist, schaffen die meisten Männer auch noch den Rest. ;D

          „Lebensmittel haben keine Wirkung, außer als Nahrung zu dienen, denn sonst wären sie per Definition Arzneimittel.“
          Interessante, sehr wichtige Definition.
          Aber was ist dann z.B. mit Kräutertees? Wir hatten ja kürzlich mal beim Maskierten über entwässernde/harntreibende Tees diskutiert.
          Evtll. hätte eine leichte harnblasenreizende Wirkung auch einen Effekt (vgl. spanische Fliege).

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  3. engywuck schreibt:

    was mir grad beim wiederhören des genannten Liedes „summer wine“ auffällt, das Du mit Carsten zusammen singen wolltest:
    du wolltest dich also als Frau darstellen, die einen Mann wegen seines Reichtums betrunken macht und dann ausraubt? Interessante Sichtweise, die du da zeigst 🙂

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    • breakpoint schreibt:

      Das wäre überinterpretiert.
      Die Idee kam mir damals ganz spontan.

      Wenn ich als Kind das Lied gehört habe, verstand ich den Text noch gar nicht. Nur die Message der Verführung kam rüber. Und mit solcher Assoziation ist es auch in meinem Hirn abgespeichert.

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  4. Pingback: breakpoint’s Wayback Archive #10 //1659 | breakpoint

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