Zweihundertvier

Carsten kam deutlich früher heim als gewöhnlich. Er hatte eine Flasche Sekt dabei, die er erst mal in den Kühlschrank stellte.

„Gibt es was zu feiern?“, fragte ich verwundert. Es ist zwar heute Verena’s 21. Geburtstag, aber die ist ja nicht hier bei uns.
„Sag bloß, du hast vergessen, dass wir uns heute genau seit einem Jahr kennen?“
„Es war mir nicht so recht bewusst. Wir hatten ja auch keinen so tollen Start. Du warst der typische arrogante Chef und wolltest mich am liebsten gleich wieder loswerden“, erinnerte ich mich.
„Ach, ich hatte wegen Verena’s Geburtstag nur schlechte Laune.“
„Heute hat sie auch Geburtstag, aber du scheinst trotzdem blendend gelaunt zu sein.“
Er fasste mich um die Taille und schwenkte mich herum: „Jetzt habe ich ja auch dich als meinen Jungbrunnen.“
„Der Brunnen müsste mal wieder genutzt werden“, meinte ich anzüglich, „danach ist dann auch der Sekt kalt.“
„Das ist nicht nur Sekt, sondern echter Champagner.“
„Rechtfertigt der möglicherweise bessere Geschmack den Preisunterschied? Ich glaube kaum.“
„Einmal im Jahr ist es mir das schon wert. Sieh es einfach als Symbol meiner Wertschätzung für dich.“

Ich war noch nicht ganz mit der Arbeit fertig und committete zumindest noch vorher die Änderungen, die ich in meinen Dateien gemacht hatte.

Der Champagner war zwar gut, aber so viel besser als der Sekt aus dem Supermarkt jetzt auch nicht.
„Wenn man bedenkt“, meinte Carsten, „dass Sven und Fiona sich erst seit einem dreiviertel Jahr kennen, und nächste Woche schon heiraten, verstehe ich nicht, warum du dich so sträubst.“
Das Thema schon wieder! „Hältst du Sven’s und Fiona’s Entscheidung für gut und ausgereift?“
„Nein, das wohl nicht“, musste er zugeben.
„Dann bring das auch nicht mehr als Argument!“
„Warum widerstrebt es dir so sehr, mich zu heiraten?“ Er wollte eine Antwort.
„Es widerspricht einfach meiner Lebensplanung“, druckste ich herum.
„Ich hätte wirklich erwartet, da kommt ein besserer Grund. Und wie sieht deine Lebensplanung aus?“

Ich antwortete nicht, so dass Carsten fortfuhr, offenbar etwas ärgerlich: „Soviel arbeiten, dass es für ein komfortables Leben reicht? Hier mal eine Affäre? Dort mal ein One-Night-Stand? Ist das deine Lebensplanung?“
Mir war es unbehaglich. Schließlich gab ich zu: „Ja, so ähnlich wohl. So ungefähr. Ein Ehemann kommt zumindest in keinem der Szenarien vor.“
„Und in welchem Szenarium befinde ich mich dann? Eine etwas längere Affäre? Oder was?“
Er war wirklich ziemlich aufgebracht und ich stand mit dem Rücken an der Wand. „Nein, natürlich nicht!“ Es fiel mir schwer, mich zu äußern. Dann allerdings fiel mir ein, dass wir die ganze Zeit nur von mir sprachen. Ich drehte den Spieß um und ging in die Offensive: „Und was ist mit dir? Für dich war immer einzig und allein dein Unternehmen wichtig. Deine Frau hast du vernachlässigt und betrogen. Um deine Kinder hast du dich kaum gekümmert. Mir wird es auf jeden Fall nicht so gehen.“

Carsten atmete tief durch. „Du hast recht. Aber mit dir würde ich das besser machen.“
„Ha! Das glaubst du selbst nicht! Ich kann mich vielleicht eine Zeitlang mit der Rolle der vernachlässigten Geliebten arrangieren, aber sicherlich nicht mit der Rolle einer vernachlässigten Ehefrau. Lass es uns einfach dabei belassen, wie es ist. Es ist doch gut so.“
„Aber wie lange?“, fragte er etwas resigniert.
„Solange wie wir das beide wollen. Und daran würde auch keine Urkunde und kein Ring etwas ändern“, antwortete ich ihm und stellte ihm dann meinerseits die Frage, warum ihm eine Ehe überhaupt so wichtig sei.

Er hatte anscheinend seinen Humor wieder gefunden, denn er meinte trocken: „Oh, dann könnte ich dich ganz legal als meine Sex-Sklavin halten.“
„Haha. Sehr witzig,“ entgegnete ich ironisch, „aber ich glaube nicht, dass in diesem Kontext noch eine Steigerung möglich wäre. Der limitierende Faktor ist doch eher deine Zeit.“
„Im Ernst, wir könnten dann vielleicht endlich auf diese Kondomfummelei verzichten. Ich verstehe dein System – mal mit, mal ohne – sowieso nicht.“ (Das muss er auch nicht verstehen. Hauptsache, es funktioniert.)
„Was hat das damit zu tun? Glaub nur ja nicht, dass ich sofort zum Muttertier mutieren würde, nur weil ich so einen Zettel unterschrieben habe.“
„Samtpfötchen, jetzt lass uns nicht streiten. Überleg es dir einfach noch mal.“
Ich antwortete nicht mehr. Das ganze Thema nervt mich einfach.

Nachdem wir die ganze Flasche Champagner getrunken haben, bleiben wir heute Nacht hier und fahren erst morgen früh zu Carsten’s Haus.
Ich lasse gerade noch den Batch-Job für meine tägliche Sicherung durchlaufen und habe währenddessen noch diesen Eintrag verfasst.
Heute war es sehr heiß. Da jedoch meine Fenster in Arbeits- und Schlafzimmer nach Norden gehen und ich die Rolladen im Wohnzimmer (Westen) heruntergelassen habe, ist es hier erträglich. Aber meinem Prozessor und den Platten tun diese Temperaturen gar nicht gut.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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5 Antworten zu Zweihundertvier

  1. ednong schreibt:

    Du bestehst aus Prozessor und Platten? 😀

    Dieses Thema ist herrlich. Vielleicht sollte ich einfach mal eine Wette abschließen auf den Hochzeits- oder Trennungstermin 😉 Ich kann ihn verstehen, dich allerdings genauso. Herrlich, diese Komödie.

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    • breakpoint schreibt:

      Natürlich meinte ich Prozessor und Festplatten meines Computers. Da machte sich wohl doch der Alkohol etwas bemerkbar.
      Naj, ich identifiziere mich schon ein bisschen mit meinem Rechner, und da er mir gehört, gehören seine Innereien auch mir.

      Wenn’s dich nur amüsiert … :-,
      Besser eine herrliche Komödie, als eine dämliche Tragödie.

      BTW, Glückwunsch zum 42. Kommentar. Aber irgendwie kann das die Antwort nicht sein.

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  2. breakpoint schreibt:

    VierhundertfünfundsiebzigLetztes Jahr hatte ich ja praktisch verpennt, dass wir uns damals genau ein, mittlerweile zwei Jahre vorher kennengelernt hatten. Das passiert mir heuer nicht.

    Ich habe ein Porträtfoto von mir in einen hübschen Rahmen getan, und werde ihm das nachhe…

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