Zweihunderteins

Alle Jahre wieder findet in unserer Region an einem Freitag Nachmittag eine größere Veranstaltung statt, in der Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zusammengebracht werden sollen.
Ich besuchte diese Veranstaltung gestern zum zweiten Mal. Auch Carsten hatte sich dafür Zeit genommen. Wir waren unabhängig voneinander hingegangen, taten uns dort aber natürlich doch zusammen.

Nach der Begrüßung und zwei Vorträgen gab es erst einmal eine Kaffeepause.
Carsten und ich standen zusammen an einem von diesen für meinen Geschmack viel zu niedrigen Stehtischen (wobei wir bei gut tausend Teilnehmern noch froh sein mussten, überhaupt Plätze ergattert zu haben), als ein früherer Bekannter auf mich zukam und mich überschwänglich begrüßte. Ich weiß nicht, was der sich dabei gedacht hatte, denn es war eigentlich offensichtlich, dass ich nicht alleine da war.

Irgendwie machte ich mich los. Es stellte sich heraus, dass er und Carsten sich bereits kannten, was meine Situation jedoch nicht verbesserte.
Carsten ließ sich nichts anmerken, aber ich war froh, dass die Pause bereits um war.

Es war ja nur eine Frage der Zeit gewesen, bis so etwas einmal passierte. Aber musste es ausgerechnet so kurz nach der Sache mit Frank sein? Und ausgerechnet, wenn Carsten ohnehin schlecht gelaunt war, weil zwei Mitarbeiter sich gezofft hatten und er dafür Zeit aufwenden musste?

Der Rest der Veranstaltung zog sich quälend lange hin und ich war in Versuchung, früher zu gehen, blieb dann jedoch trotzdem. Endlich brachen wir auf.
Wir mussten noch einen Abstecher zu meiner Wohnung machen, um eine Tasche und mein Notebook zu holen. Dann fuhren wir weiter Richtung Carsten’s Haus.

Dieser hatte die ganze Zeit nur das nötigste gesprochen. Jetzt ergriff er das Wort: „Wie oft muss ich noch damit rechnen, mit einem deiner früheren Liebhaber konfrontiert zu werden?“
Ich schwieg.
„Ich wusste, dass es einige waren. Aber so viele!“
„Du warst auch nicht gerade ein Musterknabe“, erwiderte ich trotzig.
„Bei mir waren es fünf oder sechs Frauen in über zwanzig Jahren. Aber bei dir reichen wohl zwanzig Männer in fünf Jahren nicht!“
Ich ließ die – eher konservative Schätzung – unkommentiert.
„Das ist nur ein gradueller Unterschied, kein grundsätzlicher“, verteidigte ich mich, „Und schließlich war ich Single, du aber verheiratet. Außerdem habe ich immer auf ein gewisses Niveau geachtet.“
„‚Gewisses Niveau‘? Was soll das bedeuten? Mindestens zwanzig Zentimeter?“

Solch ein Kriterium wäre zweifelsohne sehr wünschenswert, aber bedauerlicherweise von der relativen Häufigkeit her kaum realistisch. Es existiert ja keine Skalensymmetrie und nur eine recht schwache Korrelation zur Körpergröße. Eine verlässliche Statistik gibt es darüber meines Wissens nicht. Außer mir scheint sich niemand dafür zu interessieren. (Tatsächlich hatte ich mir irgendwann eine Art Index überlegt, war aber im Zweifel, ob der Durchmesser (bzw. der Umfang, da sich dieser i.A. leichter messen lässt, es sei denn, man hat gerade eine Schublehre zur Hand) linear oder quadratisch eingehen sollte. Als Kompromiss wählte ich dann die 1.5-te Potenz (was in diesem Falle rein mathematisch gemeint ist; die andere Bedeutung ist ohnehin ein sine-qua-non)).

Mir gefiel es nicht, wie er mich in die Ecke drängte. Ich musste unbedingt ablenken. „Ach, red keinen Unsinn! Wie hätte ich das vorher wissen sollen?“ Selbst wenn ich gefragt hätte, nirgends sind die Messfehler größer. Aber ich will hier gar keine Abhandlung über das Fehlerfortpflanzungsgesetz und Potenzprodukte schreiben.

Er schüttelte ärgerlich den Kopf. „Sag mir, wie hast du eigentlich dein Studium durchgestanden? Alleine unter so vielen Männern.“ Er war ziemlich aufgebracht, und fügte hinzu: „Vor allem ‚unter'“.
„Ich hätte mich nie nur auf Missionarstellung beschränkt!“, rutschte es mir heraus. Dann fuhr ich ruhiger fort: „Nein, im Ernst. Ich war damals noch nicht so drauf wie heute. Und wenn du es genau wissen willst: Ich war ein braves, ziemlich nerdiges Mädchen. Und meine Rocklänge hat weder Anstoß noch sonst irgendetwas erregt.“

Er starrte finster geradeaus.
„Ach Liebster“, begann ich wieder, „das ist doch alles Schnee von gestern. Ich kann die Vergangenheit nicht ungeschehen machen, aber glaub mir, dass das keine Auswirkungen auf unsere Beziehung hat.“
„Keine Auswirkungen? Dabei laufen mir ständig deine Liebhaber über den Weg.“
„Jetzt übertreibe bitte nicht“, versuchte ich zu deeskalieren.

Wir verbrachten den Rest der Fahrt schweigend. So lang war mir die Fahrt noch nie vorgekommen! Insgeheim nahm ich mir vor, es in Zukunft zu vermeiden, solche Veranstaltungen gemeinsam mit Carsten zu besuchen.

Nachdem wir später Stress abgebaut 😉 hatten, sah Carsten die Sache wieder etwas gelassener – schließlich war wirklich nichts bedeutendes geschehen – und meinte, das sei wohl der Preis dafür, mit mir zusammen zu sein.
Tja, ich habe nie behauptet, ich wäre billig zu haben.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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