Zweihundert

Mitten im Debuggen rief mich Kathrin an: „Ich soll dir sagen, da ist um 16 Uhr eine kleine Betriebsfeier. Die wurde kurzfristig anberaumt, weil irgendeine Behörde so ein Zulassungsverfahren genehmigt hat oder so. Und du sollst kommen.“

Was sollte das? Ich sitze hier doch nicht auf Abruf bereit und springe beim kleinsten Fingerschnipsen sofort los!

„Richte ihm aus, dass er mich selbst anrufen soll, wenn er Wert auf meine Anwesenheit legt.“
„Ach, komm doch bitte einfach“, stotterte Kathrin erschrocken, „ich kriege Ärger, wenn ich die Aufgabe nicht erfolgreich erledige.“ Das war schon genau Carsten’s Diktion. Wie schnell das abgefärbt hat!
„Das ist doch Unsinn. Du hast mich ja angerufen. Alles andere hast du nicht zu verantworten.“
„Er wird mir die Schuld geben.“
„Ach was. Er soll sich mit allem, was ihn stört, direkt an mich wenden.“
„Aber was soll ich machen, wenn er wütend auf mich ist?“

Meine Methoden in dieser Hinsicht sind nicht zur Nachahmung gedacht. Also antwortete ich ihr eher allgemein: „Ignorier das einfach und warte, bis er sich wieder beruhigt hat.“
„Warum kommst du nicht einfach?“

Mich nervte das Gespräch allmählich. Nicht genug damit, dass es mich mitten aus meinem Flow gerissen hatte, es wurde auch zunehmend albern und lächerlich.
„Richte ihm aus, was ich gesagt habe. Was soll dir schon passieren. Ich muss jetzt weiterarbeiten. Tschüss.“ Ich legte auf, bevor sie noch etwas erwidern konnte.

Etwa eine halbe Stunde später war Carsten selbst am Telefon. Er schien ärgerlich zu sein, aber das beeindruckte mich nicht.
„Muss ich dir eine Extraeinladung schicken, wenn ich deine Anwesenheit will?“
„Eine Einladung habe ich gar nicht bekommen, nur eine Order, gefälligst zu erscheinen“, erwiderte ich kühl.
„Ich leiste mir das Sekretariat – und auch deine Cousine – um Zeit zu sparen und nicht alle Trivialitäten selbst machen zu müssen.“
„Das Sekretariat ist in Ordnung für deine geschäftlichen Kontakte. Aber nicht für mich.
Und was die Zeitersparnis betrifft: Bis du ihr das erklärt hast, hättest du mich auch selbst anrufen können.“
„Das habe ich ja jetzt getan. Wirst du kommen?“ Das war eher ein Befehl als ein Frage.

„Eigentlich habe ich selbst noch länger zu arbeiten. Ich werde das entscheiden, sobald ich fertig bin. Bis 16 Uhr schaffe ich es eh nicht.“
„Willst du, dass ich dir deinen Zeitaufwand bezahle?“
„Aber nein. Ich will lediglich in angemessener Form gefragt werden. Und nicht herumkommandiert.“

Ich hörte ihn am Telefon durchschnaufen. „Da kommt wieder die Katze in dir durch. Also gut. Ich möchte, dass du kommst. Bitte.“
Das hörte sich doch schon ganz anders an. „Wenn dir das so wichtig ist, werde ich es selbstverständlich einrichten. Aber 16 Uhr ist wirklich knapp. Ich kann nicht garantieren, dass ich pünktlich bin.“
„Gut. Bis später.“ Er hatte bereits aufgelegt und ich musste mich auch beeilen.
Während ich meine Daten sicherte, zog ich mich um und schaffte es just in time zur Feier zu kommen.

Es waren etwa 30 bis 40 Personen anwesend, die meisten von Novosyx, darunter alle Führungskräfte aber auch ein paar, die ich nicht kannte, ich nehme an Behördenmitarbeiter.
Kathrin lief ziemlich aufgelöst und konfus zwischen allen herum. Sie hatte den Auftrag bekommen, einiges zu organisieren, war damit jedoch anscheinend überfordert. Sie wirkte alles andere als professionell und kompetent. Ich kann mir kaum noch erklären, dass wir in unserer Jugend einmal beste Freundinnen waren.

Ich nahm meinen Platz neben Carsten ein, der mir gleich versicherte, wie froh er darüber sei, dass ich es noch geschafft hätte, zu kommen.
„Wenn du das nur willst, komme ich doch immer“, raunte ich ihm mit leicht anzüglichem Lächeln zu.

Nach Carstens kurzer Ansprache bediente ich mich am Buffett. Ich wechselte ein paar Worte mit Kathrin, unterhielt mich eine Zeitlang mit dem CIO (dem einzigen in der Führungsriege, mit dem ich mich gut verstehe), blieb aber die meiste Zeit neben Carsten.

Die Feier zog sich bis nach 19 Uhr hin. Carsten musste noch kurz etwas in seinem Büro erledigen. Währenddessen wartete ich auf ihn.
Ein Abendessen mussten wir nicht mehr organisieren, da wir ja bereits vom Buffett gegessen hatten.
Wir liefen durch die Stadt zurück, tranken unterwegs in einer Bar noch einen Cocktail.
Der Nachteil des Rauchverbots ist, dass jetzt alle paar Meter die Raucher auf den Gehwegen stehen, um die man immer erst einen Bogen machen muss.

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Über breakpoint AKA Anne Nühm

Die Programmierschlampe.
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Eine Antwort zu Zweihundert

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