Hundertsechsundneunzig

Entgegen meiner sonstigen Gepflogenheiten kam ich gestern wenige Minuten verspätet zum Rathaus, um Carsten bei der Ausstellung zu treffen.

Ich sah ihn schon vor dem Rathaus stehen, als ich noch einige hundert Meter entfernt war.
Er war nicht allein. Eine mir unbekannte Frau, mindestens 40, versuchte sich vertraulich bei ihm einzuhaken. Er machte sich sofort los.
Aus der Entfernung konnte ich nicht verstehen, was sie miteinander sprachen, und als ich näher gekommen war, hatten sie sich auch schon verabschiedet.

Als er mich sah, leuchtete sein Gesicht auf und er versuchte gleich, mich zur Begrüßung zu küssen, aber ich drehte den Kopf zur Seite.
„Wer war denn das gerade?“, wollte ich wissen.
Er schnaufte tief durch. „Glaubst du, ich war die ganzen Zeit über ein Heiliger?“, antwortete er ruppig, „es gab da schon ein paar Frauen.“
„Wann ..?“
Er machte eine vage Handbewegung: „Im Laufe der Jahre. Ja, ich habe meine Frau betrogen, wenn du es genau wissen willst. Ich bin nicht stolz darauf.“

Mir war klar gewesen, dass er keine Bilderbuchehe geführt hatte, und dass Carsten gewisse Bedürfnisse hat, weiß ich sowieso. Deshalb war ich auch nicht im geringsten überrascht oder schockiert. Im Gegenteil, das erklärte einiges, was er drauf hatte, und was er sich wohl kaum in zwei Jahrzehnten Ehe angeeignet hatte.
Aber vor allem verbesserte diese Information meine Verhandlungsposition in Bezug auf Frank enorm.

Ich hatte noch nichts erwidert und Carsten fuhr fort, als müsste er sich gegenüber sich selbst rechtfertigen: „Mir ging es nur um Sex, ihnen wohl um Geld. Es war alles völlig belanglos und es war keine einzige dabei, bei der ich eine längere Bindung auch nur erwogen hätte.“
„Es ist OK“, unterbrach ich ihn leise, „das ist ja alles Vergangenheit.“
Er sah mich stirnrunzelt an. „So leicht akzeptierst du das?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Das war doch alles vor meiner Zeit. Damit habe ich kein Problem.“

Von der ganzen Ausstellung, durch die wir gelaufen waren, hatte ich gar nichts mitgekriegt. Dafür war Carsten jetzt in einem Zustand, in dem er für Zugeständnisse bereit sein musste. Andererseits durfte ich aber auch nicht mit der Tür ins Haus fallen.
Ich beschloss, die fällige Aussprache noch etwas aufzuschieben, bis wir im Restaurant beide einigermaßen gesättigt waren.

Als wir schließlich im Begriff waren, mit dem Nachtisch zu beginnen, berichtete ich Carsten von Frank’s Mail.
Jener schien eher desinteressiert: „Warum sagst du mir das? Du nimmst doch sonst deine Aufträge ohne Rücksprache mit mir an.“
Ich erzählte es ihm.
„Du hast was?“, rief er entsetzt.
„Ich war zu dieser Zeit allein“, verteidigte ich mich, „und einsam.“
„Aber er ist doch verheiratet, wie du gesagt hast.“
„Ja“, gab ich zu, „und? Willst du dich jetzt als Moralapostel aufspielen?“ Dieser Seitenhieb musste jetzt einfach sein!
„Wird es sich wiederholen?“
„Nein!“, erwiderte ich bestimmt, „wenn ich diese Absicht hätte, hätte ich dir gar nichts erst gesagt. Außerdem sind seine Frau und sein Kind auch anwesend.“
„Das hat euch aber zuletzt nicht abgehalten.“
Ich schwieg und sah ihn nur an.
„Mir wäre es wirklich lieber, du würdest diesen Job nicht übernehmen,“ meinte Carsten schließlich. Das war nicht das kategorische Nein, das ich erwartet hatte.

„Du wirst kaum einen Unterschied merken“, sagte ich schnell, „ich arbeite zwar ein paar Stunden mehr, aber immer noch weniger als du. Im Gegenteil, ich werde dich ein paar Wochen lang nicht nerven, dass du endlich mit der Arbeit aufhören sollst.“
„Wie erfreulich“, antwortete er ironisch.

Den restlichen Abend zeigte ich mich von meiner heitersten Seite, obwohl Carsten nicht so recht bei der Sache schien. Er vergaß sogar fast, sich einen Bewirtungsbeleg ausstellen zu lassen.

Nachher rufe ich Frank an und mache die Details mit ihm aus. Es wird sich nicht vermeiden lassen, dass ich ihn zwei- oder dreimal persönlich treffe.

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Über breakpoint AKA Anne Nühm

Die Programmierschlampe.
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