Hundertvierundachtzig

Wir saßen gestern abend gemütlich zusammen und tranken einen Kaffee, als Carsten ein Thema anschnitt, das ich bisher bewusst vermieden hatte: „Hast du dir schon überlegt, was du an Fiona’s Hochzeit anziehst?“
„Hm, ich hab mal kurz dran gedacht“, antwortete ich ausweichend.

„Du stimmst mir doch bestimmt zu, dass eine Braut bei ihrer Hochzeit die schönste sein sollte.“
„Ja, ja, soll sie doch“, sagte ich gleichgültig.
„Das bedeutet in diesem speziellen Fall, dass du sie nicht ausstechen wirst.“

„Am besten, ich gehe gar nicht erst hin. Dann stellt sich das Problem auch nicht.“
„Darauf hatten wir uns doch längst geeinigt, dass du selbstverständlich dabei bist.“
„Du hast das gesagt“, stellte ich richtig.
„Jetzt lass uns nicht wieder alles von vorne diskutieren. Es geht jetzt nur um das Kleid, das du anziehen wirst.“

„Es schmeichelt mir ja sehr, dass du mir zutraust, mit einer 19-jährigen zu konkurrieren. Aber entweder hast du eine zu gute Meinung von mir oder eine zu schlechte von deiner Tochter.“
„Jetzt hör auf mit dem fishing for compliments. Du weißt ganz genau, wie attraktiv und wunderschön du bist. Und Fiona ist ja noch fast ein Kind.“
Typischer Fall von Voreingenommenheit. Ich bemühe mich ja immer, möglichst objektiv und ehrlich mit mir selbst zu sein, und so muss ich zugeben, dass Carsten’s Äußerung schon ein bisschen übertrieben ist.

„Also, hast du schon einen Plan?“, fuhr Carsten fort.
„Ich werde mir wohl was neues kaufen müssen“, antwortete ich widerstrebend.
„Ich übernehme die Rechnung. Aber du musst dich an ein paar Vorgaben halten.“
Dann zählte er die Bedingungen für das Kleid auf:
* nicht ausgeschnitten (weder vorne noch hinten)
* mindestens Knie-, höchstens Knöchellänge
* nicht hauteng
* nicht tailliert
* nicht geschlitzt
* mit zumindest kurzen Ärmeln
* kein durchsichtiger Stoff oder sonstige Löcher
* unauffällige Farbe oder Muster
Mist! Ich habe bisher noch kein Hintertürchen finden können! Bei diesen Anforderungen suche ich mir einen großen Sack und schneide Löcher für Kopf und Arme rein. Noch nicht mal ein Gürtel ist zugelassen.

„Am besten ich leihe mir gleich ein Umstandskleid bei meiner Schwester!“, entfuhr es mir trotzig.
„Ein Umstandskleid, ..“, wiederholte Carsten langsam, „das wäre gar kein schlechte Idee.“
„Vergiss es! Und eine Burka ziehe ich im August auch nicht an.“
„Nein, nein! Ich will dich doch nicht verstecken.“

„Ich habe immer weniger Lust, überhaupt dahinzugehen.“
„Ich sehe schon, ich muss einen Nachmittag opfern, um mit dir ein Kleid aussuchen zu gehen.“
„Tu dir keinen Zwang an!“, entgegnete ich finster, „kauf lieber deiner Tochter ein Brautkleid, das weißer ist als weiß, und das dank optischer Aufheller alles überstrahlt.“

„Ach, Samtpfötchen, wir werden schon etwas angemessenes für dich finden, das dir auch gefällt.“
„Wie kann es das, bei diesen restriktiven Bedingungen?“
„Wenn ich mitkomme, kann ich ja vielleicht die eine oder andere Bedingung lockern. Aber dazu muss ich erst sehen, wie das Kleid an dir aussieht.“
„Ach ja? Tatsächlich?“, fragte ich ironisch.

„Aber sicher, meine Süße. Du sollst schon hübsch aussehen. Ich habe nur Angst, dass du es wieder mal übertreibst. Ich kenne doch deinen Geschmack. Und im allgemeinen gefällt mir das ja auch sehr. Nur in diesem Fall möchte ich halt, dass du dich ein bisschen zurücknimmst.“
Ich verzichtete auf eine Antwort, war aber schon halb umgestimmt.

Also fuhr Carsten fort: „Schau mal, wir gehen nächsten Samstag zusammen ein Kleid aussuchen. Ich bezahle es, und wenn du willst, kannst du es gleich nach der Hochzeit auf den Müll schmeißen.“
„Ich ziehe nichts an, das für den Müll vorgesehen ist. Wenn wir nichts finden, das mir gefällt und trotzdem Gnade vor deinen Augen findet, werde ich eben gar nicht zu dieser Hochzeit gehen.“

Das interpretierte Carsten als Zustimmung und wir wandten uns wieder anderen, angenehmeren 😉 Themen zu.

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Über breakpoint AKA Anne Nühm

Die Programmierschlampe.
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