Hundertdreiundachtzig

Bei diesem warmen Wetter gestern konnte ich die Schaukel einmal richtig auskosten.

Wie meistens am Wochenende, saß Carsten in seinem Arbeitszimmer und las irgendwelche Dokumente durch. Ich schaute zwar regelmäßig nach ihm, um ihn zu einer Pause zu verführen, aber so richtig Zeit hatte er nicht für mich.

Naja, schließlich habe ich die Schaukel und das nutzte ich aus. Es gelang mir, den Auslenkwinkel auf beängstigende Werte zu steigern. Mit jeder Schwingung beschleunigte ich weiter und genoß die wirkenden Kräfte.
Ich war voll auf das Schaukeln konzentriert, als ich plötzlich Carsten wahrnahm, der in einigen Metern Entfernung stand und ein kleines Gerät vor sein Gesicht hielt. Ich brauchte einen Moment, bis ich realisierte, dass er mich mich mit seiner Kamera filmte.

„Halt! Stop!“, rief ich, „hör sofort auf! Ich hab doch nichts an!“
Carsten lachte nur und filmte unbeeindruckt weiter. So schnell ich konnte, bremste ich die Schaukel ab, sprang dann, sobald es möglich was, herunter und rannte auf Carsten zu.
„Keine bange, ich will das ja nur für mein Privatarchiv.“ Carsten hatte jetzt aufgehört zu filmen.
„Du sollst es aber wieder löschen!“, verlangte ich, „gib mir die Kamera!“

Carsten hielt die Kamera nach oben, so dass ich vergeblich versuchte, sie zu erreichen. Mit einer Hand verstaute er die Kamera dann in seiner Hosentasche, mit der anderen wehrte er mich ab und drängte mich schließlich gegen die Garagenwand.
Da ich barfuß war, musste er mich etwas anheben. Ich nutzte die Gelegenheit, zumal Carsten erst seine Hose öffnen musste, und ließ mich plötzlich auf die Seite kippen. Carsten verlor das Gleichgewicht und wir beide fanden uns liegend auf dem Rasen wieder.
Wir lieferten uns eine kleine Rangelei, aber ich hatte keine Chance, weil Carsten’s Gewicht mich auf den Boden drückte.
Die Ereignisse der nächsten halben Stunde zensiere ich mal wieder. Dieses Blog soll ja jugendfrei bleiben.

Als wir danach noch eine Weile im Gras liegenblieben, meinte ich: „Du brauchst den Film nicht zu löschen, aber pass auf, dass sonst niemand Zugriff darauf hat.“

Carsten nickte, noch leicht atemlos. Dann fragte er mich übergangslos: „Was hältst du davon, wenn wir beide heiraten würden?“
Vor dieser Gretchenfrage hatte ich mich gefürchtet. Obwohl es bereits einige Andeutungen gegeben hatte, war ich völlig unvorbereitet. Ich versuchte, erst einmal Zeit zu gewinnen: „Welchen Vorteil hätte das für mich? Ich meine, im Vergleich zum Status quo?“
„Wir würden Steuern sparen.“ Ach, er weiß genau, dass ich mich durch quantifizierbare Argumente am leichtesten überzeugen lasse.
Aber diesmal nicht: „Nein. Du würdest Steuern sparen. Ich würde draufzahlen.“
„Insgesamt würden wir weniger zahlen.“
„Aber ich mehr.“
„Ich übernehme deinen Teil mit.“
„Das überzeugt mich nicht.“

„Du könntest über mein Vermögen mitverfügen.“
„Wenn es mir um Geld ginge, wärest du sicher eine gute Partie. Aber ich habe selbst genug für das, was ich brauche. Außerdem vergisst du, dass ich mich eh von deinem Konto bedienen kann, wenn ich will.“
„Du bräuchtest nur noch die Aufträge anzunehmen, die dir wirklich gefallen.“
„Das mache ich ohnehin.“ (naja, meistens)
„Wir könnten uns aber einige Diskussionen über Geld sparen.“
„Wenn du das wirklich glaubst, dann kennst du mich schlecht.“

Carsten seufzte, denn ich konnte alle seine Argumente leicht entkräften.
„Du würdest auch einiges erben. Ich kann dich zwar auch so in meinem Testament bedenken, aber das Finanzamt würde dir das meiste wieder abnehmen.“
Jetzt wurde ich wirklich ärgerlich über so eine makabre Idee: „Ich spekuliere doch nicht auf mein Witwendasein, wenn ich heirate! Wenn du keine besseren Argumente hast, dann vergiss es!“
„Nun, die Leute würden dich mehr respektieren.“ Hah, schon gingen ihm die Argumente aus.
„Die Leute, auf die es mir ankommt, respektieren mich genug. Und die anderen sind mir egal.“
„Deine Eltern wären sicherlich auch froh, wenn du keine alte Jungfer bleibst.“
„Das lass nur meine Sorge sein.“

„Du dürftest auch an allen internen Besprechungen teilnehmen.“
„Pffft. Glaubst du, das ist mir so wichtig? Darauf verzichte ich gerne. Sonst noch irgendwelche Punkte?“

„Verdammt, Samtpfötchen! Ich habe es satt, dich nur als meine Freundin, Geliebte, oder Partnerin vorzustellen. Das trifft alles nur einen Teilaspekt unserer Beziehung. Und Lebensgefährtin hört sich sowieso bescheuert an, zumal wir noch nicht einmal zusammenwohnen.“
Ich ging sofort auf den letzten Punkt ein, vor allem weil ich vom Hauptthema ablenken wollte: „Aber selbstverständlich wohnen wir zusammen. Wir pendeln halt. Unter der Woche wohnen wir bei mir, am Wochenende bei dir.“

„Ach, Liebste, de facto bist du sowieso meine Frau. Warum willst du das nicht legalisieren?“
„Brauchst du wirklich einen Zettel, um zu wissen, wie du mich bezeichnen sollst?“
„Jetzt lenk‘ nicht ab! Sag mir, was aus deiner Sicht dagegenspricht?“

Ich überlegte krampfhaft, wie ich mich aus der Affäre ziehen könnte, aber mir fiel nichts vernünftiges ein. Schließlich antwortete ich mit einer Gegenfrage: „Würdest du einen geschäftlichen Vertrag unterschreiben, der zwar die allerbesten Konditionen hat, dich aber auf Jahrzehnte hin bindet? Weißt du, jetzt ist alles toll mit uns beiden, aber ich kann nicht in die Zukunft schauen. Woher soll ich wissen, was in ein paar Jahren ist? Ob wir uns dann noch genauso gut verstehen?“
„Oder ob es dann nicht noch etwas besseres gibt. Oder ob ich dann noch mit dir mithalten kann. Ja, ja, ich verstehe schon.“
„Ich habe nicht den Eindruck, dass du das verstehst“, widersprach ich, „sieh mal, Liebster, ich will überhaupt nicht heiraten. Aber wenn, dann kämst nur du in Frage.“

Als Carsten schwieg, fragte ich ihn: „Bist du jetzt sauer auf mich?“
„Nein, nein“, er schüttelte den Kopf, „eine spontane, unüberlegte Entscheidung hätte nicht zu dir gepasst. Und ich schätze ja deinen Pragmatismus an sich sehr.“

Nach kurzer Zeit begann er wieder: „Also, wenn ich dich richtig interpretiere, dann stellt deine Antwort nur den aktuellen Stand da, und kann sich in Zukunft auch ändern?“
„Hm, theoretisch wohl schon“, musste ich zugeben.
„Dann werde ich irgendwann mal wieder darauf zurückkommen. Wenn du deine Meinung vorher änderst, dann gib mir bitte Bescheid.“

„Wenn es sein muss. Können wir jetzt wieder von etwas anderem reden?“
„Da habe ich eine bessere Idee, als zu reden“, lachte Carsten. Aber das ist jetzt wieder zensiert.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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Eine Antwort zu Hundertdreiundachtzig

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