Hundertsechzig

Gestern Nachmittag nahm ich an einem Halbtages-Workshop teil, der von einem Fachverein ausgerichtet wurde. Da Novosyx als Gastgeber fungierte, also einen geeigneten Raum und das Catering stellte, fielen für mich keine Kosten an. Wie die Kaufleute das intern verrechnen, ist nicht mein Problem.

Es gab etwa 14 Teilnehmer. Carsten war am Anfang auch anwesend. Ein Vertreter das Fachvereins übernahm die Begrüßung und Vorstellung des Referenten, und bedankte sich bei Carsten als Gastgeber. Dieser verließ den Raum dann kurz nach Beginn des eigentlichen Workshops.

Zu meiner Überraschung war auch Alex bei den Teilnehmern. Dabei hat er gar nichts mit dem Thema zu tun, und selbst wenn, würde er als Entwicklungsleiter das eigentlich eher an seine Mitarbeiter delegieren.

Der Workshop war recht interessant. Ich habe einiges neues gelernt.

In den Pause unterhielt ich mich mit Alex. Er wollte schon wieder eine neue Version des Tools, das ich erst kürzlich ausgeliefert hatte. Ich meinte, die neuen Features und Änderungen hätte er sich auch schon früher überlegen können. Seine Spezifikationen seien wohl nicht sehr durchdacht gewesen.
Er grinste und erklärte, ich wüsste doch wie das sei, „manches ergibt sich eben erst beim Einsatz“.
„Ausreden. Was du mir hier aufgezählt hast, hättest du schon vorher planen können. Du hast das einfach unzureichend analysiert.“
„Willst du den Auftrag etwa nicht?“
„Mail mir erst mal die neuen Anforderungen. Sonst kann ich dir sowieso kein Angebot machen.“
„Wie steht es mit deinen zeitlichen Kapazitäten? Wir wollen nicht wieder wochenlang warten.“
„Wann hättet ihr jemals warten müssen! Die Änderungen, die du mir aufgezählt hast, schieb ich jederzeit dazwischen. Aber wenn die Version jetzt plötzlich dringend sein sollte, kostet das extra.“

Während ich noch mit Alex sprach, war Carsten, der in der Pause hereinschaute, zu uns getreten. Es blieb mir nichts anderes übrig, als die beiden einander vorzustellen.
Ich hatte Carsten zwar irgendwann von Alex erzählt, aber persönlich kennengelernt hatten sie sich bisher noch nicht.
Es entwickelte sich ein etwas gezwungener Smalltalk. Carsten legte seinen Arm um mich. Das hatte er bisher im Firmengebäude noch nie gemacht.
Schließlich zog ich es vor, mein Heil in der Flucht zu suchen, und zwar zum einzigen Ort, wohin sie mir nicht folgen konnten: zur Damentoilette.

Ich hatte es nicht eilig und ließ mir Zeit. Umso überraschter war ich, als Carsten einige Minuten später plötzlich im Vorraum stand.
„Du darfst hier nicht rein!“
„Warum nicht? Das Gebäude gehört mir und außerdem benutzt außer dir sowieso niemand diese Toilette.“
Carsten wirkt ziemlich bedrohlich, wenn er zornig ist. Aber ich hatte nicht die geringste Absicht, mich von ihm einschüchtern zu lassen.
„Trotzdem hätte ich hier gerne etwas Intimsphäre.“
„Du bist doch sonst nicht so zimperlich. Warum triffst du dich hier mit deinem Ex?“
„Ex ist übertrieben. Wir waren nur ein paar Wochen lang .. ehm ..“
„Ihr wart immerhin zusammen im Urlaub, wenn ich das richtig mitgekriegt habe.“
„Und wenn schon. Das ist schon ewig her.“
„Ich wusste, dass du kein unbeschriebenes Blatt bist und ich habe darüber hinweggesehen, aber ich werde es nicht dulden, dass du dich weiter mit einem früheren Liebhaber triffst.“

Verdammt! Ich fühlte mich immer mehr in der Defensive. Dabei hatte ich mich nur ganz harmlos mit Alex über berufliches unterhalten.
„Wir haben uns schon monatelang nicht mehr gesehen und uns nur zufällig hier getroffen. Er hat einen neuen Auftrag für mich.“
„Den soll er jemandem anderen geben.“
„Das geht nicht. Nur ich habe die Sourcen.“
„Dann gib ihm die Sourcen.“
„Ganz bestimmt nicht!“, antwortete ich entschieden. „Die Sourcen sind mein Kapital. Da steckt mein Know-how drin.“
„Dann werde ich mit dem Geschäftsführer von Softicago sprechen, dass du einen anderen Ansprechpartner bekommst.“
„Und was willst du dem sagen?“, fragte ich ironisch, „dass du eifersüchtig bist, weil deine Geliebte es früher mal mit seinem Angestellten getrieben hat?“
Carsten zögerte, dann sagte er ruhiger: „Du hast Glück, dass ich jetzt eine wichtige Besprechung mit einem Kunden habe. Wir reden heute abend weiter.“

Nach dem Workshop machte ich mich sofort auf den Heimweg. Normalerweise hätte ich auf Carsten gewartet, aber diesmal zog ich es vor, alleine heim zu gehen.
Blöderweise kann ich zur Zeit meine bewährten Besänftigungsmethoden nicht anwenden. So versuchte ich umzudisponieren und einen praktikablen Workaround zu finden, um Carsten erst einmal auf andere Gedanken zu bringen.

Aber alle Alternativen, die mir einfielen, hätte Carsten sofort durchschaut. Er kennt mich mittlerweile viel zu gut. Ich muss unbedingt mehr random Elemente in mein Verhalten bringen.
Entgegen meiner Erwartung war Carsten erstaunlich ruhig, als er gegen halb sieben kam. So konnten wir die Diskussion über das gewisse Thema ganz sachlich und nahezu emotionslos weiterführen.

Schließlich einigten wir uns darauf, dass ich den Auftrag mit Alex ausschließlich per Mail abwickeln würde (wie ich es ohnehin geplant hatte), und dass ich jegliche Kontaktaufnahme darüber hinaus, sowie auch zufällige Begegnungen, auch mit bzw. durch „andere Männer, mit denen“ ich „jemals etwas gehabt“ habe, unverzüglich an Carsten melden werde.

Und jetzt überlege ich die ganze Zeit, was mich dazu bewogen hat, dem ohne entsprechendes Quid pro quo zustimmen.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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3 Antworten zu Hundertsechzig

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