Hundertneunundfünfzig

Carsten kam aus meinem Bad: „Deine Lampe ist gerade kaputtgegangen. Hast du eine Ersatzbirne?“
„Ach Mist! Seit ich Energiesparlampen benutze, sind die dauernd hin. Ja, unten im Keller muss ich noch eine haben.“

„Na, dann hol sie. Ich tausche sie dir aus.“
„Brauchst du jetzt sofort Licht? Ansonsten ist das nicht so eilig. Das mache ich nachher, wenn du weg bist.“
„Warum willst du dir nicht helfen lassen? Ich weiß ja, dass du es selbst kannst. Das musst du nicht beweisen.“
„Bist du nicht schon spät dran fürs Büro?“
„Ich habe nachher nur einen Termin mit einem Lieferanten. Dann muss der halt mal auf mich warten.“
„Das sind ja ganz neue Töne!“ Ich war wirklich erstaunt. Normalerweise räumt er seinen geschäftlichen Terminen absolute Priorität ein.

„Also, was ist jetzt? Holst du die Birne?“
„Wenn es dich glücklich macht“, gab ich nach.
„Vielen Dank!“, antwortete er. Das war wohl ironisch gemeint.

„Warte, ich gebe dir erst mal einen Schraubenzieher. Dann kannst du schon das Gehäuse herunterschrauben, während ich im Keller bin.“

Das Glasgehäuse der Deckenlampe in meinem Bad ist mit vier Schrauben befestigt. Um die Birne austauschen zu können, muss man erst das Gehäuse entfernen. Das ist zwar nicht schwierig, aber recht umständlich. Ein Stuhl passt nicht ins Bad, so dass ich sonst auf dem Badewannenrand balancieren muss. Da ich nicht gleichzeitig Schraubenzieher, Schrauben, Gehäuse, alte und neue Birne halten kann, muss ich mehrmals auf- und absteigen, und das ist einfach lästig.

„Was ist mit der Sicherung?“ fragte Carsten.
„Die löst nach 240 Millisekunden aus. Hier ist der Schraubenzieher.“
„Willst du die Sicherung nicht herausmachen?“
„Wieso? Bei einem geschätzten Körperwiderstand von einem Kiloohm – bei dir eher mehr – ziehst du bei diesem Netzsystem maximal 115 Milliampere. Das heißt, du kriegst weniger als 300 Mikrocoulomb Ladung. Das ist normalerweise nicht tödlich.“
„Sehr beruhigend. Machst du die Sicherung trotzdem raus?“
„Weißt du was, wenn du Angst hast, dann lass es einfach. Ich komme auch alleine klar.“

Natürlich bluffte ich nur. Die Sicherungen sind in einem Kasten neben der Wohnungstür. Ein Griff auf dem Weg in den Keller genügte.

Als ich kurz darauf mit einer neuen Energiesparlampe wieder heraufkam, war Carsten noch nicht ganz mit dem Lösen der Schrauben fertig.
„Wann hast du denn das letzte mal einen Schraubenzieher benutzt?“, fragte ich.
„Sei nicht so frech! Das ist erst wenige Wochen her. Aber von hier aus sehe ich die Schrauben einfach schlecht.“

Mittlerweile war er jedoch fertig und reichte mir das Gehäuse zu. Dann drehte er die alte Birne aus der Fassung. Ich nahm sie entgegen, gab ihm dafür die neue.
Ich schaltete die Sicherung wieder ein. Die Lampe leuchtete.

Dann das ganze Spiel rückwärts. Ja, ich muss zugeben, es war schon deutlich schneller und stressärmer abgelaufen, als wenn ich alles alleine gemacht hätte.

Jetzt hatte Carsten es doch eilig aufzubrechen. Beim Hinausgehen erklärte er mir noch: „Ich werde mich bei dem Lieferanten für meine Verspätung entschuldigen, indem ich ihm sage, dass ich noch die Lampe meiner Gespielin reparieren musste, damit sie nicht den ganzen Tag im Dunkeln sitzt.“
„Dankeschön, Liebster, dass du mich nicht in der Finsternis zurückgelassen hast“, hauchte ich betörend und drückte ihm dabei gleichzeitig die kaputte Birne in die Hand, „die kannst du gleich zum Entsorgen bringen. Damit hilfst du mir wirklich.“

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Über breakpoint AKA Anne Nühm

Die Programmierschlampe.
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Eine Antwort zu Hundertneunundfünfzig

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