Hundertsechsundfünfzig

Ausnahmsweise begann der gestrige Tag mit einem Frühstück. Carsten’s Haushälterin hatte Überstunden einlegen müssen, um das Frühstück für fünf Personen zu organisieren.
Sven mokierte sich ziemlich darüber, dass Carsten und ich im gleichen Zimmer geschlafen hatten. Der prüde Kerl! Das ist vermutlich nur der blanke Neid, obwohl wir wirklich ziemlich leise gewesen waren. Carsten verbat sich jegliche Einmischung von ihm.

Dann fuhren wir alle zu fünft in Carsten’s Wagen zum Freizeitpark. Ich saß vorne neben Carsten und hatte so wenigstens genug Beinfreiheit.
Hinten laberte Sven in einer Tour irgendwelches langweiliges, banales Zeug vor sich hin. Wenn ein Mann auch schon Kunstgeschichte studiert! Fiona stimmte ihm ständig zu und kicherte in einem fort. Wenigstens Verena verhielt sich meistens ruhig. Sie war irgendwie das fünfte Rad am Wagen, was ihr aber wenig auszumachen schien.
Schon der Eintritt kostete Carsten einen dreistelligen Betrag. Was er später noch für Essen, Getränke, Eis, Zuckerwatte, gebrannte Mandeln, Popcorn, und so weiter, ausgab, habe ich nicht mitgerechnet.
Ich hatte gehofft, dass Carsten und ich uns im Freizeitpark von den anderen absetzen könnten, aber das erfüllte sich leider nicht. Die Attraktionen waren hauptsächlich für Kinder vorgesehen, so dass Carsten und ich meistens nur herumspazierten und uns umschauten. Immerhin hatte er meist den Arm um mich gelegt. Fiona und Sven liefen höchstens einmal Hand in Hand.
Einmal fuhren wir mit dem Riesenrad, aber die anderen quetschten sich zu uns in die Gondel.

Später schauten wir uns die Vogelschau an. Sven erzählte wieder irgendetwas unwesentliches, woraufhin Fiona strahlte: „Du kennst dich ja so super mit Vögeln aus!“
Carsten raunte mir zu, so dass nur ich es hören konnte: „Das bezweifle ich.“
Ich musste losprusten, woraufhin Fiona fragte, was es so lustiges zum Lachen gäbe. Carsten reagierte schnell: „Das war nur ein Insiderwitz.“
In diesem Kontext reizte mich das schon wieder zum Lachen, aber ich bemühte mich erfolgreich, wieder ruhig zu atmen.
„Sven weiß ja wirklich viel über Ornithologie“, versuchte ich, das Gespräch in etwas andere Bahnen zu lenken.
Meine Ironie entging Fiona völlig: „Orni- was?“
„Vogelkunde“, antwortete ich, wobei ich das O besonders betonte.
„Nicht wahr!“, schwärmte Fiona, „Sven hat so viele Interessen und kennt sich mit allem so gut aus.“
Nur Carsten’s warnender Blick hielt mich davon ab, das Thema weiter zu vertiefen. Aber angefangen hatte schließlich diesmal er selbst.

Am Nachmittag gelang es uns doch noch, den anderen für eine halbe Stunde zu entkommen. In einem kleinen Wäldchen, das zur Parkanlage gehörten, fanden wir sogar eine geeignete Stelle für einen Quickie.
Als wir wieder zurück auf den üblichen Wegen waren, hatten uns die anderen tatsächlich schon gesucht und versuchten uns auszufragen, wo wir so lange gewesen waren.

Carsten kaufte für uns alle Lebkuchenherzen. Meines war mit „Ich hab dich lieb“ beschriftet. Auf Verena’s stand „Meine Prinzessin“ und auf Fiona’s „Mein Sonnenschein“. Auf Sven’s Herz stand nur lapidar „Viel Glück“ (außer Fiona mag ihn niemand).
Ich suchte lange, bis ich ein passendes Herz für Carsten fand. Schließlich schenkte ich ihm eines mit „World’s greatest lover“. Ihm war das wohl etwas peinlich, denn er fragte mich, ob ich mich damit für die gewisse Rechnung revanchieren wolle. Ich antwortete, nein, das sei mein absoluter Ernst. Trotzdem trug Carsten das Herz verkehrt herum, so dass es niemand lesen konnte.

Um 18 Uhr schloss der Freizeitpark. Da wir alle soviel Zuckerwatte und Popcorn gegessen hatten, hatte niemand Lust, noch irgendwo zu Abend zu essen, so dass wir zurück fuhren.
Es gelang mir, Carsten gleich mit ins Schlafzimmer zu lotsen. Wir waren fast den ganzen Tag über auf den Beinen gewesen, jetzt konnten wir endlich wieder in die Horizontale übergehen.

Als wir uns einige Zeit später aus der Küche noch etwas zu trinken holten, trafen wir im Wohnzimmer auf Fiona, die laut schluchzend auf dem Sofa saß.
Carsten bekam aus ihr heraus, dass sie sich mit Sven gestritten hatte. Dieser muss sie dabei ziemlich angeschrien haben.
Mich erinnerte das an Sabine, die damals in meiner Wohnung ähnlich herumgeheult hatte. Warum müssen manche Frauen so hysterisch sein! Ich bin das doch auch nicht.
„Bei Männern, die immer nur nett und freundlich sind, stimmt irgendetwas mit dem Testosteronspiegel nicht“, versuchte ich, sie aufzumuntern.
Doch Carsten fuhr mich grob an: „Das ist jetzt nicht hilfreich!“ – und bestätigte so meine Theorie.
Ich warf ihm eine Kusshand zu und verließ den Raum.
Carsten kam erst viel später wieder zu mir ins Schlafzimmer. Irgendwie muss er es geschafft habe, Fiona und Sven wieder zu versöhnen.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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Eine Antwort zu Hundertsechsundfünfzig

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