Hunderteinundfünfzig

Das Wochenende verbrachte ich wieder bei Carsten. Leider war er die meiste Zeit mit Arbeit beschäftigt.
Ich dagegen bin bei allen meinen Projekten mindestens im Zeitplan und habe jetzt wieder einige Kapazitäten frei. Im April hatte ich ja keine neuen Projekte angenommen, weil ich da überlastet war, dafür habe ich jetzt wieder mehr Zeit.

Samstag abend telefonierte Carsten längere Zeit mit Fiona. Danach eröffnete er mir, dass sie, ihr Verlobter und ihre Schwester über Himmelfahrt und das darauf folgende Wochenende herkommen würden.
Um ehrlich zu sein, war ich nicht eben erfreut. Viel lieber würde ich diese Zeit alleine mit Carsten verbringen. Ich spielte mit dem Gedanken, mich für diese vier Tage irgendwo anders hin abzusetzen. Aber davon wollte Carsten nichts wissen.
So machten wir schließlich aus, dass ich am Donnerstag zwar alleine bei mir zu Hause bleiben werde, aber dann am Freitag abend zu den anderen stoße, um ein gemeinsames Wochenende zu verbringen.
Ich habe absolut keine Lust dazu.

Tja, ich langeweilte mich ziemlich an diesem Wochenende. Carsten war kaum zu Pausen zu bewegen, und wenn, dann betonte er jedesmal danach, dass es jetzt eben noch länger dauern würde, bis er fertig wäre.
Am Sonntag gegen zehn hatte ich endgültig genug, und stellte Carsten das Ultimatum, entweder sofort mit dem Arbeiten aufzuhören, oder ich würde jetzt alleine zu mir nach Hause fahren.
„Ach Süße, es tut mir ja leid. Die neue Produkteinführung macht doch einen größeren Aufwand, als ich erwartet hatte. Aber ich bin jetzt bald fertig. Gedulde dich bitte noch ein Stündchen, dann gehen wir essen und unternehmen am Nachmittag noch etwas zusammen.“
„Eine Stunde, aber keine Minute länger“, gab ich nach.

Um mir die Zeit zu vertreiben, ging ich in Carstens Bibliothek. Da steht auch sein alter Rechner, den er für private Angelegenheiten nutzt. Natürlich hatte er hier sein Passwort noch nicht geändert.
Ich loggte mich also ein und schaute mich ein bisschen um. Carsten hat mir schließlich oft genug gesagt, dass ich hier machen kann, was ich will, so dass ich kein schlechtes Gewissen deswegen haben musste.
Ich prüfte zuerst stichprobenartig die Pornosammlung. Als Geliebte ist es immerhin meine Aufgabe, seinen Geschmack und seine Vorlieben zu kennen. Ich gewann keine neuen Erkenntnisse.
Als nächstes fand ich in einem anderen Ordner mein Easteregg-Foto und die fehlerhafte Februar-Rechnung als eingescanntes PDF.
Dann entdeckte ich ein halbfertiges Manuskript für ein Buch, fast 400 Seiten, letzte Änderung vor fast zehn Jahren.
Ich schaute es mir ein bisschen an, als Carsten eintrat: „Da bin ich, und ich habe noch nicht einmal eine Dreiviertel Stunde gebraucht.“
„Warum hast du das Buch nicht fertig geschrieben?“
„Nicht genügend Zeit. Ich wollte nicht noch das letzte bisschen Freizeit dafür opfern.“
„Würdest du es weiterschreiben, wenn ich dir helfe?“
„Nein. Das hat keinen Zweck. Das Zeug ist völlig veraltet. Das müsste man alles völlig neu aufsetzen. Und dafür verschwende ich keine Zeit mehr.“
Ich zeigte ihm das geöffnete PDF, das die Rechnung enthielt: „Jetzt kann ich es ja zugeben, dass das ein Freud’scher war.“
Er lächelte: „Das war mir schon klar. Aber ich hätte deine Reaktion doch um nichts in der Welt verpassen wollen.“
„Es macht dir wohl Spaß, mich in Verlegenheit zu bringen?“
„Und wie, Liebste. Du hast so wenige Schwachstellen, dass ich es ausnutzen muss, wenn ich mal eine finde.“
„Und du hast gar keine Angst, dass ich mich mal revanchiere?“
„Was hast du vor?“, fragte er, plötzlich ernst.
„Ach gar nichts, Schatz,“, antwortete ich leichthin, „du solltest nur besser auf der Hut sein.“

Wie fuhren dann tatsächlich noch in die Stadt zum Mittagessen. Da es wieder recht kühl geworden ist (wohl die „Eisheiligen“), beschränkten wir unsere Unternehmungen auf einen Besuch im Naturkundemuseum und einen kurzen Spaziergang. Danach gingen wir noch in ein Café, wo ich zwei Windbeutel mit Kirschen verdrückte.
Anschließend fuhren wir wieder zurück und verbrachten den Rest des Wochenendes im Wesentlichen mit der Praktizierung der beliebtesten Entspannungstechniken 😉 .

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Über breakpoint AKA Anne Nühm

Die Programmierschlampe.
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Eine Antwort zu Hunderteinundfünfzig

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