Hundertachtunddreißig

Jetzt war ich gestern einen Tag lang nicht bei Novosyx, weil ich bei einem anderen Kunden gearbeitet habe – wie meistens am Dienstag – , und heute war ich auch später dran, weil ich zu Hause noch einen Bericht schreiben musste.

Ich kam also erst nach zwölf an und wollte zuerst kurz zu Carsten ins Büro. Da stoppt mich so ein Blondchen im Sekretariat: „Sie können da jetzt nicht rein!“
Ich kenne Carsten Kalender genau und im Moment hatte er keinen Termin. „Wer sind Sie überhaupt?“ fragte ich kühl.
„Ich bin die neue Empfangsdame“, piepste sie.
„Ach so, haben wir doch endlich eine Bürohilfskraft bekommen.“ Die Personalabteilung hat dazu ja ziemlich lange gebraucht. Aber jetzt das! Sie trug – dem Wetter völlig unangemessen – nur ein weit ausgeschnittenes Top, das einen Einblick gewährte, auf den ich lieber verzichtet hätte, und knallenge Jeans.

Für diese Tätigkeit im Sekretariat ist keine große Qualifikation erforderlich. Im wesentlichen sind die Aufgaben eingehende Telefongespräche entgegennehmen und gegebenenfalls weiterleiten, die Führungskräfte mit Kaffee versorgen, ab und zu etwas fotokopieren und ähnliche einfache Tätigkeiten. Die etwas anspruchsvolleren Aufgaben erledigt ja die Sekretärin am Vormittag.
Aber es ist immerhin ein repräsentativer Job, der mit Kundenkontakt einhergeht. Und dafür ist dieses Outfit völlig inakzeptabel. Außerdem dejustiert mir das die Feineinstellung bei der Motivation meiner Mitarbeiter, die ich mittlerweile ja sehr gut im Griff habe.

Ich überlegte kurz, ob ich ihr selbst einen wohlgemeinten Rat bezüglich der Kleiderordnung geben sollte, entschied mich aber dagegen. Das ist nicht meine Aufgabe. Ich werde aber dafür sorgen, dass die Personalchefin – selbst eine graue Maus – mit ihr ein ernstes Wort spricht.

Ich betrat also endlich Carsten’s Büro, der gerade einige Papiere unterschrieb.
Nach einer kurzen Begrüßung, fragte ich ihn, seit wann die Hilfskraft da sei.
„Oh, seit gestern wohl.“
„Du hast mir gar nichts davon gesagt.“
„Hab ich wohl vergessen, ist ja auch nicht so wichtig.“
„Nicht wichtig? Seit Wochen beklagst du dich, dass du deinen Kaffee selbst holen musst, dass Kunden auf den Anrufbeantworter sprechen müssen, ..“
Es klopfte. Die Hilfskraft brachte uns den bestellten Kaffee und verschwand zum Glück gleich wieder.
„Findest du diese Bekleidung angebracht?“
„Heute ist deine Rocklänge in Ordnung.“
„Ich meine nicht meine! Sondern die der Hilfskraft!“
„Ach so. Darauf habe ich gar nicht geachtet.“
Das sollte ich glauben? „Selbst wenn du nicht darauf achtest, deinen Kunden fällt es schon auf.“
„Ich glaube nicht, dass sich die Kunden an irgendwelchen Kleidern stören, solange sie freundlich zu ihnen ist.“
„Freundlich!“, rief ich ironisch, „seit wann nutzt du diese Art der Kundenakquise?“
„Jetzt beruhige dich wieder. Sie ist die Tochter eines langjährigen Mitarbeiters, die sich parallel zu ihrem Studium etwas Geld verdienen will. Ich habe sie schon als kleines Mädchen gekannt. Sie ist auch nur an drei Nachmittagen in der Woche hier.“
„Plötzlich weißt du ja ziemlich viel über sie.“
„Zumindest weiß ich, dass ich dich nicht dafür bezahle, mit mir über die Kleidung irgendwelcher Angestellter zu diskutieren.“
„Keine Angst, diese Viertelstunde berechne ich dir nicht. Bisher hatte ich immer den Eindruck, dass du großen Wert auf eine gewisse Kleiderordnung legst.“
„Meinen Angestellten schreibe ich grundsätzlich nicht vor, was sie anziehen. Bei dir sieht die Sache dagegen ganz anders aus. Ich will nicht, dass du zu figurbetont und freizügig hier herumläufst. Aber ich habe jetzt wirklich noch viel zu tun, und ich denke, du auch.“
Damit war das Gespräch wohl beendet. Ich verließ sein Büro. Aber ich werde die Angelegenheit keinesfalls auf sich beruhen lassen.

Im Vorbeigehen wies ich die Hilfskraft noch an, mir einen Kaffee in mein Büro zu bringen. Dann mailte ich der Personalchefin eine Einladung zu einem Gespräch am späteren Nachmittag.
Aber zunächst muss ich jetzt die Besprechung mit dem Webmaster zwecks Neugestaltung der Website führen.

Advertisements

Über breakpoint AKA Anne Nühm

Die Programmierschlampe.
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Hundertachtunddreißig

  1. Pingback: breakpoint’s Wayback Archive #0B //1612 | breakpoint

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s