Hundertsiebenundzwanzig

Ja, eigentlich hätten wir ja über Ostern wegfahren wollen…
So ist halt alles ein bisschen anders gelaufen.

Am Donnerstag abend fuhren wir noch zusammen zu Carstens Haus.
Freitag fingen wir – obwohl Feiertag – in aller Frühe an zu arbeiten.
Da wir nicht wegfuhren, hatte sich Verena jetzt doch angekündigt. Fiona dagegen war mit ihrem Verlobten bei dessen Eltern.

Um viertel zwölf kam Verena’s Zug. Carsten und ich fuhren zusammen zum Bahnhof, um sie abzuholen und anschließend noch in der Stadt zu essen.
Das war die einzige größere Pause am Freitag.

Verena muss es ziemlich langweilig gewesen sein. Und Carsten und ich konnten wegen ihrer Anwesenheit unsere Pausen auch nicht gestalten wie gewohnt. Zur Sicherheit hatten wir das Bondage-Equipment gar nicht erst aufgebaut.

Am Samstag ging die Arbeit weiter. Ich wurde immerhin im Laufe des Nachmittags fertig. Es gab nichts mehr, was ich hier hätte bearbeiten können. An meinen eigenen Projekten zu arbeiten, dazu hatte ich jetzt auch keine Lust.

Es gelang mir, Carsten zu einem halbstündigen Spaziergang zu überreden – ohne Verena.
Er hatte noch einen Stapel Akten, mit den digitalen Dokumenten war er fertig.
Weil er selbst keine Zeit hatte, machte er mir den Vorschlag, doch alleine zwei Tage wegzufahren. Dazu hatte ich aber keine Lust. Allerdings hatten meine Eltern schon öfter gebeten, sie doch wieder einmal zu besuchen. Also entschloss ich mich, Ostern bei ihnen zu verbringen.

Ich rief abends noch an und richtete es ein, dass ich zum Mittagessen dort war (so umging ich elegant die Oster-Messe).
Nachmittags schaute Sabine mit ihrer Familie vorbei. Sie sah deutlich entspannter aus als letztes Jahr und teilte mir strahlend mit, dass sie wieder schwanger sei. Es gelang mir, mich eines Kommentars zu enthalten.
Dann erkundigte sie sich, wie es „dem netten Mann“ gehe, den sie zuletzt in meiner Wohnung getroffen hatte.
Ich wusste natürlich erst mal gar nicht, über wen sie redete.
Da schickte sie sich an, in Details zu gehen. Schnell unterbrach ich sie: „Ach so, der. Dem geht es gut.“ In Gedanken ergänzte ich: „Sehr gut sogar.“
„Weißt du, ich dachte eigentlich, das sei dein Freund.“
„Das war einer meiner besten Kunden!“ erwiderte ich zwar wahrheitsgemäß, wenn auch etwas sinnentstellend, „und es war total peinlich, wie du dich aufgeführt hast.“
„Aber ihr habt doch so gut zusammengepasst, wenn er vielleicht auch ein bisschen zu alt war. Da war so ein Prickeln in der Luft.“
Das war fast wortwörtlich, was Sonja mir damals auch im Café gesagt hatte, aber ich hatte nicht die Absicht, meine Beziehung zu Carsten mit Sabine zu diskutieren. Deshalb wechselte ich lieber das Thema und fragte – weil mir nichts anderes einfiel – , wann das Baby denn käme.
Sie antwortete, im Oktober, und erzählte dann eine halbe Stunde nonstop über ihre anderen Kinder, deren Fortschritte in der Schule, und so weiter.

Am frühen Abend klingelte das Telefon. Zu meiner Überraschung war es für mich.
Es war Carsten: „Ich vermisse dich. Ich habe schon richtige Entzugserscheinungen.“
Um das Risiko, abgehört zu werden, zu minimieren, wechselte ich auf englisch:
„I can’t talk freely. I’m missing you, too.“
„Du hast meine Mails nicht beantwortet. Da habe die Telefonnummer herausfinden müssen.“
„We have no internet access here. What about the work?“
„Ich hab‘ das meiste geschafft. Der Rest ist nicht so eilig. Kann ich zu dir kommen?“
„Where do you want to sleep?“
„Bei dir, hätte ich gedacht.“
„My parents wouldn’t allow in their house. However, my bed is hardly large enough for myself. It would be far too small for the two of us.“
„Dann nehmen wir uns ein Hotelzimmer.“
„The next hotel is in the district capital, 15 km away.“
„Das wäre ja nicht schlimm.“
„And it would cause utter scandal. In my parents‘ and the neighbors‘ eyes, I’m still a virgin.“
„Na, vor deinen Eltern möchte ich nicht gerade als böser Verführer und Schänder ihrer Tochter dastehen.“
„How is Verena?“
„Sie hat deine Schaukel entdeckt und vorhin benutzt, bis es ihr zu kalt geworden ist.“
„As long as she doesn’t discover my other toys … I’ll be back tomorrow afternoon.“
„Soll ich dich vom Bahnhof abholen?“
„This would be fine. My train will arrive at .. wait .. 17:08“
„Gut. Ich muss Verena ohnehin um drei zum Zug bringen.“
„And what will you do in the meantime?“
„Ich nehme mein Notebook mit und arbeite bis der Akku aufgibt.“
„Have a good night. And sweet dreams.“
„Dir auch eine gute Nacht. Schlaf schön.“
Natürlich wollten meine Eltern wissen, wer mich so dringend am Ostersonntag abend sprechen wollte. Da war die Erklärung mit dem wichtigen Kunden durchaus plausibel.

Am Ostermontag sah ich keine Möglichkeit, mich vor dem Kirchgang zu drücken. Also verbrachte ich eine langweilige Stunde auf den unbequemen Sitzen.
Nach dem Verlassen der Kirche standen viele Besucher noch in Grüppchen zusammen, um den neuesten Klatsch auszutauschen. Das beherrschende Thema war der Pfarrer des Nachbardorfes, dessen Geliebte angeblich ein Kind bekommen hatte. Die Leute regten sich vor allem darüber auf, dass das anscheinend ohne ernsthafte Konsequenzen für den Pfarrer geblieben war, statt sich über einen normal veranlagten Pfarrer zu freuen.
„Die katholische Kirche ist mittlerweile froh über jeden Priester, der nicht pädophil oder homosexuell ist“, lag mir auf der Zunge. Ich konnte es gerade noch unterdrücken, denn ich, das unschuldige, brave Töchterchen, kann schließlich gar nicht wissen, dass es so etwas überhaupt gibt.

Das nachmittägliche Kaffeetrinken wurde früher als gewöhnlich abgehalten, damit ich meinen Zug noch erwischen konnte. Wie geplant, holte Carsten mich ab und wir verbrachten noch einen wunderschönen Abend sowie eine wunderschöne Nacht zusammen.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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Eine Antwort zu Hundertsiebenundzwanzig

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