Hundertsechzehn

Obwohl die Feier erst um 16:30 Uhr anfangen sollte, war ich bereits gegen vier bei Novosyx. Ich hatte gehofft, Carsten noch vorher zu treffen, aber er führte gerade ein Gespräch und kam erst kurz vor halb fünf aus seinem Büro. So hatten wir keine Zeit, außer der Begrüßung noch ein paar Worte zu wechseln.

Ich trug mein langweiligstes und spießigstes Businesskostüm, pflaumenfarben und mit italienischer Länge, dazu eine Bluse in altrosé und hochhackige schwarze Pumps. Noch dezenter hätte ich mich kaum kleiden können und ich ging davon aus, dass Carsten dies auch als dem Anlass und meiner „neuen Position“ entsprechend akzeptieren würde.

Die Sekretärin feierte zwar heute ihren Ausstand, würde aber trotzdem noch bis Ende März, also noch nächste Woche, ganz regulär arbeiten.

Die Feier fand in der sogenannten Cafeteria statt, ein größerer Raum mit einigen Tischen, Sitzgelegenheiten, Getränke- und Snackautomaten. Auf einem großen Tisch an der Seite war ein kleines Buffet aufgebaut. Es waren an die 30 Personen anwesend, die meisten wohl Mitarbeiter von Novosyx, aber auch ein paar private Kontakte der Sekretärin.

Carsten eröffnete die Feier mit einer kurzen Ansprache, in der er sich für“ viele Jahre der vertrauensvollen Zusammenarbeit“ bedankte, und der Sekretärin auch im Ruhestand noch alles Gute wünschte.
Zwar stand ich die meiste Zeit direkt neben Carsten, aber er beschränkte sich auf ein Minimum an Körperkontakt. Da hätte ich auch daheim bleiben können. Schließlich sollte meine Anwesenheit ja vor allem unseren neuen Beziehungsstatus demonstrieren.

Kurz nach sieben verließen wir die Feier und fuhren zu meiner Wohnung. Carsten war ungewöhnlich schweigsam und unkonzentriert.

Kaum hatte ich die Wohnungstür von innen geschlossen, fiel Carsten plötzlich über mich her. Wir schafften es nicht mehr zum Sofa, geschweige denn ins Schlafzimmer.
Just for fun, wehrte ich mich ein bisschen. Zum Glück ließ er sich davon nicht irritieren, sonst hätte ich ein Problem gehabt.

Erst danach fiel mir auf, wie unbequem der Fußboden war. Carsten war inzwischen wieder aufgestanden und half mir, ebenfalls wieder auf die Füße zu kommen.
In meinem Rock war ein Riss und an der Bluse fehlten zwei Knöpfe.
Carsten war leicht verlegen: „Verzeih. Ich hoffe, ich habe dir nicht weh getan.“
Ich schüttelte lachend den Kopf: „Nein, alles super. Nur meine Kleider halten nicht so viel aus wie ich.“
„Das tut mir leid. Kauf dir was neues, ja.“ Er wollte einige 50-Euro-Scheine auf den Tisch legen, aber ich winkte ab: „Das kann ich, glaube ich, wieder nähen. Und wenn nicht, ist es auch nicht schade drum.“

Da wir uns bereits am Buffet satt gegessen hatten, hatten wir keinen Hunger und setzten unsere Unterhaltung, wenn auch nicht ganz so heftig, direkt im Schlafzimmer fort.

Das Wochenende steht bevor. Carsten hat versprochen, mich zwischen drei und vier heute nachmittag abzuholen.
Mir tut der Rücken etwas weh. Ich muss wohl halb auf einem Schuh gelegen haben. Der eine Absatz ist ziemlich ramponiert.

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Über breakpoint AKA Anne Nühm

Die Programmierschlampe.
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Eine Antwort zu Hundertsechzehn

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