Hundertneun

Pünktlich um 11:45 Uhr war ich gestern bei Carsten’s Büro.
Das Sekretäriat ist derzeit vormittags doppelt besetzt, weil die alte Sekretärin, die demnächst in Rente geht, die neue einarbeitet. Diese war aber heute bereits im Aufbruch begriffen.
Carsten’s alte Sekretärin ließ mich nur einen Augenblick warten, und geleitete mich dann in sein Büro.
Als sie die Tür von außen geschlossen hatte, steuerte ich direkt auf Carsten zu, aber er wehrte mich ab: „Nicht hier, setz dich da drüben hin. Kaffee?“
„Immer.“
Er wies die Sekretärin über die Sprechanlage an, uns zwei Tassen Kaffee zu bringen. Als sie dies kurz darauf tat, erklärte er ihr noch, dass er unter keinen Umständen gestört werden wolle.

Ich war mittlerweile ziemlich gespannt, was es so geheimnisvolles zu bereden gab.
Endlich ließ er die Katze aus dem Sack: „Es ist nicht notwendig, dass du am Donnerstag mit nach Stuttgart kommst?“
„Wieso nicht? Das hatten wir doch so geplant und abgesprochen.“
„Ich brauche deine Unterstützung nicht. Du kannst hier bleiben.“
„Du willst nicht, dass ich mitkomme?“
„Das habe ich nicht gesagt. Aber deine Beratung ist nicht mehr nötig, jetzt da ich mein Ziel erreicht habe. Wenn du willst, komm trotzdem mit. Ich übernehme die Kosten und Spesen, aber“, er atmete tief durch, „ich werde dir kein Honorar zahlen.“
Ich antwortete nicht, sah ihn nur fragend an.
„Sieh mal“, fuhr er fort, „ich war von Anfang an verrückt nach dir. Warum sonst hätte ich jede Gelegenheit genutzt, mit dir zusammen zu sein. Ich habe mich viel mehr Stunden von dir beraten lassen, als es nötig gewesen wäre. Aber das ist jetzt vorbei. Ab sofort brauche ich diese Dienste nicht mehr.“
„Wir haben einen Vertrag!“, warf ich kalt ein.
„Den ich schon längst übererfüllt habe“, gab er knallhart zurück. „Du hast mir längst alle Informationen gegeben, die ich wollte. Das ist jetzt vorbei.“
„Du willst also sagen, dass die ganzen Besprechungsstunden, die Arbeitswochenenden und alles bloß eine Masche waren?“
Carsten nickte: „Wenn du es so ausdrücken willst, ja. Du weißt doch, dass mein Verstand aussetzt, wenn es um dich geht. Darum habe ich sogar deinen ziemlich überzogenen Stundensatz gezahlt. Jedem anderen hätte ich den Stundensatz deutlich heruntergedrückt.“
„Mit anderen Worten, du hast mich gekauft, und ich habe es nur nicht gemerkt.“ Eine eisige Kälte machte sich in mir breit.
„So solltest du das nicht sehen. Ich habe mir Zeit mit dir zusammen gekauft. Und es war mir jeden Cent wert!“
„Du hättest mich einfacher und schneller haben können.“
„Ich weiß, aber es ging mir nicht um einen One-Night-Stand. Verdammt, ich hätte dir das wohl schonender beibringen sollen. Aber ich dachte wirklich, dass du das professioneller aufnimmst. Du hast doch keinen Schaden dadurch, sondern sogar noch mehr Gewinn gemacht, als du erwartet hattest.“
Ich antwortete nicht, sondern zählte innerlich meine Optionen auf: ohne besondere Reaktion zur Tagesordnung übergehen, hysterische Szene, eventuell mit Tränen, sofortiger Abbruch aller Kontakte.
Dann stand ich auf: „Ich werde mir noch überlegen, welche Konsequenzen ich aus deinen Ausführungen ziehen werde.“
Carsten wirkte erleichtert: „Dann bis heute abend!“
„Falls deine Gesellschaft erwünscht ist, werde ich dich das rechtzeitig wissen lassen“, erwiderte ich unverbindlich und verließ das Büro.

Wieder daheim, kam mir meine Reaktion selbst nicht mehr ganz rational vor, was jedoch nichts daran änderte, dass mein Vertrauen in Carsten schwer erschüttert war.
Ich überlegte ernsthaft, ob ich die Beziehung nicht beenden sollte, entschied mich dann dagegen. Schließlich war Carsten als Liebhaber phänomenal. Warum hätte ich darauf verzichten sollen?
Ich ließ ihn noch eine Weile schmoren, erst gegen fünf mailte ich ihm, dass er kommen dürfe.

Knapp eine Stunde später war er da. Er hatte mir eine große Schachtel Trüffelkugeln mitgebracht. Verdammt, er weiß genau, wo meine Schwachpunkte sind!
Ich empfing ihn trotzdem kühl und distanziert.

„Du grollst mir noch“, stellte er fest.
Ich zuckte gleichgültig die Achseln: „Das braucht dich nicht abzuhalten.“
„Hör mal, ich wollte nie eine kurzfristige Affäre mit dir. Das sollte dich doch eigentlich freuen. Ich will dich als Frau an meiner Seite, als Gefährtin, Vertraute, Geliebte. Sag mir, wie ich das bei dir anders hätte angehen sollen!“
„Intra-Layer-8-Kommunikationsprotokolle deckt mein Vertrag nicht ab“, stellte ich fest, ignorierend, dass Carsten den Vertrag praktisch aufgelöst hatte.
Er überlegte kurz. „Dann war das alles wohl ein Fehler. Ich gehe. Es war schön, mit dir Geschäfte zu machen.“
Verdammt! Irgendetwas lief schief. Ich wollte nicht, dass er ging. Verdammte elektrochemische Reaktion in meinem Gehirn, die es mir unmöglich macht, mich zu kontrollieren und klar zu denken.

Ich gab mir einen Ruck: „Halt, warte, ich will, dass du bleibst!“ Ich ließ es zu, dass in meinen Augen Tränen standen. Das bewog ihn wohl, stehen zu bleiben.
Es war jetzt an mir, auf ihn zuzugehen: „Es tut mir leid, wenn ich überreagiert habe“, sagte ich zerknirscht und schaute ihn gleichzeitig aus in Tränen schwimmenden Augen direkt an, „aber das kam alles so unerwartet für mich und hat mich richtig aus dem Gleichgewicht gebracht.“ Ich schmiegte mich an ihn und merkte sogleich, dass das eine Wirkung zeigte.
Ich versuchte nun ein zaghaftes Lächeln: „Bitte bleib und gib uns noch eine Chance.“ (Scarlett O’Hara war eine Dilettantin.)

Er machte sich los von mir und schaute mich unschlüssig an. Schließlich stellte er mir ein Ultimatum: „Ich will keine offene Beziehung. Du weißt, was ich meine.“
„Verdammt, ja“, gab ich nach, „du hast mich sowieso schon für alle anderen Männer verdorben.“

Nachdem wir unsere Versöhnung gebührend gefeiert hatten, rührte sich mein Magen. Durch den ungewöhnlichen Mittagstermin war meine Nahrungsaufnahme wohl etwas zu kurz gekommen, zumal ich danach keinen Appetit mehr hatte.
„Heute gehen wir aber aus zum Essen“, meinte Carsten bestimmt, während er mit meiner Strapsstrumpfhose spielte.
„Bitte verschlenker mir das nicht“, bat ich ihn, „die Topologie ist nicht-trivial.“
„Das sehe ich. Wie schaffst du es nur, das anzuziehen?“
„Das demonstriere ich dir gerne gelegentlich. Aber wenn wir wirklich noch wegwollen, sollte ich mir jetzt was wärmeres anziehen.“
„Warum hast du es plötzlich so eilig?“
„Du hörst doch, wie mein Magen knurrt.“
„Dein Magen kann schon noch ein bisschen warten“, lachte Carsten und zog mich nochmals aufs Bett.

So wurde es ziemlich spät, bis wir endlich zum Essen kamen. Carsten spendierte ein Fünf-Gänge-Menü in einem der noblesten Restaurants der Stadt. Entsprechend dauerte es seine Zeit und wir kamen erst weit nach elf Uhr zurück in meine Wohnung, wo Carsten wieder entgegen seiner Vorsätze bis zum Morgen blieb.

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Über breakpoint AKA Anne Nühm

Die Programmierschlampe.
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Eine Antwort zu Hundertneun

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