Hundertsieben

Am Wochenende ist viel geschehen.
Ich hoffe, dass ich das alles in diesem einen Blogeintrag unterbringe. Ich muss ja dann auch noch arbeiten.

Carsten kam am Freitag bereits kurz vor sechs, damit wir noch genug Zeit hatten, in Ruhe und ohne Hetze zu essen.
Bevor wir zur Preisverleihung aufbrechen konnten, mussten wir uns noch umziehen, ich im Schlafzimmer und Carsten im Bad.

Ich hatte ein hautenges Cocktailkleid aus grau-schillerndem Stoff gewählt. Es ging bis zu den Knien. Damit ich damit überhaupt laufen konnte, war es an einer Seite bis zur Hüfte geschlitzt. Vorne ging der Ausschnitt fast bis zum Hals, dafür war das Kleid am Rücken großzügig ausgeschnitten. Um den Rückenausschnitt zur Geltung zu bringen, musste ich mir die Haare hochstecken.
Carsten zeigte sich entsetzt, als er mich in dem Kleid sah: „Verdammt, willst du allen die Show stehlen? Hast du nicht etwas schlichteres?“
„Ich habe mich genau an deine Vorgaben gehalten“, erwiderte ich kalt, „eine dezentere Farbe als grau gibt es nicht. Und dass es sehr kurz wäre, kannst du auch nicht behaupten. Tut mir leid, aber meine Garderobe ist nicht so umfangreich, dass ich für derartige Anlässe eine größere Auswahl hätte.“
Carsten seufzte: „Kannst du dir nicht wenigstens ein Tuch oder einen Schal umhängen? Wie soll ich mich so auf meine Ansprache konzentrieren?“
Ich war mittlerweile etwas genervt. Dann merkte ich jedoch, dass er mich nur aufziehen wollte. „Vielen Dank!“, sagte ich würdevoll, „du siehst auch großartig aus!“
Das tat er wirklich, und wäre ich ihm nicht schon längst verfallen gewesen, wäre ich es spätestens jetzt.
Etwas besänftigt, murmelte Carsten: „Naja, wahrscheinlich sähest du auch in einem Kartoffelsack noch atemberaubend aus.“

Wir machten uns auf den Weg und waren kurz vor acht bei der Preisverleihung.
In der zweiten Reihe waren Plätze für uns reserviert.
Carsten war der dritte Redner. Mir war gar nicht bewusst gewesen, was für ein routinierter Redner er war. Er sprach ohne Manuskript. Wenn er sich überhaupt auf die Ansprache vorbereitet hatte, hatte ich es nicht mitgekriegt.
Es fiel mir nicht schwer, begeistert zu applaudieren. Als er zurück auf seinen Platz kam, gratulierte ich ihm zu seiner gelungenen Rede, aber er zuckte nur die Achseln: „Same procedure as every year.“

Beim anschließenden Get-together traf Carsten einige Bekannte (unter anderem der Oberbürgermeister und der Rektor der hiesigen Uni) und stellte mich diesmal nur mit Namen vor. Sonst hatte er immer großen Wert darauf gelegt, mich als seine Beraterin vorzustellen.
Wir machten ein bisschen Smalltalk, beglückwünschten die Preisträger und unterhielten uns kurz mit ihnen.
Als ich beim besten Willen keines der leckeren Tiramisu-Törtchen mehr verdrücken konnte, bat ich Carsten zu gehen.

Auf der Rückfahrt meinte er, es wäre das einfachste, wenn ich gleich mit heim zu ihm fahren würde, da wir morgen ja wieder ein Arbeitswochenende hätten.
Ich antwortete, dass ich mich zumindest umziehen und einiges zum Mitnehmen einpacken müsse.
Also waren wir noch in meiner Wohnung und tranken einen Kaffee, während ich mich umzog und schnell einige Sachen, die ich übers Wochenende brauchte, zusammensuchte.

Am Samstag begannen wir um neun zu arbeiten. Eigentlich war nur die Besprechung für die Stuttgartfahrt von Belang. Alle anderen Themen hatten wir schon mehrfach vorwärts und rückwärts in allen Details durchgekaut. Eigentlich weiß ich nicht mehr, was ich noch viel beraten soll, aber wenn der Kunde es so will, ..

Kurz vor elf fiel mir wirklich nichts mehr ein, und so beendeten wir den geschäftlichen Teil. Zum Mittagessen war es noch etwas früh. Also stellten wir zusammen die Funkwetterstation auf, die ich Carsten zum Geburtstag geschenkt hatte.
Die dazugehörige Software musste noch installiert und einige Einstellungen und Initialisierungen gemacht werden.

Zum Mittagessen hatte Carsten diesmal Tacos und Burritos bestellt. Danach aßen wir noch Eis.

Anschließend brachen wir auf zu einem Spaziergang. Carsten’s Haus liegt am Ortsrand. Es sind viele Feld- und Waldwege in der Nähe.
Teilweise waren die Wege nur schwer begehbar durch Geröll oder morastige Stellen. Ja, meine Schuhe sind dazu nur bedingt geeignet. Carsten half mir an einigen besonders unwegsamen Stellen, indem er mir die Hand gab und mich abstützte.
Ich schätze, wir haben einfach den richtigen Zeitpunkt verpasst, uns wieder loszulassen, denn wir gingen den ganzen Rückweg Hand in Hand.

Tja, um es kurz zu machen (und um nicht zu sehr ins Detail zu gehen, wodurch dieses Blog wahrscheinlich wegen Pornographie gesperrt würde), wir kamen das ganze Wochenende kaum noch aus dem Bett – von den nötigen Essenspausen mal abgesehen.
Einige Superlative sind durchaus angebracht, was man auch dadurch erkennt, dass ich zum ersten Mal seit über zehn Jahren glattweg vergaß, auf Kondome zu bestehen.

Heute morgen sind wir dann in aller Frühe wieder in die Stadt gefahren.
Carsten setzte mich bei meiner Wohnung ab, wollte aber nicht mit rauf kommen: „Nein, kein Quaffee, kein Quickie. Ich bin spät dran. Aber ich versuche, heute Abend früher zu dir zu kommen.“
Wir verabschiedeten uns noch mit einem Kuss, Carsten fuhr weiter ins Büro und ich sitze jetzt wieder hier an meinem Computer.

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Über breakpoint AKA Anne Nühm

Die Programmierschlampe.
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8 Antworten zu Hundertsieben

  1. breakpoint schreibt:

    VierhundertfünfundsiebzigLetztes Jahr hatte ich ja praktisch verpennt, dass wir uns damals genau ein, mittlerweile zwei Jahre vorher kennengelernt hatten. Das passiert mir heuer nicht.

    Ich habe ein Porträtfoto von mir in einen hübschen Rahmen getan, und werde ihm das nachhe…

    Gefällt mir

  2. breakpoint schreibt:

    FünfhunderteinundfünfzigUnser „erstes Mal“ hatte ich damals nicht ausführlich beschrieben. Es hat aber großen Eindruck bei mir hinterlassen, und ich möchte jetzt doch noch – mit geraumer Verspätung – meine Erinnerungen daran verewigen.
    Es war eine ganz neue Erfahrung für mic…

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