Hundertfünf

Carsten kam gestern abend später als erwartet von der CeBIT in Hannover zurück.
Der Zug, in dem er reserviert hatte, war ausgefallen. Folglich musste Carsten lange auf dem zugigen Bahnsteig warten, um schließlich im total überfüllten Zug ohne Sitzplatz zurückzufahren.

Entsprechend erschöpft kam er dann in meine Wohnung. Er hatte sich wohl auch eine Erkältung zugezogen und saß ziemlich abgeschlafft auf meinem Sofa.
Da nützte auch der Kaffee nichts, den wir tranken.

„In dem Zustand lass ich dich keine 30 Kilometer nach Hause fahren“, sagte ich streng, „du bleibst heute nacht hier!“
Er schüttelte den Kopf: „Das ist keine gute Idee. Dein Sofa ist mir viel zu klein.“
„Aber mein Bett ist groß genug für zwei“, erklärte ich und fügte schnell noch hinzu: „Keine Angst, ich vergreife mich nicht an kranken Männern.“
„Davor hätte ich eigentlich keine Angst, aber im Moment gibt es nichts zum Vergreifen“, antwortete er kläglich.

Carsten ging dann tatsächlich auf meinen Vorschlag ein und machte es sich im Schlafzimmer bequem.

Ich blieb noch eine halbe Stunde länger auf.
Als ich schließlich ins Schlafzimmer ging, schlief er bereits tief und fest.
Ich zog mir ausnahmsweise ein Nachthemd an und legte mich dann auch hin.

Am nächsten Morgen wachte ich kurz vor sieben auf.
Carsten schlief noch, halb aufgedeckt und nur in Unterwäsche. Die gewaltige Erektion ließ sich nicht übersehen („I gonna getcha, getcha, getcha“).

Schnell stand ich auf und verschwand erst mal im Bad.
Als ich mich angezogen hatte, war Carsten mittlerweile auch auf und bereits bekleidet. Er hatte gut geschlafen und war wieder fit.

Wir tranken einen Kaffee zusammen.

Obwohl ich wusste, dass Carsten es hasst, unerbetene Ratschläge zu bekommen, ließ ich mich davon nicht abschrecken und sagte: „Der ständige Stress tut dir nicht gut. Du arbeitest jeden Tag zehn, zwölf Stunden. Und dann noch die ganzen Reisen. Du solltest dir wirklich mal ein oder zwei Wochen Erholungsurlaub gönnen.“
Carsten schüttelte den Kopf: „Ich kann mich nicht so einfach von allem ausklinken. Die Firma führt sich nicht von allein.“
„Du hast doch ein eingespieltes Team. Und die wirklich wichtigen und dringenden Angelegenheiten kannst du per Mail erledigen. Da musst du nicht für alles persönlich anwesend sein. Außerdem lief ja auch alles glatt, als du kürzlich in Bangalore warst.“
„Deine Argumente sind zwar stichhaltig, aber alleine in Urlaub zu fahren, gefällt mir nicht. Meine Töchter wollen schon lange nicht mehr mit mir in Urlaub. Und die würden sich auch nicht erholen wollen, sondern eher etwas erleben.“
„Wenn du willst, komme ich mit“, hörte ich mich plötzlich sagen.
Er schaute mich überlegend an und fragte dann: „Meinst du das ernst?“
„Aber sicher. Wenn wir uns auf einen Urlaubsort und Zeitraum einigen können. Ich hätte durchaus etwas Erholung nötig.“
In Erinnerung an früher gemachte Erfahrungen fügte ich hinzu: „Und, ach ja, um Missverständnissen vorzubeugen, ich zahle meinen Anteil selbst.“

Carsten nickte langsam: „Ich muss los, bin schon spät dran. Wir sprechen heute abend drüber. Überleg es dir nicht anders.“

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Über breakpoint AKA Anne Nühm

Die Programmierschlampe.
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2 Antworten zu Hundertfünf

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