Achtundneunzig

Wie geplant traf ich mich gestern mit Carstens Schwester Sonja.

Sie hat eigentlich kaum Ähnlichkeit mit Carsten: nur ungefähr durchschnittlich groß, etwas pummelig, die typische Lehrerin. Trotzdem verstand ich mich überraschend gut mit ihr.

Sie erklärte, sie habe sich Sorgen gemacht, weil Carsten sich immer mehr abgeschottet hätte und überhaupt nicht mehr zugänglich gewesen sei. Umso mehr freue sie sich, dass es jetzt wieder eine Frau in seinem Leben gäbe, die ihm so gut täte.

„Stop! Halt!“ sagte ich, „davon weiß ich nichts. Zudem kann ich mir nicht vorstellen, wie Carsten das in seinem engen Zeitkorsett unterbringen könnte.“

„Sie können mich nicht täuschen. Obwohl ich Sie letzte Woche nur wenige Minuten zusammen gesehen habe, war es ganz offensichtlich, wie gut Sie beide zusammenpassen. Ja, man spürte förmlich, dass es zwischen Ihnen knistert.“

Ich erklärte ihr, dass Carsten und ich vor allem beruflich zusammenarbeiten, dass wir zwar auch etwas Freizeit miteinander verbracht hätten, aber alles nur auf einer rein platonisch-freundschaftlichen Basis.

Sie glaubte mir wohl nicht so ganz, bohrte aber auch nicht nach.

Stattdessen erzählte sie mir – ohne dass ich sie explizit danach gefragt hätte – von Ingrid, Carsten’s Frau.
Ingrid war Betriebswirtin gewesen und in den Aufbaujahren von Novosyx hatte sie sich um die kaufmännischen Belange gekümmert – Dinge mit denen Carsten nichts zu tun haben wollte. Es war wohl eher eine Zweckgemeinschaft, aber nach der Geburt der Kinder zog Ingrid sich aus dem Geschäft zurück.
Novosyx war mittlerweile gewachsen und für Carsten hatte es absoluten Vorrang. Er war nie ein Familienmensch, für ihn zählte nur die Arbeit.
Die Ehe war ohne größere Höhen und Tiefen, konventionell und mit den statistischen zwei Kindern.

Sonja wiederholte noch mal, dass sie Carsten schon lange nicht mehr so entspannt erlebt hätte, und ich bemerkte, dass meines Wissens die Geschäft zur Zeit recht gut liefen.

Nach etwa einer dreiviertel Stunde verabschiedeten wir uns voneinander. Ich macht noch ein paar kleine Einkäufe und war um halb sechs wieder daheim.

Natürlich erzählte ich Carsten am Abend alles brühwarm. Zum einen hatte ich es ihm versprochen, zum anderen war ich auch neugierig, wie er reagieren würde.

Carsten regte sich ziemlich auf: „Da siehst du, auf welche widersinnige Ideen diese Frau kommt! In alles muss sie sich einmischen!“
„So sehr widersinnig finde ich die Idee gar nicht“, entgegnete ich ruhig.
„Unsinn! Warum sollte sich eine junge, attraktive, intelligente Frau mit einem alten, langweiligen und rechthaberischen Workaholic einlassen!“
„Du bist nicht alt. Und langweilig schon gar nicht. Rechthaberisch allerdings schon.“
Als er nicht gleich antwortete, fügte ich hinzu: „Du solltest nicht sauer auf deine Schwester sein. Ihr liegt wirklich viel an dir.“
„Wenn ich deinen Rat benötige, lasse ich es dich wissen,“ erwiderte er kurz.

Bald darauf verabschiedete er sich.

Advertisements

Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Achtundneunzig

  1. Pingback: breakpoint’s Wayback Archive #07 //1584 | breakpoint

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s