Sechsundneunzig

Als Easteregg nutze ich ein erotisches (aber ganz harmloses) Foto von mir, das angezeigt wird, wenn eine bestimmte Tastenkombination gedrückt wird.

Ich war gestern nachmittag gerade damit beschäftigt, die Easteregg-Funktionalität etwas zu ändern und musste deshalb das Foto in ein anderes Format konvertieren, als gegen zwei Uhr das Telefon klingelte.

Es war Carsten: „Hallo, ich habe gerade meine Tochter zum Bahnhof gefahren und bin in der Stadt. Hast du Lust auf einen Spaziergang durch den Stadtpark?“
Ich war leicht überrascht, da ich nicht damit gerechnet hatte, heute von ihm zu hören, sagte dann aber zu. Das Easteregg war nicht so dringend, eine typische Sonntagsarbeit halt.

„OK, ich hol dich in fünf bis zehn Minuten ab“, und er hatte schon aufgelegt.

Ich musste mich jetzt erst mal schnell umziehen. Mit diesem Schlabbershirt konnte ich nicht weg.
Leider vergriff ich mich etwas in der Garderobe. Die Sonne schien gerade und ich hatte die blöden Winterklamotten satt. Also zog ich einen meiner Miniröcke an.
In einem Business-Knigge habe ich mal gelesen, dass der Rock mindestens eine Handbreit über das Knie gehen soll. Meiner endete fast zwei Handbreit über dem Knie, also war ich auf der sicheren Seite 😉

Es klingelt an der Tür und ich ließ Carsten herein.
Meinen Computer hatte ich ganz vergessen. Die Tür zum Arbeitszimmer stand offen, so dass man vom Wohnzimmereingang aus direkt auf den Monitor schauen konnte, wo immer noch mein Easteregg-Foto angezeigt wurde.
„Sehr hübsch“, meinte Carsten, „mailst du mir das?“
„Aber klar doch, und du schickst mir eins von dir!“
„So ein reizvolles Bild habe ich leider nicht. Aber deins wird mein neues Desktop-Hintergrundbild.“
„Kannst du dich denn dann noch auf deine Arbeit konzentrieren?“
„Du hast recht, das wird problematisch.“
Ich musste lachen: „Ich hab noch mehr davon“ (nicht alle so harmlos), „willst du die auch?“
„Du legst es wohl drauf an, mich vollends von der Arbeit abzuhalten?“
„Wenn das mein Ziel wäre, würde ich es persönlich erledigen und nicht nur in 2D mit 24 bit Farbauflösung.“

Ich hatte mir mittlerweile noch einen kurzen Wollmantel und meine Schuhe angezogen. Den Computer schickte ich per Tastendruck in den Winterschlaf, und wir verließen die Wohnung.

Das Wetter war leidlich schön, allerdings bei weitem nicht so warm, wie ich es mir erhofft hatte. Obwohl ich mein Kopftuch aufsetzte, fing ich schon bald an zu frieren und ließ es mir gern gefallen, dass Carsten seine Jacke über mich legte. Sehr wirksam war das allerdings nicht. Obenrum war mir durch den Mantel eigentlich warm genug, aber an den Beinen war mir kalt.

Um zum Park zu kommen, mussten wir erst ein Stück durch die Innenstadt und kamen an einem Juwelier vorbei, als Carsten meinte: „Du hat noch was gut bei mir, ich würde dir gerne etwas schenken.“
„Du hast mir doch erst Pralinen geschenkt.“
„Nein, ich meine etwas bleibendes. Ich wette, die Pralinen hast du schon längst aufgegessen. Wie wär’s mit einem Schmuckstück?“
„Nein, ich trage keinen Schmuck. Der nervt mich. Mir ist schon meine Armbanduhr lästig genug.“
Da fiel mir ein, dass meine Uhr in letzter Zeit gelegentlich Aussetzer hatte und ich erwähnte, dass ich eher eine neue Uhr gebrauchen könne.
„OK, dann schenke ich dir eben eine Uhr.“
„Die will ich mir aber selbst aussuchen.“
„Du traust meinem Geschmack wohl nicht.“
„Nicht so ganz“, gab ich zu. Ich hatte tatsächlich etwas Angst, dass er mir so ein teures analoges Ding anbringt. Warum sich manche Leute so eine Uhr zulegen, konnte ich noch nie nachvollziehen.
„Gib mir ’ne Chance. Wenn dir die Uhr nicht gefällt, kannst du sie ja umtauschen.“

Ich war einverstanden und wir betraten jetzt den Stadtpark.
Wenigstens hatte ich mich bei Schuhen nicht vergriffen. Mit Stöckelabsätzen wäre ich nämlich im weichen Boden eingesunken.
Es waren überraschend viele Leute unterwegs, obwohl das Wetter immer mehr zuzog.

Als es später zu regnen und sogar zu graupeln begann, fanden wir Unterschlupf in einem nahegelegenen Café.
Wirklich, das Wetter hat schon etwas aprilartiges.

Wir unterhielten uns weiterhin gut, aßen später noch zusammen zu Abend.
Danach brachte mich Carsten nach Hause.

„Magst du dir mit mir noch Slumdog Millionaire ansehen?“ fragte ich ihn unten vor der Haustür.
„Würde ich gern. Es wird mir aber zu spät. Ich muss heute noch einige Akten durchgehen.“
„Du arbeitest zu viel!“
„Ich habe das ganze Wochenende noch nichts getan und den Inhalt der Akten muss ich morgen früh präsent haben,“ rechtfertigte er sich.
„Wie wär’s dann mit einem Kaffee?“
Er zögerte, meinte schließlich: „Also gut, aber nur auf einen schnellen Kaffee.“
„Dann nennen wir ihn einfach Quaffee.“

Carsten blieb dann tatsächlich weniger als eine halbe Stunde und ich schaute mir Slumdog Millionaire eben alleine an.

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Über breakpoint AKA Anne Nühm

Die Programmierschlampe.
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5 Antworten zu Sechsundneunzig

  1. breakpoint schreibt:

    SechshundertneunundsiebzigEndlich ist Ostern vorbei!

    Am Samstag Nachmittag platzte Carsten endgültig der Kragen (nachdem die Kinder u.a. eine Überschwemmung im Gästebad verursacht hatten), und er schmiss Patrick mitsamt Erstfamilie raus. Verena war hin- und hergerissen, ob s…

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