Dreiundneunzig

Der gestrige Abend endete desaströs.
Ich werde mich nie wieder auf so eine Idee einlassen!

Carsten kam gegen dreiviertel sieben, also waren wir ganz gut in der Zeit.
Er hatte Schwarzwälder Kirschtorte für uns mitgebracht.
Aber darauf musste ich erstmal verzichten.

Ich gab vor, bei „diesem schönen Wetter“ einen kleinen Abendspaziergang machen zu wollen, dann musste ich ihn nur noch in die richtige Richtung zu diesem Restaurant dirigieren.

Eigentlich war er müde, aber es gelang mir – mit nicht ganz fairen Mitteln – ihn zu überreden.
Das Restaurant etwa war eine halbe Stunde zu Fuß entfernt und der Spaziergang war noch recht nett. Beim Restaurant angekommen, erklärte ich, ich hätte hier kürzlich möglicherweise meinen Schirm vergessen (eine infame und nicht sehr plausible Lüge) und wolle mal schnell nachfragen, ob er noch dasein.
Carsten wollte eigentlich draußen warten, kam aber dann doch mit rein.
Ich lotste ihn ins Nebenzimmer, wo seine Verwandten und Freunde warteten.

Carsten war zwar überrascht, aber wohl alles andere als angenehm.

In dem Raum waren knapp zwanzig Personen, darunter Carstens Töchter und der unvermeidliche Verlobte. Ich lernte Carstens Bruder, HNO-Arzt, und seine Schwester, Studiendirektorin für Deutsch und Geschichte, kennen. Ihr etwa 16-jähriger Sohn glotzte mich an, als sei ich von einem anderen Planeten.

Da ich mich unter den fremden Menschen nicht wohl fühlte, setzte ich mich so schnell wie möglich ab und lief wieder heim.

Zuhause gönnte ich mir erst mal ein ausgiebiges Schaumbad.
Ich war gerade im Begriff, aus der Wanne zu steigen, als es an Tür Sturm klingelte.
Also hüllte ich mich schnell in ein Badetuch und öffnete die Tür.

So wütend hatte ich Carsten noch nie erlebt. Wie ich dazukäme, ihn so reinzulegen, mich mit seiner Schwester gegen ihn zu verschwören, wo er doch solche Überraschungen und Parties hasst und ohnehin seinen Geburtstag am liebsten ignoriert hätte. Dies sei ein unwiederbringlicher Vertrauensverlust.

Ich ließ ihn zunächst austoben. In meinem Badetuch hatte ich eh eine ungünstige Verhandlungsposition.
Als Carsten endlich eine Pause machte, um Luft zu holen, sagte ich so ruhig wie möglich:
„Es war nicht meine Absicht, dich zu verärgern. Als deine Tochter bei mir anrief, wollten wir dir nur eine Freude machen. Offensichtlich ist dies nicht gelungen, ganz im Gegenteil.
Es tut mir wirklich leid und ich möchte mich dafür bei dir entschuldigen.“

Als Carsten nicht antwortete, sondern nur heftig atmend dastand, fügte ich hinzu: „Was erwartest du jetzt von mir? Entschuldigt habe ich mich bereits. Wenn du das nicht akzeptieren kannst, ist es wohl besser, du gehst jetzt.“

Wortlos drehte Carsten sich um und verließ meine Wohnung.

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Über breakpoint AKA Anne Nühm

Die Programmierschlampe.
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2 Antworten zu Dreiundneunzig

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