Sechsundfünfzig

Carsten’s Sekretärin geht nächstes Frühjahr in Rente. Deshalb sucht er jetzt schon eine Nachfolgerin, damit genügend Zeit zur Einarbeitung bleibt.

Gestern früh gegen acht klingelte mein Telefon. Es war Carsten, um mich zu bitten, kurzfristig bei den Vorstellungsgesprächen teilzunehmen, da seine Mitarbeiterin, die das Personal betreut wegen Krankheit nicht anwesend sein konnte.
Ich war erst mal perplex, denn was habe ich mit seiner Firma und insbesondere seinem Personal zu tun?

Es stellte sich heraus, dass er mich als „Aufpasserin“ braucht. Es hat wohl in seinem Bekanntenkreis schon mehrfach Fälle gegeben, bei denen Bewerberinnen dem Chef Avancen gemacht haben und, wenn dieser nicht darauf eingegangen ist, ihn wegen sexueller Belästigung erpresst oder verklagt haben.
„Und wenn er darauf eingegangen ist?“, konnte ich mir nicht verkneifen zu fragen.
„Dann ist das ganze wohl nie bekannt gemacht geworden“, meinte Carsten, „wie auch immer, ich suche eine Sekretärin, die nur ihren Job macht und mich in Ruhe lässt.“
Deshalb gibt es die Direktive, dass Bewerbungsgespräche nur mit Zeugen, möglichst Frauen, gehalten werden.

Da sonst gestern niemand geeignetes in seiner Firma zur Verfügung stand, war ich Carsten eingefallen.

Ein paar Fragen hatte ich noch:
„Aber wir waren doch auch schon oft unter vier Augen alleine?“ – „Ja, aber Sie kenne ich mittlerweile und es existiert ein gewisses Vertrauensverhältnis.“ (soso ..)
„Warum stellen Sie nicht einfach einen Mann ein, dann hätten Sie das Problem wohl nicht.“ – „Obwohl wir die Stelle geschlechtsneutral ausgeschrieben haben, hat sich kein Mann gemeldet. Da will wohl keiner als Sekretär arbeiten.“

Ich hatte gestern keinen anderen Termin und so sagte ich zu, sofort zu ihm ins Büro zu fahren.

Sieben Bewerberinnen waren in die engere Wahl gekommen. Eine hatte keine Zeit gehabt, eine hatte zwischendurch abgesagt, weil sie eine andere Stelle gefunden hatte, und eine Dritte hatte wegen Erkrankung den heutigen Termin abgesagt.
So blieben noch vier Kandidatinnen übrig, mit denen wir jeweils ein Vorstellungsgespräch führen mussten.

Carsten stellte mich als seine Beraterin vor – was ich ja auch bin, wenn auch nicht in Personalangelegenheiten. Ansonsten saß ich halt nur schweigend dabei und erfüllte meine Rolle als Zeugin und Aufpasserin.

Wahrscheinlich war meine Anwesenheit wirklich sinnvoll, denn mir fiel schon auf, dass die eine oder andere versuchte, ihre „Reize“ einzusetzen.
Mich kann man da nicht täuschen, denn ich habe selber die ganzen Tricks drauf, wie Rocksaum hochziehen, unauffällig einen Blusenknopf öffnen, und so weiter.

Carsten war von der Auswahl nicht sehr angetan, aber eine weitere Bewerbungsaktion wollte er auch nicht durchführen.
So entschied er sich schließlich für eine Frau, die nach der Familienpause wieder ins Berufsleben zurückkehren wollte. Der Nachteil bei ihr ist, dass sie nur Vormittags zur Verfügung steht, während Carsten eigentlich eine Vollzeitkraft benötigt.

Demnächst muss Carsten wieder Bewerbungsgespräche führen, weil er noch einen Entwickler einstellen will.
Da heute alles so glatt gelaufen war, fragte er mich, ob ich wieder bei den Gesprächen teilnehmen würde, diesmal allerdings, um fachliche Fragen zu stellen.

Gerne, wenn ich es in meinem Kalender unterbringe.

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Über Anne Nühm (breakpoint)

Die Programmierschlampe.
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3 Antworten zu Sechsundfünfzig

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